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Ein drittes Leben für Altenas Bürgermeister Hollstein

Altena. Eine Messerattacke in der Kleinstadt Altena entsetzt das Land. Das Opfer: Der Bürgermeister, der für eine liberale Flüchtlingspolitik steht. Bleich, aber gefasst, mahnt er wenige Stunden nach dem Attentat: Gewalt ist ein Irrweg. Er will seinen Kurs fortsetzen.

Ein drittes Leben für Altenas Bürgermeister Hollstein

Imbiss-Betreiber Ahmet Demir (R) und sein Vater Abdullah Demir verhinderten Schlimmeres für den Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein. Foto: Oliver Berg

Andreas Hollstein ist 54 Jahre alt und hat ein drittes Leben geschenkt bekommen. So sieht es der Bürgermeister der sauerländischen Kleinstadt Altena am Tag nach der Messerattacke in einem Döner-Imbiss, die das ganze Land in Aufruhr versetzt hat.

Nur 15 Stunden nach dem wohl fremdenfeindlich motivierten Angriff auf ihn geht Hollstein schon an die Öffentlichkeit. Angeschlagen, noch merklich unter Schock, bleich, aber doch gefasst. „Ich kann sagen, dass ich mich gestern gefühlt habe wie auf meinem dritten Geburtstag.“ Vor einigen Jahren sei er vom Krebs geheilt worden. „Und gestern Abend habe ich ein drittes Leben geschenkt bekommen.“

Es war knapp für den Bürgermeister des Burgstädtchens, der mit seiner liberalen Flüchtlingspolitik viele positive Schlagzeilen gemacht hatte. Nur eine leichte Schnittverletzung am Hals, die in einer Klinik geklebt wurde. Das Pflaster links am Hals fällt kaum auf.

Es hätte ganz anders ausgehen können, schildert Hollstein: Ja, er habe um sein Leben gefürchtet, „das ich heute vielleicht nicht mehr hätte, wenn ich nicht Hilfe bekommen hätte“. Seine Helfer waren vor allem die Imbissbetreiber Ahmet Demir (27) und dessen Vater Abdullah Demir (60), die beherzt eingriffen und den tobenden 56-jährigen Angreifer in Schach hielten.

„Ich hatte mich gerade mit dem Bürgermeister unterhalten, als der Mann reinkam, er sah eigentlich ganz normal aus“, schildert Ahmet Demir, noch immer entsetzt. „Er hat plötzlich so ein großes Messer aus der Tasche gezogen und dem Bürgermeister mit einer Hand an den Hals gehalten und mit anderen hat er ihn in den Schwitzkasten genommen.“ Sein Vater kam hinzu, konnte dem Angreifer das Messer aus der Hand schlagen, verletzte sich dabei selbst leicht.

Der 27-Jährige Ahmet glaubt: „Der Mann war total entschlossen. Er wollte die Sache beenden.“ Seine Mutter sei zur Polizeistation gelaufen, die keine 30 Meter entfernt ist. Glück für Hollstein. Die Beamten waren sofort zur Stelle, vollbewaffnet. Abdullah Demir, 1992 aus der Türkei eingewandert, meint: „Gewalt ist immer falsch.“

Und das soll aus Sicht Hollsteins auch die Botschaft sein aus Altena. Hass sei immer ein Irrweg, mahnt der CDU-Politiker und Vater von vier Kindern. „Ich glaube, dass das Gift, was Menschen säen, vor allem durch die sozialen Medien, Eingang in simple Gemüter findet. Als solchen würde ich auch den Täter beschreiben.“ Der Angreifer hätte bei der Tat gerufen: „Sie lassen mich verdursten und holen 200 Flüchtlinge nach Altena.“ 

Hollstein glaubt: „Das Messer in seiner Tasche war für mich gedacht.“ Er hege „keinerlei Hass“ gegenüber dem Angreifer, laut Ermittlern ein 56-jähriger arbeitsloser Maurer, der wegen Depressionen in Behandlung ist und die Tat spontan begangen haben soll. Der Täter sei letztlich nur ein „Werkzeug“, sagt der Bürgermeister.

Er appelliert: Die Menschen müssten darüber nachdenken, was sie teils anonym ins Netz stellten und was das auslösen könne. „Von Hass durchtränkte Mails“ seien inzwischen Alltag. Die Politik müsse dagegen mehr tun, auch auf Landes- und Bundesebene.

Hollstein hat noch eine Botschaft am Tag nach dem Attentat: Er ist seit 1999 Bürgermeister - und will es definitiv auch bleiben. An seinem Kurs hält er unverändert fest. Rund 450 Menschen seien in den letzten Jahren als Flüchtlinge nach Altena gekommen, das Zusammenleben sei „absolut unproblematisch“. Die von Bevölkerungsschwund betroffene Kleinstadt nimmt mehr Flüchtlinge auf als nach dem Verteilerschlüssel erforderlich. Aber es gebe durchaus auch Bürger, die sich abgehängt fühlten, weiß Hollstein.

Angst oder Verunsicherung zeigt der Politiker nicht, er will keinen Polizeischutz. „Bürgermeister und Polizeischutz ist so vereinbar wie Schnee im Juli. Das geht nicht, so kann ich meinen Job nicht machen.“

Die Attacke weckt böse Erinnerungen an Attentate auf den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 1990 oder die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) einen Tag vor ihrer Wahl im Oktober 2015. Beiden sei es aber viel schlimmer ergangen, betont Hollstein. Reker war lebensgefährlich verletzt worden, Schäuble ist seit dem Angriff querschnittsgelähmt. Aber: Es hätte furchtbar für ihn ausgehen können. Das muss er verarbeiten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes. 

Auch so mancher Einwohner von Altena braucht wohl noch etwas Zeit. „Das ist einfach entsetzlich, alle sprechen nur darüber. So ein Schock“, erzählt eine 56-jährige Hauswirtschafterin. „Es gibt sowieso viel Angst vor Gewalt, das ist jetzt natürlich nicht besser geworden.“ Der Altenaer Daniel Lopez glaubt: „Die meisten finden die Politik hier richtig. Und wer was dagegen hat, muss mit Worten und Paragrafen kommen, aber nicht mit Gewalt.“

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