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Trauer um Altkanzler

Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl geplant

Brüssel/Ludwigshafen Als erste Persönlichkeit in der Geschichte der EU soll Helmut Kohl mit einem europäischen Staatsakt geehrt werden. Der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angeregte Staatsakt für den gestorbenen Bundeskanzler soll binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden.

Der genaue Termin und die Details seien aber noch offen, sagte eine Kommissionssprecherin am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Einen solchen Staatsakt hat es noch nie gegeben, die Ehrung ist beispiellos.

Juncker begründet die Initiative in der „Bild am Sonntag“ damit, dass Kohl einer von nur drei europäischen Ehrenbürgern war - neben dem europäischen Gründervater Jean Monnet und dem früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors - sowie Wegbereiter des Euro.

Auch sei es Kohls Wunsch gewesen, hieß es in Brüssel. An dem Staatsakt sollen EU-Spitzenvertreter und politische Weggefährten Kohls teilnehmen.

Familie hat das letzte Wort

Die Details würden nun ausgearbeitet und ein Termin gesucht, sagte die Sprecherin. Informationen der „Bild am Sonntag“, wonach Kohls Leichnam nach dem Staatsakt mit dem Schiff über den Rhein zur Totenmesse in seine rheinland-pfälzische Heimat nach Speyer gebracht werden soll, bestätigte sie nicht. Die Organisation beginne erst, sagte sie.

