Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige

Farin Urlaub im Interview

"Facebook und Co halte ich für sehr bedenklich"

DORTMUND Auf Reisen ist er nur selten erreichbar - und das ist ziemlich oft. Farin Urlaub bereist allein die ganze Welt - zwischen CD-Aufnahmen und Tourneen mit "Die Ärzte" und seinem Soloprojekt "Farin Urlaub Racing Team". Die permanente Erreichbarkeit via Smartphone hält er für "sehr bedenklich", wie er im Interview mit diesem Online-Dienst verrät. Außerdem: Weshalb "Pegida-Idioten" ihn wütend machen und warum er im Internet Gitarrenunterricht gibt.

"Facebook und Co halte ich für sehr bedenklich"

Farin Urlaub, Gitarrist und Sänger der Band "Die Ärzte", geht ab dem 11. Mai 2015 mit dem Farin Urlaub Racing Team auf Tour.

Gibt es etwas, was Dich in Deutschland nervt, wenn Du von Reisen zurückkommst?

Farin Urlaub: Das ist eine schwierige Frage. Ja, grundsätzlich – gerade in Berlin hat man eine extrem ruppige Art, miteinander umzugehen. Und wenn man aus sanfteren Kulturen kommt, dann geht man erst mal einen Schritt zurück, nach dem Motto: Was hab ich ihm denn getan. Und dann fällt einem wieder ein: Ach nee. Das ist ja hier der Grundumgangston.

 

Nun ja, wenn wir schon über ruppig reden: Auf dem aktuellen Album singst Du, man sei „umgeben von Idioten“, es solle „Hirn vom Himmel fallen“ und Du möchtest Innenstädte mit Dynamit verschönern. Sanft ist das nicht...

Farin Urlaub: Na, ich komm aus Berlin! (lacht) Das ist angeboren. Wir müssen das so.

 

Man kriegt Farin gut raus aus Berlin, aber Berlin nicht aus Farin...

Farin Urlaub: Richtig, sehr gut.

 

Gibt es denn auch was, was Du vermisst, wenn Du weg bist?

Farin Urlaub: Ich fang jetzt nicht mit den typischen Sachen an, die Frau Merkel mal erwähnt hat – Schwarzbrot und Isolierfenster. Nein. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber es ist schon angenehm, wenn ich auf einer Straße fahren kann und mir nicht Gedanken machen muss, dass da vorne jetzt ein Schlagloch ist, in dem mir die Achse bricht. Ich kann hier davon ausgehen, dass eine Straße asphaltiert ist. Was ich auch mag: Die Wahrscheinlichkeit, in Berlin auf offener Straße erschossen zu werden, ist sehr gering. Und das ist schön. Wir nehmen das immer so als selbstverständlich hin – das ist es aber nicht.

 

Bist Du schon in heikle Situationen geraten?

Farin Urlaub: Mehrfach. Erschossen worden bin ich noch nicht. Das erkennst Du auch daran, dass wir gerade miteinander reden. Aber in Gegenden, in denen mir gastfreundliche Menschen den Rat gegeben haben, jetzt mal nicht weiter in bestimmte Viertel zu gehen – war ich schon häufiger.

 

Du fotografierst auf Reisen, machst beeindruckende Bilder. Bilder aus dem Hamas-Viertel in Beirut, aus Syrien – das klingt gefährlich.

Farin Urlaub: In Syrien war ich vor dem Bürgerkrieg. Jetzt würde ich mich das nicht mehr trauen. Ich hänge dann doch zu sehr an meinem Leben. Aber manchmal gehe ich auch in völliger Naivität irgendwohin. Dann denke ich: Bis jetzt waren alle ganz nett zu mir – da gehe ich doch noch zwei Viertel weiter, da sind bestimmt auch alle nett zu mir. Um jetzt mal ein Land zu nennen, in Peru bin ich vor etwas über einem Jahr mit einer kleinen Kamera über einen Markt gelaufen und hab gefragt: Darf ich Fotos machen? Alle waren total nett. Und irgendwann kamen zwei Leute und meinten: Pass auf! Geh mal nicht weiter. Und ich fragte: Wieso? Weil dann wird deine Kamera geklaut – und wahrscheinlich noch mehr. Und ich habe einen weiteren Menschen dort gefragt, der hat bestätigt, dass dort das bösere Viertel der Stadt anfängt. Und so bin ich zurückgegangen. Alles war gut. Aber wenn man sich nicht auskennt, weiß man’s nicht.

