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Der Reiz der Gewalt - Aufstieg und Untergang der NSDAP

Hannover. Wie konnte die NSDAP von einer völkischen Splittergruppe zur alles dominierenden Partei werden? Der Historiker und Journalist Sven Felix Kellerhoff zeichnet in einer Gesamtdarstellung den Weg der Partei von einer Randgruppe in die Diktatur bis hin zum Untergang nach.

Der Reiz der Gewalt - Aufstieg und Untergang der NSDAP

Sven Felix Kellerhoff berichtet über „Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder“. Foto: Klett-Cotta Verlag

Mehr als acht Millionen Menschen waren während der Nazi-Diktatur Mitglied in der NSDAP. Weitere zig Millionen engagierten sich in Parteiorganisationen wie der SA oder der Hitlerjugend.

Mit dem Einmarsch der Alliierten 1945 nach Jahren des Krieges wollten die Deutschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. „Man richtete sich lieber ein in der Vorstellung, selbst ein Opfer Hitlers und seines Krieges zu sein“, schreibt der Journalist und Sachbuch-Autor Sven Felix Kellerhoff in seiner Studie „Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder“. „Die Deutschen tun, als seien die Nazis eine fremde Rasse von Eskimos, die vom Nordpol gekommen und irgendwie in Deutschland eingedrungen sind“, zitiert Kellerhoff aus den Erinnerungen einer Kriegsberichterstatterin.

Der Autor geht in der Gesamtdarstellung der Geschichte der NSDAP den Fragen nach, woher die Anziehungskraft dieser Bewegung kam, wie sich die Partei finanzierte oder auch welche Rolle sie bei Hitlers Aufstieg zur Macht hatte. Wie konnte aus einer von vielen völkisch, nationalen Splittergruppen Anfang der 1920er Jahre die größte Partei in der deutschen Geschichte werden. Gestützt auf die üblichen Quellen von Tagebüchern, Reden, Berichten des Sicherheitsdienstes oder von Zeitzeugen nutzt der Historiker Kellerhoff auch Hunderte subjektive Berichte von Nazis, die schon vor dem Durchbruch Hitlers mit der Bewegung sympathisierten.

Kellerhoff beschreibt kurz in einer Vielzahl kleiner Kapitel, wie die Partei aufstieg, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatte, wie sie an Geld kam und wie der Apparat zum Aufstieg und schließlich auch zur Machterhalt und zur Kontrolle der Bevölkerung genutzt wurde, allerdings ohne großen neuen Erkenntnisgewinn. Vieles findet sich zum Beispiel in zahlreichen Hitlerbiografien, da der Aufstieg Hitlers und die NS-Diktatur unweigerlich mit der Geschichte der NSDAP verknüpft sind. Das Verdienst des Autors ist eine knappe, gut lesbare Gesamtdarstellung der Partei.

In der Anfangsphase der Partei zog laut Kellerhoff die Kompromisslosigkeit und Gewaltbereitschaft Hitlers und der Partei die Menschen an. „Attraktiv machte die NSDAP vielmehr Hitlers grenzenlose Aggressivität. Gerade sie wirkte auf das durch die Umwälzungen seit Kriegsende desorientierte Publikum reizvoll.“ Sie bestimmte auch den Weg in den Putsch am 9. November 1923. So habe die bislang größte Stärke des Nationalsozialismus auch zur bis dahin größten Niederlage geführt, die Hitler allerdings zum Mythos umdeuten und sich zu Nutzen machen konnte.

Mit den Krisenjahren und dem Aufstieg der NSDAP ab Ende der 20er Jahre wurde die Partei zum Propaganda-Apparat. „An Politik im eigentlichen Sinne hatte die NSDAP auch nach ihrer Neugründung kein Interesse. An die Stelle des Putschismus der Jahre bis Ende 1923 war die Propaganda getreten“, schreibt Kellerhoff, der immer auch auf die Unterschätzung der Partei und auf die Möglichkeiten, Hitler und seine Anhänger zu bekämpfen, hinweist. Bis zur Machtübernahme 1933 habe es keinen anderen Zweck als den fortwährenden Wahlkampf gegeben.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kam es zu Patronage, Säuberungen in der Verwaltung zugunsten von NSDAP-Mitgliedern und zu Bereicherungen. „Die NSDAP betrachtete nach der Machtübernahme den Staat als Beute - auf allen Ebenen, vom einfachen SA-Mann bis zu Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter in allen Parteifragen.“ Um die Gesellschaft in ihrem Sinne zu erziehen, zu kontrollieren und von allem „Fremden“ zu reinigen, knüpfte die Partei ein engmaschiges Netz mit einer immensen Fülle an sogenannten politischen Leitern - vom Blockleiter bis zum Gauleiter. Nur knapp zwei Jahre nach der Machtübernahme waren mehr als ein halbe Million Parteifunktionäre in solchen Positionen.

„Die NS-Ideologie war ab Sommer 1933 die Richtschnur in allen auch nur entfernt politischen Fragen.“ Bis zum Frühjahr 1945 habe die Parteiorganisation die Bevölkerung auf Linie gehalten, konstatiert Kellerhoff. „Erst als das letzte Aufgebot, der meist von Kreis- und Ortsgruppenleitern organisierte Volkssturm, unübersehbar scheiterte, löste sich die Macht der NSDAP rapide auf.“ Nach Kriegsende lebten noch rund sechs Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder und jeder Zweite der übrigen 65 Millionen Deutschen hatte sich in einer Parteiorganisation engagiert.

In der Bundesrepublik dominierte nach Kriegsende und zu Zeiten der Entnazifizierung die Sehnsucht nach einem Schlussstrich. Der Bundestag erlaubte schließlich auch die Rückkehr der meisten als belastet geltenden Deutschen ins öffentliche Leben, hebt Kellerhoff hervor. Und auch in der DDR fanden Altnazis den Weg zurück in den Alltag. 1953 zählte nach der Studie Kellerhoffs die SED rund 97 000 ehemalige NSDAP-Angehörige, rund zehn Prozent aller Parteimitglieder.

- Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017, 441 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-608-98103-2.

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