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Schicksal nur erfunden

Künstlerin Rosemarie Koczÿ war gar kein Holocaust-Opfer

Recklinghausen Die Malerin Rosemarie Koczÿ hat ihr Schicksal als Nazi-Verfolgte wohl nur erfunden. Aber warum? Und was ist mit der aktuellen Ausstellung ihrer Werke in der Kunsthalle Recklinghausen?

Künstlerin Rosemarie Koczÿ war gar kein Holocaust-Opfer

Ein Blick in die aktuelle Ausstellung der Kunsthalle Recklinghausen: Rosemarie Koczÿs Lebensthema war der Holocaust. Nur dass sie ihn selbst erlebt hat, stimmt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Foto: dpa

Wie alle anderen Medien sind auch wir auf die Geschichte hereingefallen. „Drei Jahre alt war Rosemarie Koczÿ, Tochter einer jüdischen Familie in Recklinghausen, als die Nazis sie 1942 in eine Außenstelle des Konzentrationslager Dachau verschleppten“, haben wir am 26. August über die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen geschrieben. „Nun kehren 200 Werke aus dem Nachlass dieser Künstlerin, die den Holocaust überlebte, in ihre Geburtstagstadt zurück.“ Nur: Dass Rosemarie Koczÿ Jüdin war und den Holocaust überlebte, hat nicht gestimmt. Historiker der Stadt Recklinghausen haben inzwischen herausgefunden, dass die 2007 in New York gestorbene Malerin ihren Lebenslauf mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ erfunden hat. Sie war keine Jüdin, sondern katholisch getauft.

Eltern und Großeltern waren keine Juden

„Wir haben Belege, dass Eltern und Großeltern römisch-katholisch waren“, erklärt Stadtarchivar Matthias Kordes. Er hat Standesamtsregister und Einwohnermeldekarteien durchforstet. Nach dem sogenannten „Nürnberger Rassegesetzen“ mussten die Eltern von Rosemarie Koczÿ bei der Eheschließung im Jahr 1938 ihre „arische Herkunft“ nachweisen. Diesen Nachweis hat Kordes gefunden. Er konnte sogar die väterliche Familie nach Schlesien und die mütterliche Familie ins sauerländische Olpe zurückverfolgen. Die Ahnen waren allesamt Katholiken. Außerdem sei das Konzentrationslager Traunstein – ein Außenlager des KZ Dachau – , ein reines Männerlager gewesen. Kinder gab es dort nicht.

Kein Eintrag im Opferbuch

Die Nachforschungen hatte Georg Möllers, Dezernent der Stadt Recklinghausen, ins Rollen gebracht. Der studierte Historiker hatte anlässlich der Ausstellung geprüft, ob der Name der Künstlerin in dem von ihm initiierten Online-Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen steht. Dieses tief bewegende „Opferbuch“ hält die Erinnerung an die Ermordeten und Verfolgten des Nazi-Regimes mit Fotos und vielen Informationen wach. Doch in den langen Listen fand sich weder der Name Koczÿ (gesprochen Kotschi) noch der Name der Mutter, der Wüsthoff lautet. Daraufhin regte der Dezernent eine Recherche an. „Auch in der Datenbank des Bundesarchivs gab es die Namen nicht“, so Matthias Kordes.

Großes Medieninteresse

Am Mittwochabend war nun unter dem Titel „Projektionen der Identität“ ein Symposium in Recklinghausen geplant, mit dem die Stadt und die Kunsthalle Antworten auf die vielen offene Fragen finden wollen. Die Ergebnisse sollten ursprünglich erst später veröffentlicht werden. Ein Bericht von WDR-Reporterin Regina Völz am Mittwochmorgen hatte dann doch schon vorher für riesiges Medieninteresse gesorgt.