 

Wie nimmst Du als Vielreisender die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Deutschland wahr?

Farin Urlaub: Wir dürfen nicht kuschen vor diesen Pegida-Idioten. Aber da müsste ich jetzt sehr, sehr weit ausholen.

 

Bitte.

Farin Urlaub: In der Geschichte der Menschheit – seit wir aufrecht aus Afrika ausgewandert sind -, haben wir das gemacht, was jedes Lebewesen versucht: wir haben versucht dahin zu gehen, wo wir nicht verhungern und verdursten. Und später kam dann noch „nicht totgeschlagen werden“ dazu. Damit soll Schluss sein, weil wir Staatsgrenzen, Personalausweise und Reisepässe haben? Und wer da nicht ins Raster passt, der muss sich totschlagen lassen oder soll verhungern oder verdursten? Oder um es noch überspitzter auf den Punkt zu bringen in Deutschland: Bitte sterbt, wo ihr seid, damit wir in Ruhe aussterben können. Das kann’s doch nicht sein.

 

Pegida und Co machen Dich wütend?

Farin Urlaub: Die machen mich richtig wütend. Ich habe mir Gegenden angeguckt, aus denen Du und ich sofort abhauen würden. Auch jeder einzelne bei Pegida. Da kann man nicht überleben. Aber, die Menschen dort haben im Geburten-Lotto nicht wie wir den Sechser gezogen, sondern eine Niete und sollen jetzt da gefälligst krepieren? Das kann nicht wahr sein.

 

Was können wir tun?

Farin Urlaub: Eins und eins zusammenzählen. In Ostdeutschland sterben ganze Landstriche aus, weil dort niemand mehr wohnen will. Meine Mutter, die jetzt weder als ultra-links, noch als ultra-progressiv durchgeht, meinte: Da stehen doch so viele Dörfer leer, da könnten die Flüchtlinge prima alle wohnen. Ja. Genau.

Du schaltest Dein Handy auf Reisen gern ab. Du beobachtest die permanente Erreichbarkeit der Menschen durch Smartphones, Facebook, und so weiter mit großer Sorge. Warum?

Farin Urlaub: Weil man ja immer abgelenkt ist. Man verbringt mehr Zeit mit Menschen, die physisch nicht anwesend sind als mit denen, die einem gerade gegenübersitzen.

 

Hast Du ein Beispiel?

Farin Urlaub: Ich war neulich mit einem Kumpel essen, der gerade relativ neu auf einem dieser sozialen Netzwerke war. Wir haben in zwei Stunden vielleicht zwanzig Minuten geredet und den Rest der Zeit hat er irgendwie Einträge verfasst, was er gerade macht oder hat auf etwas geantwortet. Ich habe ihm nahegelegt, sich zu entscheiden, was ihm jetzt wichtiger ist. Klar, man kriegt so seinen Dopamin-Kick – wow, jemand denkt an mich. Und dann braucht man diesen Kick auch immer wieder. Ich finde das sehr bedenklich. Mein Leben soll in der Realität stattfinden und nicht in irgendwelchen virtuellen Räumen.

 

Hast Du auf Deinen Reisen eigentlich eine Gitarre dabei?

Farin Urlaub: Nein, nie! Als Gitarrist hat man bestimmte Griffmuster, an die man sich gewöhnt. Und wenn ich kein Instrument dabei habe, sondern nur mein Diktiergerät, dann singe ich Melodien, auf die ich beim Gitarrespielen nie gekommen wäre. Also: Erstens spare ich Gewicht. Zweitens bin ich der originellere Songwriter ohne Gitarre. Also reise ich lieber ohne.

 

Auf Deiner Internetseite gibst Du inzwischen auch Gitarrenkurse zum neuen Album. Du zeigst dort, wie Du die Akkorde greifst und Deine Songs spielst? Wie kam es zu der Idee?

Farin Urlaub: Es gab eine große Nachfrage. Also groß, na ja, ich glaube die haben so 2000 Klicks jeweils. Aber es gibt halt Leute, die interessieren sich dafür, weil sie inspiriert durch uns selbst Musik machen wollen oder einfach nur wissen wollen, wie ich das spiele.  Das ist ja keine Hexerei. Auch wenn ich sehr unsauber greife, kann ich ja zeigen, wie ich’s mache. Auf Konzerten sieht man das ja nicht so richtig gut. Es gibt so zwei, drei Leute, die kenne ich schon. Die stehen dann immer in derselben Stadt immer in der ersten Reihe und gucken sklavisch auf meine linke Hand, um genau zu sehen wie ich das mache. Ich pfusche ja eh – und ums den Leuten leichter zu machen, habe ich das hier im Büro mal mit der Kamera aufgenommen.