Bilder aus der Karriere Helmut Kohls

Helmut Kohl wird am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren. Im Alter von 17 Jahren tritt er in die CDU ein.
Nach mehreren Jahren in der Kommunal- und Landespolitik, wird er 1967 in den Bundesvorstand der CDU gewählt. Dieses Bild zeigt ihn hinter dem CDU-Urvater Konrad Adenauer.
Im Mai 1969 wird Kohl zum ersten Mal Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz. Dieses Amt hat er nach mehreren Wiederwahlen bis 1976 inne. Dieses Bild stammt vom 18. September 1975.
Dieses Bild zeigt den baden-württembergischen Ministerpräsident Hans Filbinger (r.) und Helmut Kohl (beide CDU) im Dezember 1976 in Bonn bei einem Spitzengespräch mit der CSU.
Die Bundestagswahl 1980 war der letzte Sieg für Helmut Schmidt und die SPD. Zwei Jahre später gewannen Helmut Kohl und die CDU die Mehrheit im Parlament. Kandiadat für die CDU war 1980 noch Franz Josef Strauß. Diese Aufnahme zeigt den bayerischen Ministerpräsidenten zusammen mit dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl kurz vor Beginn einer TV-Gesprächsrunde am 05.10.1980 zum Wahlausgang.
Kurz vor der Abstimmung über das konstruktive Mißtrauensvotum zum Sturz von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hält Helmut Kohl 1982 eine Rede. In der Regierungsbank sitzt Noch-Kanzler Helmut Schmidt (l). Am 1. Oktober 1982 wird Helmut Kohl von der neuen Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. In der geheimen Abstimmung im Bundestag erhält Kohl sieben Stimmen mehr als die erforderliche absolute Mehrheit von 249 Abgeordneten.
Der gestürzte Bundeskanzler Helmut Schmidt (r, SPD) beglückwünscht am 01.10.1982 seinen Nachfolger Helmut Kohl zu dessen Wahl im Bundestag in Bonn.
Noch am selben Tag wird Helmut Kohl von Bundestagspräsident Richard Stücklen (vorn) als neuer Bundeskanzler vereidigt.
Im September 1984 kommt es zwischen Deutschland und Frankreich zu einer besonderen Geste: Der französische Präsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl (r) reichen sich am über den Gräbern von Verdun die Hand - ein Symbol für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Verdun war einer der grausamsten Schlachtfelder im Ersten Weltkrieg.
Im November 1989 fällt die Berliner Mauer - ein Glücksfall für Helmut Kohl. Später wird man ihn "Kanzler der Einheit nennen". Das Archivbild vom 19.12.1989 zeigt Kohl während seines zweitägigen Besuches in Dresden vor der Kreuzkirche, wo er von einer wartenden Menschenmenge stürmisch gefeiert wird.
In den nächsten Monaten gilt es die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges von einer deutschen Einheit zu überzeugen. Es kommt zu mehreren Treffen zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow. Hier treffen sich die beiden am 10. Februar 1990 in Moskau. Gorbatschow gibt sein Einverständnis zu einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten.
Im Juli 1990 kommt es zu einem weiteren Treffen im Kaukasus, um über die Modalitäten der Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu sprechen.
Die Beliebtheitswerte Kohls in der DDR sind hoch. Der Bundeskanzler nimmt bei einem Wahlkampfauftritt in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) Anfang März 1990 Blumen und Geschenke entgegen. Bei der ersten und einzigen Wahl in der DDR nach dem Mauerfall gewinnt die "Allianz für Deutschland" (ein konservatives Bündnis, an der unter anderem die Ost-CDU teilnimmt) mit 48,15 Prozent der Wählerstimmen.
3. Oktober 1990: Die Deutschen sind wieder vereint. Bei der Berliner Feier winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude (l-r) Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, daneben halb verdeckt Lothar de Maiziere, der letzte DDR-Ministerpräsident.
Helmut Kohl wird nach der Wiedervereinigung auch der Kanzler der Bürger der ehemaligen DDR. Die gesamtdeutsche Wahl im Dezember 1990 gewinnt die Union mit 43,8 Prozent. Dieses Bild zeigt Kohl im Dezember 1991 mit seiner Frauenministerin Angela Merkel, die später selbst Bundeskanzlerin werden sollte.  Helmut Kohl gilt als ihr Mentor.
Der Kanzler hatte nicht nur Bewunderer: In Halle wurde er im Mai 1991 aus der Menge heraus mit einem Ei beworfen.
Helmut Kohl hatte auch Anteil an der Erweiterung der EWG zur Europäischen Union: Auf diesem Foto unterzeichnen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l) und Finanzminister Theo Waigel am 7. Februar 1992 den Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht.
Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte ebenfalls Anteil an der deutschen Einigung. Am 13. Mai 1992 nimmt er in Bonn an seiner letzten Kabinettssitzung teil.
Am 27.10.1998 endet Kohls Kanzlerschaft nach 16 Jahren. Im Bonner Bundestag gratuliert er seinem Kontrahenten Gerhard Schröder  (SPD) nach dessen Wahl zum Bundeskanzler.
Sein politischer Tiefpunkt und sein politisches Ende war die CDU-Spendenaffäre. Er stellte sich über Recht und Gesetz, als er Geld am Rechenschaftsbericht vorbei für die Partei annahm und den Spendern Anonymität versprach. Er gab ihnen dafür sein Ehrenwort. Die Namen der Geldgeber blieben sein Geheimnis. 
Auf diesem Bild sieht man Kohl und seinen Anwalt im Juli  2000 im Rathaus Schöneberg in Berlin zu Beginn des Parteispenden-Untersuchungsausschusses, bei dem er als Zeuge vernommen wird.
Nach dem Tod seiner Frau Hannelore im Jahr 2001, wurden die öffentlichen Auftritte seltener. Im Jahr 2008 heiratete er die 34 Jahre jüngere Maike Richter. Kurz zuvor hatte er bei einem Sturz nach einer Knie-Operation ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seither saß er im Rollstuhl und konnte nur noch schwer sprechen. 
Im November 2014 stellte Kohl in Frankfurt am Main sein Buch „Aus Sorge um Europa“ vor, seine Frau Maike saß mit auf dem Podium. Beobachter beschrieben, wie wach sein Verstand gewesen und wie schwach er ohne Hilfe gewesen sei.

Selbstverständlich wäre das Land sehr geehrt, wenn eine solche Zeremonie in Kohls rheinland-pfälzischer Heimat stattfinden würde, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) im ZDF. „Aber es ist genauso klar, dass die Familie dazu das letzte Wort hat.“ Im Speyerer Dom war im Juli 2001 auch die Totenmesse für Kohls erste Frau Hannelore gehalten worden, die an einer Lichtallergie gelitten und sich das Leben genommen hatte.

