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Fußball

„Der Amateurfußball nimmt eine dramatische Entwicklung“

Schwerte Marvin Horn ist als Trainer eines Fußball-B-Ligisten jedes Wochenende auf den Sportplätzen des Kreises Iserlohn unterwegs. Und der 26-Jährige ist jemand, der über den Tellerrand hinausblickt. Vor zwei Wochen hat er via Facebook seinem Frust darüber Luft gemacht, was er beinahe Woche für Woche erlebt: Gewalt auf dem Fußballplatz. Wir haben uns mit Horn getroffen und mit ihm darüber gesprochen.

„Der Amateurfußball nimmt 
eine dramatische Entwicklung“

Marvin Horn ist seit Saisonbeginn der Trainer des B-Ligisten SC Hennen 2. Foto: Manuela Schwerte

Geht die Tendenz insgesamt dahin, dass die Gewalt im Amateurfußball zunimmt?

Das kann man auf jeden Fall so sagen. Sicherlich gab es früher auch schon Probleme. Aber dass es einen klaren Anstieg gibt, zeigen allein schon die Statistiken.

Einen Anstieg von was denn eigentlich? Wovon sprechen wir konkret?

Von Gewalt im Fußball aus Spielersicht. Dabei gibt es ganz sicher auch eine hohe Dunkelziffer, denn viele Sachen werden ja gar nicht erfasst. Wenn so was wie passiert wie erst kürzlich in Hemer, als es zur Massenschlägerei mit Polizeieinsatz und Anzeigen wegen Körperverletzung kam oder davor in Hagen, als Zuschauer den Platz gestürmt haben, steht das in der Zeitung. Aber die kleineren Sachen, bei denen du bedroht wirst, bei denen Spieler geschlagen oder bespuckt werden, kommen ja gar nicht in die Öffentlichkeit.

Und es gibt auch keine Instanz, die diesen Dingen nachgeht?

Richtig. Teilweise tragen die Schiedsrichter solche Sachen noch nicht einmal als besondere Vorkommnisse in den Spielbericht ein. Und dann sieht es für den Verband so aus, als sei es ein ganz normales Spiel gewesen. Das war es häufig aber nicht. Es ist gefährlich, dass wir denken, so etwas gehört einfach dazu und ist ein Stück weit Normalität. Aber so wird es leider aktuell gehandhabt.

Auch von den übergeordneten Stellen wie den Staffelleitern?

Ja. Wir hatten mit dem FC Schwerte in den vergangenen Jahren immer mal Probleme mit einem Verein in Iserlohn, den es mittlerweile nicht mehr gibt – das war der Wahnsinn. Da hat ein Spieler von uns auf dem Weg zur Kabine eine Kopfnuss bekommen. Wir haben uns beim Staffelleiter beschwert, aber das ist einfach im Sande verlaufen.

Ist auch der Umgang der Vereine mit den „Übeltätern“ ein Kritikpunkt?

Auf jeden Fall. Ich finde, letztlich muss man da als Verein sagen: Du spielst hier nicht mehr – und fertig. Bei mir in der Mannschaft würde es das jedenfalls nicht geben. Wenn da jemand meinen sollte, jemanden zu bedrohen oder ihn zu schlagen, da wäre ich kompromisslos. Aber es gibt halt auch viele, bei denen das anders ist. In Nachrodt zum Beispiel kam mir der Trainer lächelnd an der Seitenlinie entgegen und meinte nur: „Ist ein bisschen hitzig, ne? Aber die Jungs sind halt so.“

Da sind wir dann wieder an dem Punkt, dass es offenbar ein Stück weit Normalität ist.

Und dann hast du ja auch keine Verfolgung der „Taten“ – der Schiedsrichter macht nichts, der Verband macht nichts, der Verein macht nichts. Dann ist für den Spieler fast schon normal, dass er jemanden anspucken oder ihm einen Klaps geben kann, wenn der Schiri gerade mal nicht hinguckt.

Das heißt, viele Dinge passieren hinter dem Rücken des Schiedsrichters, richtig?

Klar. Aber da liegt es doch beim Verband zu sagen: Okay, wir müssen da mal Leute hinschicken, die sich das mal aus ganz neutraler Sicht ansehen.

Wissen die Verbandsfunktionäre um die Zustände, und sie tun einfach nichts weil es zu bequem ist? Oder kommt es gar nicht bei denen an?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie Angst haben vor einer Debatte. Denn machen wir uns nichts vor: Es ist ein schmaler Grat, weil die meisten Dinge von Spielern mit Migrationshintergrund kommen – statistisch kann man wahrscheinlich sagen: zwei von drei. Und bevor es jemand in den falschen Hals bekommt: Natürlich darf man nicht alle Spieler mit Migrationshintergrund in einen Topf werfen. Aber das sind leider die Fakten, die man nicht verschönen sollte. Deshalb habe ich schon sehr viel Respekt erhalten als Antwort auf das, was ich geschrieben habe – das wiederum finde ich auch traurig.

