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Lesung in Dortmund

Rene Kollo über "Wagner und 50 Jahre Unsinn"

DORTMUND. In die Oper geht Rene Kollo nicht mehr so gerne, weil ihn stört, was er da sieht. Aber zur Lesung aus seinem neuen Buch mit Gespräch kommt er gerne am Sonntag ins Dortmund Opernhaus. Im Interview erzählt der Startenor, warum er viel gerade rücken musste bei Wagner und was ihn am Regietheater ärgert.

Rene Kollo über "Wagner und 50 Jahre Unsinn"

Tenor Rene Kollo liest am Sonntag in Dortmund, singen will er nicht.

Der Vormittag beim Richard-Wagner-Verband ist Auftakt einer Kooperationsreihe zwischen Wagner-Verband und der Dortmunder Oper. Julia Gaß sprach mit Rene Kollo über seine Wagner-Biografie „dem Vogel der heut sang …“.

Sie widerlegen in dem Buch einige Klischees über Wagner wie seine angebliche Judenfeindlichkeit oder seine Nähe zum Nationalsozialismus. Warum war es Ihnen so wichtig, das mal aufzuschreiben? Weil ich mich 50 Jahre darüber geärgert habe über das, was da nach dem Krieg angefangen wurde zu schreiben. Das sind alles Dinge, die unfassbar sind. Wagner war eines der größten Genies, die es je gegeben hat, und es ist unfair ihn immer weiter mit diesen Dingen zu diffamieren. Das wollte ich geraderücken.

Man kann doch nicht durcheinandermischen, was nicht zusammengehört. Wagner war schon sechs Jahre tot als Hitler geboren wurden. Was sollen die denn miteinander zu tun haben? Und Wagner war mit einigen Juden sehr gut befreundet. Drei seiner engsten Freunde waren Juden – und seine Sargträger. Als Wagner starb, war der Erste Weltkrieg noch nicht abzusehen, geschweige denn der Zweite und der Holocaust.  

Sie haben nicht nur alle Wagner-Partien für Ihr Stimmfach gesungen, sondern wahrscheinlich auch viel über Wagner gelesen, dass Sie es besser wissen. Ich habe die ganzen Geschichten gelesen: Wagner und Nietzsche. Alles. Es hat mich immer schon wahnsinnig interessiert. Natürlich habe ich mich da viel mit beschäftigt. Und 50 Jahre diffamierenden Unsinn gelesen.  

In die Oper gehen Sie nicht mehr so gerne, weil sie die viele Inszenierungen und das Regietheater nicht mögen. Der „Ring“ von Castorf in Bayreuth sei „Schnickschnack“ haben Sie gesagt. Ich bin nicht dagegen, dass man Oper modern inszeniert und unsere Sichtweise reinbringt. Nur dürfen nicht völlig neue Charaktere entstehen als die, die eigentlich in dieser Oper vorhanden sind. Aber ich beobachte, dass das langsam wieder rückläufig ist.

Die „Meistersinger“ in Salzburg von Herheim waren sehr schön gemacht. Früher, die Wieland-Wagner-Inszenierungen waren das Grandioseste, was ich überhaupt gesehen habe. Man muss nicht alles auf den Kopf stellen. Aber auch der Götz-Friedrich-Ring in Berlin und der von Chereau in Bayreuth, in dem ich gesungen habe, waren gelungen.  

Haben Sie den Castorf-Ring in Bayreuth gesehen? Ich fahre fast jedes Jahr nach Bayreuth, aus alter Tradition. Ich bin aber nicht oben im Haus, sondern im Weihenstephan und treffe mich da mit Freunden. Das ist Tradition, dort haben sich schon immer alle Sänger getroffen. Ich interessiere mich nicht für die Familie Wagner, ich interessiere mich für Richard Wagner. Was die Familie macht, ist indiskutabel.

Aber ich war im „Rheingold“ und hatte drei Stunden lang Bauchschmerzen. Das war abenteuerlicher Unsinn. Ich habe versucht, es mit Bier im Weihenstephan runterzuspülen. Ausgerechnet die Hauptszene der Nibelungen unter der Erde ist gestrichen. – Gestrichen, das muss man sich mal vorstellen.  

Haben Sie mal eine Rolle abgelehnt, weil Ihnen die Inszenierung nicht gepasst hat? Ja, den „Tristan“ von Everding. Da stimmte die Geschichte mit dem Liebestrank nicht, und dann macht das keinen Sinn. Ich habe ja auch sieben, acht Inszenierungen selber gemacht.  

Kann man bald von Ihnen eine Opern-Inszenierung sehen? Nein, da müsste mich jemand einladen.  

Singen Sie denn noch? Ja, ich hatte gerade in Japan drei Konzerte mit der Winterreise und Dichterliebe und ein Orchesterkonzert. Meine Stimme ist völlig okay. Das ist erstaunlich nach 30 Jahren im Heldentenorfach.  

Und Sie singen auch gerne Lieder von Ihrem Großvater Walter Kollo, dem Operettenkomponisten und sogar von Udo Jürgens. Ja, mit Udo Jürgens habe ich eine Schallplatte gemacht, und wir hatten einen Gala-Abend zusammen in der Dresdner Oper.  

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine nette Szene, dass Sie jeden Abend Wagner auf einem Bild, das bei Ihnen im Flur hängt, einen Handkuss zuwerfen. Hängen da noch andere Lieblingskomponisten? Nein, da hängt nur Wagner. Aber auch Mozart, Beethoven, Bruckner sind meine Lieblinge. Aber Wagner ist, was Oper und 2000 Jahre Kultur betrifft, überdimensional. Da muss man schon niederknien, dass das ein Mensch geschaffen hat.  

Sie haben auch Krimis geschrieben, „Der kleine Tannhäuser“ und einen Kurzkrimi aus der Hagener Oper beim Festival „Mord am Hellweg“. Wollen Sie davon noch mehr schreiben? Nein, das das war einmalig, den zweiten Krimi hab ich auch nur geschrieben, weil die auf mich zugekommen sind. Ich habe aber ein Geschichtsbuch über die deutsche Geschichte bis 1806 geschrieben. Solche Dinge interessieren mich, leider kann man die schlechter verkaufen.

Rene Kollo in Wagners "Rienzi" 2009 in der Deutschen Oper Berlin bei Youtube:

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