Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Angstmacher voller Furcht: H.P. Lovecraft

Berlin. Ein literarischer Enkel von Edgar Allen Poe und Übervater von Stephen King ist neu zu entdecken. Der Mann aus Neuengland erscheint als furchtsamer Beobachter einer Zeit, die sich zu schnell verändert.

Angstmacher voller Furcht: H.P. Lovecraft

„Das Werk“ von US-Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft. Foto: Fischer Verlage

In einer Welt unbarmherziger Dämonen und uralter Gottheiten ist der moderne Mensch nur Spielball und Opfer. Der US-Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft - kurz H. P. Lovecraft genannt - hat dieses Motiv immer wieder aufgegriffen. 

Der Amerikaner gilt als einer der einflussreichsten Pioniere des Horrorgenres. Der Bestseller-Autor Stephen King beruft sich offen auf ihn als literarischen Übervater. Auch der Kinoklassiker „Alien“ hat - wie viele andere Leinwandschocker auch - klare Bezüge zu Lovecrafts Welt.

Dennoch starb der Mann aus Neuengland im Jahr 1937 einsam, arm, erfolglos und vom Leben enttäuscht - mit nur 46 Jahren. Eine neue Werkausgabe lädt dazu ein, Lovecrafts Pandämonium neu zu entdecken.

Der Prachtband „Das Werk“ begeht einen kleinen Etikettenschwindel, handelt es sich doch nicht um eine Gesamtausgabe. Herausgeber Leslie Klinger hat stattdessen eine Auswahl wichtiger und repräsentativer Erzählungen getroffen. Es sind Geschichten, die zu Lovecrafts Lebzeiten nur in Schundmagazinen wie „Weird Tales“ erschienen sind. 

Ihre außerordentliche Qualität lässt sich darin ermessen, wie wenige Zeilen Lovecraft braucht, um den Leser tief in eine markerschütternde Gruselwelt zu ziehen, die oft nicht weit vom Alltag entfernt ist. Manchmal lauert sie auf einem Friedhof, mal in einem alten Haus im Wald oder auch mitten auf dem Meer. Oft wird man das Fürchten vor etwas gelehrt, das schon sehr, sehr lange vor dem Menschen da war.

Einer von vielen Kunstgriffen: Lovecraft verbindet das Grauen vor alten Göttern mit Ereignissen seiner Gegenwart wie dem Ersten Weltkrieg oder sogar mit Erfindungen seiner Zukunft. In der Erzählung „Randolph Carters Aussage“ von 1919 hat der Freund des Erzählers ein Mobiltelefon dabei, als er eine Gruft voller Dämonen betritt. Warum der Unglücksselige hinabsteigt, bleibt wie so vieles im Dunkeln.

Lovecraft ist ein problematischer Autor. Dass der Nachfahre britischer Einwanderer Verachtung gegenüber der Unterschicht empfand und insbesondere gegen Zuwanderer und Menschen anderer Hautfarbe Vorurteile hegte, ist nicht nur durch Zeitgenossen überliefert. Es schimmert auch immer wieder in seinem Werk durch. Auch wenn Lovecraft ein Kind seiner Zeit ist: Es belastet bis heute seine Wahrnehmung in der literarischen Welt. Vielleicht schmerzt es auch gerade deswegen, weil so vieles an ihm Avantgarde ist, bis heute sehr modern wirkt.

In der Einführung zur Werkausgabe deutet Schriftsteller Alan Moore den Autoren im Kontext seiner finsteren Alptraumgeschichten: „Die Phobien, die in Lovecrafts Erzählungen und in seiner Weltsicht zum Ausdruck kommen, sind alles andere als befremdliche Absonderlichkeiten. Es sind vielmehr genau die Ängste jener weißen, heterosexuellen, protestantisch sozialisierten männlichen Angehörigen der Mittelschicht, für die Veränderungen und der Machtverhältnisse und Werte in der modernen Welt am bedrohlichsten waren.“

Lovecraft hasst den Moloch New York, dem er wenige Jahre vor dem Tod den Rücken kehrt, um in die Kleinstadt Providence zurückzukehren. Zeitzeugen beschreiben ihn als zutiefst verunsichert von den Krisenzeiten, die er um 1920 in Amerika miterlebte. Eine Welt im Umbruch, in Unruhe geraten nicht nur durch den Ersten Weltkrieg, sondern auch durch die Spanische Grippe, den gesellschaftlichen Wandel und den bis dato größten Zustrom von Einwanderern in die USA. 

Lovecrafts Schriften sind aber nicht nur durch das Gefühl einer Bedrohung von außen geprägt. Auch die Bedrängnis von innen, seine nächtlichen Alpträume verarbeitet er als literarische Stoffe. „Es gibt alles in allem vielleicht sieben Menschen, die meine Arbeit wirklich schätzen, und das ist genug“, schreibt er über sich. „Ich würde sogar schreiben, wenn ich mein einziger geduldiger Leser wäre.“ Lovecraft hat zuletzt wieder eine Reihe von Lesern gewonnen. Die neue Werkausgabe mit reicher Bebilderung und liebevoll verfassten Fußnoten wird einen Beitrag dazu leisten, dass ihre Zahl weiter wachsen wird.

- H. P. Lovecraft, Das Werk, Fischer Tor Verlag, Wien, 912 Seiten, 68,00 Euro, ISBN 978-3596037087.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Buch im Gespräch

Die Macht der Erinnerung: Anthony Doerrs „Die Tiefe“

Berlin. Was ist der Mensch ohne Erinnerung? In seinen Kurzgeschichten erzählt der Pulitzer-Preisträger in starken Bildern von Vergehen und Neubeginn.mehr...

Buch im Gespräch

24 Kurzkrimis zur Weihnachtszeit

München. Kriminelles zur Weihnachtszeit - dafür gibt es reichlich Liebhaber, wenn das Böse nur auf dem Papier geschieht. „Kerzen, Killer, Krippenspiel“ heißt eine Anthologie. Bekannte und weniger bekannte Autoren haben Geschichten geschrieben, die alle mit dem Fest der Liebe zu tun haben.mehr...

Buch im Gespräch

In britischer Krimitradition: „Ein Mord zu Weihnachten“

Berlin. Eine Weihnachtsfeier in einem britischen Landhaus findet ein jähes Ende, als ein Mord geschieht. Ein Hobbydetektiv kann bei den Ermittlungen helfen. In seinem Roman „Ein Mord zu Weihnachten“ erzählt Francis Duncan eine Geschichte wie von Agatha Christie.mehr...

Buch im Gespräch

Christine Westermann und die Angst vor Abschieden

Berlin. Schluss. Aus. Ende. Vorbei: Die ehemalige „Zimmer frei!“-Moderatorin erzählt, wie sie die letzte Sendung vor gut einem Jahr erlebt hat. „Manchmal ist es federleicht“ heißt ihr neues Buch. Sie berichtet darin auch von Abschieden im privaten Bereich.mehr...

Buch im Gespräch

Heinrich Böll - der Krieg, die Deutschen und die SPD

Berlin. Der 100. Geburtstag des 1985 gestorbenen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll am 21. Dezember wirft auf dem Buchmarkt schon längst seine Schatten voraus. Ein Einblick in drei Neuerscheinungen.mehr...