 

Ein Song des neuen Albums heißt „Keine Angst“. Bist Du frei von Furcht?

Farin Urlaub: Nein. Zum Glück nicht. Keine Angst zu haben ist auf Reisen ein ziemlich schlechter Ratgeber. Ich bin jetzt nicht so ein Super-Angsthase, aber ich habe schon Respekt vor dem Tod. Auch entführt oder angeschossen zu werden, ist nicht so meins.

 

Wann warst Du das letzte Mal beim Zahnarzt?

Farin Urlaub:  Das ist schon lange her. Das ist das einzige, wovor ich wirklich konkret Angst habe. Aber weil man sich der Angst stellen muss, war ich da binnen einiger Wochen mehrmals –und jetzt muss ich auch lange wieder nicht hin.

 

Du bist nicht allein mit dieser Angst.

Farin Urlaub: Ach, ein Glück.

 

Hat Deine Schlagzeugerin Rachel Dir eigentlich einen Vogel gezeigt, als Du ihr die neuen Songs – zum Beispiel „Mein Lied“ – vorgespielt hast?

Farin Urlaub: Das war noch viel schlimmer. Ich habe ihr erst nur den Schlagzeug-Track geschickt. Und da meinte sie: Dir muss irgendwie ein Programmierfehler unterlaufen sein. Ich habe gesagt: Nein, ich meine das wirklich genau so. Dann hat sie gesagt, okay ich versuch’s mal – und das ging. Bei „Keine Angst“ war es viel schlimmer. Nachdem sie „Keine Angst“ eingetrommelt hatte, kam sie völlig verschwitzt aus der Schlagzeugkabine raus und wollte mich totschlagen.  Sie meinte, ich sei so ein Sadist. Das ist aber auch fies. Es ist vier Minuten lang und Du hast genau einen Takt zum ausruhen. Das ist wirklich unmenschlich zu spielen. Ich bin schon sehr gespannt. Wir fangen in knapp einer Woche mit dem Proben für die Tour an. Sie meint, sie schafft’s mittlerweile. Da hat Rachel echt Schwerstarbeit zu leisten.

 

Die Band verändert sich. Sängerin Celina ist raus – und das Racing Team besteht bald wieder aus zwölf Leuten.

Farin Urlaub: Ja, schweren Herzens, auf beiden Seiten. Celina wollte alles in ihre Solokarriere legen und natürlich will ihr da niemand im Weg stehen. Wir vermissen sie schrecklich und sie vermisst uns auch.  Wir bekommen eine neue Sängerin und einen neuen Bläser, sodass wir bei unseren Konzerten zu zwölft wieder richtig rumhupen können.

 

Worauf können sich die Leute bei Euren Konzerten freuen?

Farin Urlaub: Na, ich hoffe doch auf die Musik! Wir wollten da keine Torten verteilen. Wer Torten will, muss zu anderen Bands gehen. Wir wollen rocken.

Das Farin Urlaub Racing Team auf Tour - Stationen in Nordrhein-Westfalen:







Festivals:



Ich hatte eher vermutet, dass Du demnächst unter die Ratgeber-Schreiber à la "Physik, Soziologie, etc. für Dummies" gehst.

Farin Urlaub: Ratgeber? Was soll ich denn Leuten raten?

 

Auf dem letzten Album erklärst Du im Song "Die Insel" Marx' Kapital in zwei Textzeilen...

Farin Urlaub: ...Ja, das muss man erst einmal hinkriegen, oder? Da war ich auch ein bisschen stolz...

 

Auf dem neuen Album zitierst Du angeblich Newton mit „Was nicht geht, geht nicht.“ Grandios.

Farin Urlaub: Oder? Auch da war ich ein bisschen stolz drauf.  Ein gebildeter Freund hat mich angerufen und gefragt: Sag mal, ist das ernsthaft ein Axiom von Newton? Und ich so: Willst Du mich verarschen. Er: Ja, kann doch sein. Ich: Neeeiiinnnn, natürlich nicht.

