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Ruhrfestspiele

"Wut/Rage" führt mit dumpfen Elektro-Beats in die Hölle

RECKLINGHAUSEN Mit einem „Wut/Rage“- Mix aus Texten von Elfriede Jelinek und Simon Stephens setzten die Ruhrfestspiele am Wochenende einen hochaktuellen Schlusspunkt unter ein sehr politisches Festival.

"Wut/Rage" führt mit dumpfen Elektro-Beats in die Hölle

Karin Neuhäuser wickelt während ihrer 20-minütigen Tirade in „Wut / Rage“ ein Tatort-Absperrband auf.

Regisseur Sebastian Nübling schickt das Ensemble des Thalia Theaters Hamburg zu dumpfen Elektro-Beats auf einen Höllenritt, der die hervorragenden Schauspieler zu Höchstleistungen antreibt, das Publikum jedoch bei aller Ekstase und Raserei nach zwei Stunden seltsam unberührt zurücklässt.

Jelinek-Texte werden mit Stephens süffigen Schlaglichtern verbunden

Dabei ist die Idee, Jelineks sperrige Textflächen mit Stephens’ süffigen Schlaglichtern auf eine aus dem Ruder gelaufenen Partynacht zu verbinden, eigentlich genial.

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb ihre Wutrede nach den Anschlägen auf die Satireredaktion „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris 2015.

Motztiraden bekommen ein konkretes Gesicht

Der britische Erfolgsdramatiker Simon Stephens gibt ihren allgemeinen Motztiraden über Religion, Terror und Gesellschaft mit seinem Stück „Rage“ ein konkretes Gesicht.

Inspiriert durch eine Fotoreportage von Joel Goodmans über die Silvesternacht 2015 in Manchester, kanalisiert er den Zorn, zoomt den Blick auf die Straße, wo sich eine trostlose Partymeute vollkommen enthemmt und berauscht aus der verzweifelten Desorientierung und Ohnmacht mit all ihren Ängsten, Wünschen und Vorurteilen in eine gefährliche Aggression reinfeiert.

Karin Neuhäuser spult Wut-Suada ab

Das erste Wort hat Elfriede Jelinek: Geschlagene 20 Minuten lang wickelt Karin Neuhäuser ein Tatort-Absperrband auf und spult dabei die Wut-Suada ab.

Ungerührt ob des Schrecklichen, das passiert sein muss, zieht die Brandwächterin kalt und nüchtern Bilanz.

Terroristen, Rassisten und Wutbürger kommen zu Wort

Der Text lässt den kollektiven Zorn von allen Seiten ungebremst aufeinanderprallen: IS-Terroristen, Rassisten, Gläubige, Ungläubige und Wutbürger kommen zu Wort.

Karin Neuhäuser wickelt und wickelt … „In der Bevölkerung gärt es“, heißt es irgendwann. Kurz darauf kotzt die Spaßgesellschaft ihren ganzen Frust und Stumpfsinn hemmungslos auf die Bühne.

Masse versinkt in Rausch und Gewalt

Da hat sich allerhand angestaut, das jetzt mit Macht nach draußen drängt. Es wird getanzt und getobt, gepinkelt und geflucht, gepöbelt und gegrapscht. Die Wasser-Bomben zerplatzen in Serie.

Und während der wummernde Techno-Sound die Körper durchzuckt, versinkt die verrohte Masse immer mehr in Rausch und Gewalt.

Todes-Chor überrascht mit guten Stimmen

Zwei Polizisten versuchen die hochexplosive Mischung aus desorientierten, frustrierten, prolligen, verschlagenen und aggressiven Menschen, die sich in ihren Macht-Spielen suhlen, in Schach zu halten.

Die analytischen Jelinek-Texte bringen immer wieder Ruhe in die wilde, schweißtreibende Choreografie. In der Gruppe mutieren die einzelnen armseligen Existenzen plötzlich zum Todes-Chor mit überraschend guten Stimmen.

Subtile Akzente und psychologische Feinzeichnung fehlten

Trotzdem gerät Nüblings gesellschaftliches Stimmungsbild zu plakativ. Mehr subtile Akzente, mehr psychologische Feinzeichnung, die Kristof Van Boven als Polizist eindrucksvoll beherrscht, hätten der Inszenierung gut getan.

Als ganz am Ende das „Happy New Year“-Schild blinkt und leuchtet und alle mit unschuldigen Engelsstimmen „Auld Lang Syne“ schmettern, ahnt man, dass der „Spuk der Nacht“ nicht zu Ende ist. Gleich zweimal ertönt die General-Ausrede: „Das Problem ist, wie üblich, dass uns niemand liebt.“

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