Die Bundesregierung äußerte sich zunächst nicht zu den Trauerfeierlichkeiten für Kohl. Auch aus dem Bundespräsidialamt hieß es am Sonntag lediglich, man warte zunächst die weitere Entwicklung ab. Kohl sollte zunächst in seinem Haus in Oggersheim aufgebahrt bleiben.

Söhne erfuhren vom Tod des Vaters aus dem Radio

Der Altkanzler war am Freitag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben, in dem er mit seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter lebte.

Kohls Söhne Walter und Peter hatten in den vergangenen Jahren kaum noch Zugang zu ihrem Vater - Walter Kohl erfuhr aus dem Radio vom Tod seines Vaters. Die Tür in Oggersheim öffnete ihm am Abend der frühere „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, ein langjähriger Vertrauter Kohls und Trauzeuge bei dessen Heirat mit Maike Richter 2008.

Berlin Helmut Kohl hat Deutschland geprägt wie nur wenige andere Politiker. Ein Vierteljahrhundert hat er die CDU geführt. 16 Jahre war er Bundeskanzler - so lange wie keiner vor ihm und bisher keiner nach ihm. Ein Porträt.mehr...

Der frühere EU-Parlamentspräsident und jetzige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sowie EU-Kommissar Günther Oettinger und auch die FDP begrüßten den Vorstoß Junckers für einen europäischen Staatsakt. Oettinger sagte der dpa in Brüssel, Kohl sei nicht nur deutscher Bundeskanzler, sondern auch der wichtigste Mann im Europäischen Rat gewesen. Schulz nannte Kohl eine „Jahrhundertgestalt“.

Kondolenzbuch im Kanzleramt

Mit Kondolenzbüchern, Trauerbeflaggung und Gedenkwachen wird in ganz Deutschland an Kohl erinnert. Die CDU legte in ihrer Zentrale in Berlin ein Kondolenzbuch aus und richtete ein weiteres im Internet ein. Seit Sonntag liegt auch im Bundeskanzleramt ein Kondolenzbuch aus, ebenso wie in der Mainzer Staatskanzlei.

Der frühere SPD- Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Rudolf Scharping plädierte in der „Welt am Sonntag“ dafür, Straßen und Plätze nach Helmut Kohl zu benennen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft will am Montag beim Auftakt zum Confederations Cup gegen Australien mit Trauerflor spielen.

NRW Die Briten hatten Margaret Thatcher, die Deutschen Helmut Kohl. Eine ganze Generation ist mit ihm aufgewachsen. In den 80er Jahren diskutierten deutsche Familien am Abendbrottisch über das Wettrüsten und Atomkraft, in den 90er Jahren über die Wiedervereinigung. Im TV war einer immer da: Helmut Kohl.mehr...

Kohls Haus in Oggersheim war auch am Sonntag ein Ort der Trauer. Menschen legten Blumen ab und verharrten in Stille. Auch ein Bestatter kam in das Haus, wo der Leichnam Kohls nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ im Wohnzimmer aufgebahrt liegt.

Mitglieder der Jungen Union versammelten sich vor dem Haus

Unter den Besuchern im Trauerhaus war auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Anschließend trat Korn in Begleitung der Witwe und Diekmanns vor das Haus, um still die dort abgelegten Blumengebinde zu betrachten.

Am Samstagabend hatten sich etwa 150 bis 200 Mitglieder der Jungen Union vor dem Wohnhaus des Altkanzlers versammelt. Die aus ganz Deutschland angereisten Vertreter der CDU-Nachwuchsorganisation legten Blumen, Kränze und Kerzen vor dem Bungalow nieder.

Wegbereiter der Europäischen Union

Auch die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) und der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann kamen zu Kondolenzbesuchen.

Kohl hatte 1989 mit den Staats- und Regierungschefs Russlands, der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Bedingungen für die Deutsche Einheit ausgehandelt. Er gilt als Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Kohl am Freitag als „großen Europäer“ und als „Glücksfall für uns Deutsche“ bezeichnet.

Von dpa

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