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Theater Dortmund

Ausstatter-Duo für „Faust“ nominiert

DORTMUND Am Freitag wird in Leipzig der „Faust“ verliehen, der Oscar des deutschen Theaters. Nominiert sind auch die Ausstatter der Dortmunder Mammut-Inszenierung „Die Borderline Prozession“.

Ausstatter-Duo für „Faust“ nominiert

Für den „Faust“ nominiert: Mona Ulrich (Kostüme) und Michael Sieberock-Serafimowitsch (Bühne) Foto:Lethen Foto: PHOTOGRAPHIE PHILIP LETHEN

Bühnenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch ist aus Wien via Smartphone zugeschaltet, Kostümbildnerin Mona Ulrich hockt mit uns im Dortmunder Megastore, wo ein paar Türen weiter zu beider Bedauern die Bühne der „Borderline Prozession“ zerlegt wird. „Schade, dass dieses Kapitel nun zu Ende geht. Ich hatte irgendwie gehofft, dass die Prozession weitergeht, auch weil das Herzblut so vieler darin steckt“, sagt Mona Ulrich.

Das Erfolgsstück von Kay Voges war ständig ausverkauft, es wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, jetzt dürfen die Ausstatter sich Hoffnung auf den „Faust“ machen, den wichtigsten deutschen Theaterpreis. Wie sehen Mona Ulrich und Sieberock-Serafimowitsch im Rückblick die Arbeit an der monumentalen Inszenierung? Mit welchen Gefühlen und Erwartungen fahren sie zur Gala nach Leipzig?

Ein Ohr für den anderen
„Mit Vorfreude und einem Kribbeln im Bauch“, antwortet Mona Ulrich (31), die an die 120 Kostüme für das Stück entwarf: „Die gemeinsame Nominierung ist auch eine Anerkennung, dass wir als Team prima funktioniert haben, Michael, Kay Voges und ich.“ Der „Mischa“ sei mehr als ein Kollege, wird sie später sagen. Sieberock-Serafimowtisch sei ein geschätzter Freund, den sie nicht selten um Rat frage, wenn sie beruflich vor einem Problem stehe. „Wir haben instinktiv einen Draht, wir spüren uns bei der Arbeit. Das durch eine Doppelnominierung gewürdigt zu wissen, ist doch wunderbar, weil wir uns als Duo verstehen, wo jeder ein Ohr für den anderen hat.“

Nicht im Traum habe er sich ausgemalt, nach Leipzig eingeladen zu werden, freut sich Michael Sieberock-Serafimowitsch: „Toll, dass ein Haus wie Dortmund in seiner Arbeit wahrgenommen wird, nicht nur die üblichen Verdächtigen der großen Metropolen. Ich sehe das auch als Anerkennung für Kay Voges und den Geist des Miteinanders, den er in Dortmund etabliert hat“, meint der 51-jährige Bühnenbildner. „Unter seiner Intendanz scheint in Dortmund plötzlich alles möglich. So jedenfalls habe ich das erlebt – die machen es in Dortmund, die nehmen jede Hürde, wenn sie für ein Projekt brennen. Insofern ehrt diese Nominierung nicht bloß Mona und mich, sondern ein ganzes Haus.“

Viele Hürden
Hürden gab es viele auf dem Weg der „Borderline Prozession“, Mona Ulrich und Sieberock-Serafimowitsch können ein Lied davon singen. Jawohl, meint der Mann fürs Bühnenbild, die Prozession sei durchaus das kapitale (und daher schwierige) Opus magnum seiner beruflichen Laufbahn: „So eine Chance bekommst du nicht oft, Theater auf völlig neuer Basis zu gestalten. Wo das Publikum auf zwei Seiten sitzt, die klassische Guckkastenbühne nicht existiert, Räume in mehrere Richtungen funktionieren und du gefordert bist, auch den Blick der kreisenden Kamera zu füttern.“

Schon was die schiere Größe angehe, habe die „Borderline“-Bühne jedes Theater gesprengt, so Sieberock-Serafimowitsch. War das Provisorium des Megastores am Ende also eine Chance? „Aber ja. Einen ganzen Kosmos zu bauen, wo vieles sich parallel abspielt, das wäre anderswo definitiv nicht möglich gewesen.“ Voges’ Plan war es, ein Panoptikum des Lebens zu zeigen, erzählt der Mann, der diesem Plan ein Gesicht gab und den Figuren des Stücks eine Heimat. Voges habe Wünsche für Schauplätze geäußert, auf deren Basis er ein Modell gebaut habe, erklärt Sieberock-Serafimowitsch: „Es sollte Wohlfühl-Räume geben und Orte des Unbehagens. Ein Drinnen und Draußen, eine Mauer. Aus solchen Stichworten wuchs das Bühnenbild mit Küche, Bad, Wohnzimmer, ein trister Kiosk, Bushaltestelle und S/M-Studio auf der Rückseite.“

Wie ein Architekt
Er habe wie ein Architekt geplant, erinnert sich der Bühnenbildner: Wo verlaufen Wasser und Strom? Welche Farben geben Wärme, welche Kälte? Wie ist die Akustik der Wohnwaben? Als er mitten in der Arbeit steckte, kam die Hiobsbotschaft: Die Theaterwerkstätten sagten, sie könnten das Bauvolumen nicht stemmen. Zu groß, zu teuer. Wir improvisieren, hieß nun die Parole. Ein Teil der Bauten wurde an eine Firma in Berlin vergeben. Die grüne Badewanne fand sich für kleines Geld in einem Abbruchhaus in Kiel, ein Whirlpool in Halle, ein Sofa in Bonn.

In den Interieurs wurde weiter geprobt, Voges, Mona Ulrich, Sieberock-Serafimowitsch tauschten sich aus. „Wir haben gejammt. Wie Musiker, nur mit Ideen“, nennt Mona Ulrich das. „Bei manchen Schauspielern fand ich sofort das Kostüm, bei anderen spät. Für jeden machte ich vier, fünf Outfits.“ Von 120 Kostümen, meist originär für das Stück genäht, sind die Kleider der „Lolitas“ Mona Ulrichs Lieblinge, auch der Astronautenanzug und ein Engels-Dress von Eva Verena Müller. Mona Ulrich und Michael Sieberock-Serafimowitsch schufteten bis zum Tag der Premiere.Stück, Bühne und Kostüme sind ein Erlebnis, ein Gesamtkunstwerk. Die beiden haben den „Faust“ verdient – wir drücken dem Dreamteam den Daumen.

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