Künstlerin Rosemarie Koczÿ war gar kein Holocaust-Opfer

Rosemarie Koczÿ im Jahr 1978

Das Symposium ist auch für Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, von großer Bedeutung. „Den Ergebnissen müssen wir uns stellen“, betont er. Schwalm hatte Ende August, erst kurz vor der Pressekonferenz zur Ausstellung, erfahren, dass der Name der Künstlerin in den Registern nicht aufzufinden war. Daraufhin hatte er eine Bemerkung in seinen Vortrag eingeflochten, dass ihr Lebenslauf noch erforscht werden müsse. „Da war die Einladungskarte aber schon gedruckt“, erinnert er sich. Auch im Flyer zur Schau ist noch von Koczÿs Deportation die Rede. Die Saaltexte dagegen hatte Schwalm kurz vor der Eröffnung noch umformulieren können. Insofern müsse man die Ausstellung nicht ändern, sagt er. Aber auch Schwalm stellt sich die große Frage: Warum hat Rosemarie Koczÿ gelogen?

Traurige Kindheit durchlitten

Der Grund liegt wohl in der traurigen Kindheit der Künstlerin, die am 5. März 1939 in Recklinghausen geboren wurde. Sie erlebte als Mädchen eine Odyssee durch Pflegeheime. Schwalm hat mit einer Psychiaterin gesprochen, die ihm den Begriff des „deprivierten Kindes“ erläutert hat. Das sind Kinder, denen die Nestwärme einer Familie fehlt. „Sie konnte wohl als Jüdin besser leben als ein Schicksal als verschubstes Kind zu ertragen“, vermutet Schwalm. Allerdings sei das rein hypothetisch. Koczÿ hatte sich sogar nach jüdischem Ritual bestatten lassen.

Den Witwer der Künstlerin vorsichtig kontaktiert

Schwalm hat auch den Witwer der Künstlerin kontaktiert: „Ich habe ihn vorsichtig angeschrieben“. Doch das hatte keine neuen Erkenntnisse gebracht. Der jüdische Komponist Louis Pelosi (70) lebt in den USA und weiß nichts Näheres. Er hatte Teile des 15000 Werke umfassenden Nachlasses seiner Frau nicht nur nach Recklinghausen gegeben, sondern auch an die renommierte Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Dort war der Wahrheitsgehalt von Koczÿs Biografie, die drei Bände mit 1000 Seiten umfasst, allerdings nicht hinterfragt worden. In Recklinghausen sind sich die Fachleute derweil einig, dass „Geschäftemacherei“ oder das Erzielen höherer Preise auf dem Kunstmarkt bei Koczÿs falschen Angaben keine Rolle gespielt haben. Ganz im Gegenteil, die Malerin hatte ihre Werke häufig verschenkt.

„Eine achtbare Künstlerin“

Und die Kunst selbst? „Wir zeigen Rosemarie Koczÿ nicht, weil sie aus Recklinghausen stammt oder weil sie angeblich Jüdin war, sondern als achtbare Künstlerin“, betont Schwalm. Der Zyklus „Ich webe Euch ein Leichentuch“ mit seinen ausgezehrten Leibern gilt als bewegender Blick auf den Holocaust und war schon 2010 im Jüdischen Museum Dorsten zu sehen. Schwalm: „Wir erachten das Werk als gut und das bleibt es auch.“

Nicht der erste Fall

Auch wenn man es kaum glauben kann: Das ist nicht der erste Fall dieser Art. Stadtarchivar Kordes weist auf den Fall des Binjamin Wilkomirski hin, der 1995 seine Erinnerung als Schoah-Opfer veröffentlichte. Er hielt Vorträge, sein Buch wurde in zwölf Sprachen übersetzt – bis der wirkliche Holocaust-Überlebende Daniel Ganzfried den Mann als Bruno Grosjean enttarnte, der (wie Koczÿ) im Waisenhaus aufgewachsen war. Als „Holocaust-Travestie“ bezeichnete Ganzfried den Fall, der eine heftige Debatte nach sich zog. Der Recklinghäuser Kordes mahnt, auch im Fall Koczÿ an die jüdischen Bürger und ihre Familien zu denken: „Für echte Holocaust-Überlebende ist das eine große Beleidigung.“

Künstlerin Rosemarie Koczÿ war gar kein Holocaust-Opfer

Auch diese Tuschezeichnung hängt in der Kunsthalle Recklinghausen. Foto: dpa

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