Was haben Sie denn für Reaktionen auf Ihren Facebook-Post bekommen?

Es haben sich Leute gemeldet, die geschrieben haben: „Sehe ich ganz genauso. Cool, dass du es so offen schreibst.“ Da denke ich dann: Hey, ich habe doch gar nichts Schlimmes geschrieben. Aber manche haben offenbar schon Angst, so etwas zu äußern – entweder, weil sie fürchten, in eine ausländerfeindliche Ecke gestellt zu werden oder weil sie Angst haben, dass es gelesen wird und es ihnen an den Kragen geht. Und wenn Leute schon Angst haben, so was zu sagen, dann haben die Schiedsrichter wahrscheinlich noch mehr Angst und dann hat möglicherweise auch der Verband Angst. Ich weiß nur: Wenn wir mal was angesprochen haben, ist es im Sande verlaufen. Wenn es zum Beispiel in einem Hinspiel Mega-Probleme gegeben hat und wir wünschen uns deshalb für das Rückspiel, dass jemand vom Kreis oder Verband kommt, dann sollst du als kleiner Verein noch dafür bezahlen.

Zusammengefasst hört sich das nicht nach einer allzu rosigen Perspektive für die Zukunft an. Oder gibt es Anlass zu der Annahme, dass sich an den Zuständen etwas ändert?

Nee, tendenziell eher nicht. Was tun wir denn dagegen, dass es eine positive Veränderung geben könnte?

Was ist die Antwort auf diese Frage?

Da gibt es nichts. Okay, der Verband und der Kreis haben eine Hand-shake-Kampagne gemacht. Das ist gut und schön, aber mal ganz ehrlich: Eine Handshake-Kampagne vor dem Spiel ist dasselbe wie der Fair-Play-Gedanke – in der 90. Minute schießt du den Ball auch nicht ins Aus. Insgesamt sehe ich keine Besserung. Wo soll sie denn auch herkommen? Es gibt keine Bestrafung, es gibt keine Verfolgung der Taten in der angemessenen Art und Weise. Diese Spieler machen es einfach – auch deshalb, weil sie merken, dass sie damit durchkommen.

Sie machen sich also echte Sorgen.

Das ist so. Der Amateurfußball nimmt meiner Meinung nach eine dramatische Entwicklung, die natürlich auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist. Die Hemmschwelle zu Straftaten ist immer niedriger geworden. Das ist auch eine Art von fehlender oder planloser Integration, die wir im Fußball aber auch nicht leisten können. Insofern sehe ich schon die Gefahr, dass da auf Jahre ein Problem entsteht.

Wie kann man als einzelner Verein diesem Trend entgegenwirken?

Als einzelner Verein ist das schwierig. Wir brauchen einen Verband und einen Kreis, der in aller Härte durchgreift. Letztlich brauchen wir aber auch die Spieler in den Mannschaften. Es ist ja nicht so, dass bei gewissen Mannschaften alle elf an einem Rad drehen. Es sind dann auch die vernünftigen Spieler gefordert, es muss ein Selbstreinigungsprozess innerhalb dieser Mannschaften stattfinden.

Sprechen wir eigentlich von Einzelfällen oder würden Sie sagen, dass man Wochenende für Wochenende mit Spielen rechnen muss, in denen etwas passiert?

Meine Erfahrung ist, dass es fast an jedem Sonntag auf den Sportplätzen im Kreis Iserlohn vorkommt, dass ein Spiel nicht normal zu Ende geht. Man regt sich dann nach dem Spiel darüber auf, aber das war´s dann auch. Der Spieler ist nicht vom Platz geflogen, der Schiri hat es nicht gesehen, und im nächsten Spiel macht er es eventuell wieder. Ich sehe es ja bei uns: Von den ersten acht Saisonspielen mit dem SC Hennen 2 waren vier oder fünf entweder mit einer Tätlichkeit oder Beleidigung dabei. Da höre ich als Trainer dann, wie ein Spieler sagt: Pass auf, gleich hau´ ich Dich um – und zehn Sekunden später rauscht er in die Beine seines Gegenspielers. Wenn ich mich dann darüber aufrege, werde ich auch noch beleidigt und bedroht. Und der Schiri macht gar nichts.

Haben sie denn vom Verband schon mal jemanden zu dieser Thematik kontaktiert?

Bisher noch nicht. Aber ich werde definitiv mit Horst Reimann vom Kreis Iserlohn mal über die eine oder andere Sache reden. Er ist ja häufiger auch in Hennen auf dem Platz, zu ihm habe ich noch am ehesten einen Bezug. Ich befürchte zwar, dass auch da wieder Vieles einfach im Sande verlaufen wird. Aber vielleicht entsteht ja auch ein gewisser medialer Druck. Ob das klappt, weiß ich nicht. Aber darüber, dass nicht alles rosig ist, sollte man schon mal debattieren, finde ich.

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