 

Und auf Deiner neuen Single gibt es ein Lied über Religion, das steckt die Zeile drin: „Dieses Leben ist zwar bitter, doch im Jenseits winkt der Lohn“ – in elf Worten das Credo jeder Religion. Also vielleicht doch ein Ratgeber-Schreiber?

Farin Urlaub: Na, es ist doch viel eleganter, das in so Bauernregeln rauszuhauen. Die sind ja ein bisschen aus der Mode gekommen. Ich bin da ein sehr großer Fan von. Dinge zu vereinfachen, finde ich doof. Aber Dinge in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen – das ist echt eine Kunst. Es gibt eine Seite im Netz, auf der Filme in drei Sätzen erklärt werden. Und das ist so lustig. Das funktioniert wirklich.

 

Was auch funktioniert, ist das Perpetuum Mobile aus Reisen und Musik. Machst Du das bis zur Rente?

Farin Urlaub: Das ist zumindest die Hoffnung.

 

Bekommt man als Rockstar eigentlich einen Rentenbescheid?

Farin Urlaub: Ich habe neulich tatsächlich einen sehr böse klingenden Brief bekommen. Da stand sinngemäß so etwas drin wie: Sehr geehrter Herr Sowieso, Sie haben in Ihrem Leben nur drei Wochen in die Rentenversicherung eingezahlt. Bitte bestätigen Sie, dass das so korrekt ist, weil Sie dann nicht einen Cent Rente bekommen. Ich habe denen geantwortet, dass das alles so seine Richtigkeit hat. Ich bekomme den Rentenbescheid von meinen Fans. Die sagen mir irgendwann durch ihr Fernbleiben Bescheid, dass es Zeit ist, in Rente zu gehen.

 

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Konzert im E-Werk

Beth Ditto - 158 Zentimeter geballte Kraft

KÖLN Früher rockte sie mit ihrer Band Gossip die Bühne, jetzt ist sie alleine unterwegs: Im beinahe ausverkauften E-Werk in Köln begeisterte Beth Ditto das Publikum. Mitgebracht hatte die Sängerin aus Arkansas nicht nur Songs von ihrem neuen Album, sondern auch die Hits aus alten Gossip-Zeiten. Hier sind unsere Eindrücke und viele Fotos.mehr...

Interview mit Andrea Berg

"Die Seele der Musik geht ein bisschen verloren"

Köln 15 Millionen verkaufte Tonträger, acht Echo-Auszeichnungen: Andrea Berg gehört zu den erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands. Am Freitag ist ihr neues Album erschienen, im Herbst ist sie auf Tour. Wir trafen die 51-Jährige zum Interview.mehr...

Zeltfestival Ruhr 2017

Andreas Bourani: "Ich plane den Traum"

BOCHUM Das Zeltfestival Ruhr feiert seinen zehnten Geburtstag - mit 17 Tagen Programm und 53 Künstlern. Ab Freitag gibt es viel Musik am Kemnader See, am 28. August spielt auch Pop-Sänger Andreas Bourani. Im Interview hat er erzählt, worauf er sich am meisten freut.mehr...

Veranstaltungstipps

Endlich Wochenende: Vitamine, Töne und Tanz

NRW Habt ihr Bock auf Party, Livemusik oder Rambazamba? Dürstet es euch nach Kunst, Theater oder Kulturklamauk? Ihr wisst aber nicht so genau, wo und wann? Keine Angst – gemeinsam mit den Kollegen von coolibri helfen wir mit den Tipps zum Wochenende aus!mehr...

Ferienresort Hof van Saksen

Kurzurlaub zu gewinnen: Ab zu den Wasserrutschen

DORTMUND Sie mögen Wasserrutschen und Whirlpools? Sie wollen eine Gratis-Reise für Ihre Familie gewinnen? Bei uns können Sie für bis zu sechs Personen einen Kurzurlaub gewinnen. Ziel ist das Resort „Hof van Saksen“ in der niederländischen Provinz Drenthe.mehr...

Konzert in Düsseldorf

Kraftwerk feiert mit 15.000 Fans den Grand Départ

DÜSSELDORF Mit ihrer legendären Hymne zur Tour de France hat die Band Kraftwerk Geschichte geschrieben. 34 Jahre danach feierten die Musiker am Samstag mit 15.000 Fans im ausverkauften Ehrenhof in Düsseldorf den "Grand Départ" der Tour. Hier sind unsere Eindrücke und die Bilder vom Konzert.mehr...