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Fastfood geht nicht: Der Alltag einer russischen Ballerina

Jekaterinburg. Sie lebt den Traum vieler Mädchen: Jekaterina Sapogowa ist Solotänzerin an einer großen russischen Ballettbühne. Nur eine prestigeträchtige Auszeichnung, die fehlt ihr noch.

Fastfood geht nicht: Der Alltag einer russischen Ballerina

Jekaterina Sapogowa lebt ihren Traum. Foto: Emile Alain Ducke

Jekaterina Sapogowa beugt sich nach vorne, die Hände auf die Knie gestützt. Durch den hellblauen Body zeichnen sich ihre Rippen ab. Sie atmet mehrmals tief ein und aus. Gut eine halbe Stunde Training liegt hinter der Ballerina.

Die 23 Jahre alte Russin probt am Opern- und Balletttheater der Stadt Jekaterinburg im Ural, rund 1500 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau, für die Hauptrolle in „Paquita“ - einem Tanzklassiker aus dem 19. Jahrhundert.  

„Genau, den Arm von da nach da“, erklärt Choreograf Slawa Samodurow ihr und macht die Geste von rechts unten nach links oben vor. In dem Raum mit großen Spiegelwänden steht nur ein Klavier. In der Mitte tanzt Sapogowa immer dieselbe Abfolge von Schritten. „Weiter, weiter“, ermuntert Samodurow sie. Dann bricht die Klaviermusik ab. Leise und voller Kraft beendet sie ihre Tanzbewegung, setzt die Füße graziös auf dem Boden ab. „Gut. Ja, so kannst du es machen!“, sagt Samodurow, der künstlerische Leiter der Balletttruppe, und nickt. 

Im Interview wirkt Katja, wie sie viele im Theater nennen, manchmal unsicher und zögert ein wenig, bevor sie antwortet. Doch sobald ihre Füße in Spitzenschuhen stecken, strahlt sie Selbstbewusstsein aus. Sie dreht sich um sich selbst, als sei das ihre natürliche Art der Fortbewegung. Pirouetten, Penché und Spitzentanz - wenn man der Frau mit dem kindlichen Gesicht beim Training zuschaut, wirkt alles unbeschwert. Fast schwerelos.

Rund zwei Monate bereiten sich Sapogowa und andere Solisten der renommierten, über 100 Jahre alten Bühne auf eine neue Rolle vor. Für „Paquita“ bleibt noch etwas Zeit. Ende Februar ist Premiere. „Mir gefällt das Trainieren für ein Stück sehr gut. Die meisten Tänzerinnen mögen es ja lieber, auf der Bühne zu stehen“, erzählt Sapogowa. Sie mag auch das Gefühl, wenn der Körper danach ausgepowert ist, die Seele aber zufrieden.

„Mein Freund hat dafür Verständnis. Auch wenn ich nach einem anstrengenden Tag abends keine Lust mehr habe, etwas zu kochen“, erzählt sie und muss dabei lachen. Ihr Freund sei eine Zeit lang Profi-Boxer gewesen und kenne das Gefühl. Auch ihre beste Freundin war früher Ballerina. Ihre knappe Freizeit verbringt sie mit ihnen. Eltern und Schwester wohnen im sibirischen Nowosibirk, 1400 Kilometer entfernt. Sie seien sehr stolz auf sie, sagt sie.

Tanztraining bestimmt Sapogowas Alltag seit ihrer Kindheit. Die zierliche, kleine Frau besuchte ab dem Alter von zehn Jahren die staatliche Ballettschule in Nowosibirsk. „Ich war anfangs nicht die Beste in der Klasse“, gesteht sie ein. Dass sie es einmal zur Primaballerina bringen würde, hätte sie damals nicht gedacht.

Samodurow entdeckte ihr Talent, er gab ihr im März vergangenen Jahres die erste Hauptrolle. In Sergej Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ erstrahlt sie seitdem auf der Bühne am Ural. Für ihre Rolle als Julia war Sapogowa 2017 für den nationalen Theaterpreis „Goldene Maske“ als „Beste Ballerina“ nominiert. Es gewann eine andere, doch sie gilt in der Szene als Nachwuchstalent. Ihr Traum: Einmal so eine renommierte Auszeichnung wie die „Goldene Maske“ zu bekommen. 

Täglich übt sie von morgens um zehn Uhr bis zum Mittag. Dann ist Pause, am Nachmittag wieder Training, abends vier bis zehn Mal im Monat eine Aufführung. Zu Hause trainiert sie nicht mehr, sondern ruht sich aus. Geht höchstens im Kopf die Schritte durch.

Sapogowa ist an dem Haus eine von acht Ersten Solotänzerinnen - und die vierte Julia. Die anderen Julias wurden schwanger und legten eine Bühnenpause ein. Was sie von anderen Tänzerinnen unterscheidet? „Ich habe eine bestimmte Technik. Außerdem kann ich mir gut neue Schritte und Choreografien merken“, antwortet sie. 

Zu ihrem Job gehört auch gutes Aussehen. Mit großen braunen Augen und vollen Lippen ist Sapogowa natürlich schön. Für sie kommt es nicht in Frage, einer schlanken Linie zuliebe auf Süßes zu verzichten. „Wenn ich Lust auf ein Stück Schokolade habe, dann esse ich das auch“, erzählt sie, während sie auf einer Bank sitzt und ihre Spitzenschuhe auszieht. Das trainiert man ja sowieso direkt wieder ab, sagt sie lächelnd und wirkt dabei mädchenhaft. Auch sonst esse sie normal. „Nur Fastfood, das geht nicht.“

Und Eifersucht unter den Ballerinas? Konkurrenz gebe es schon, meint Sapogowa. Aber das sei normal und sporne ja auch an. „Ich bin immer freundlich und hilfsbereit zu allen meinen Kolleginnen. Wir vertreten uns auch gegenseitig in bestimmten Rollen, zum Beispiel wenn eine krank ist“, sagt sie und wirkt aufrichtig.

Auch eine Verletzung kann einer Tänzerin den Lebensinhalt rauben. „Zum Glück ist mir noch nie etwas Ernstes passiert“, sagt Sapogowa. Jede Ballerina lerne auch, sich richtig zu bewegen, um sich möglichst nicht zu verletzen. Das gelinge ihr bisher gut. „Toi, toi, toi, dass es so bleibt.“ Denn sie hat noch viel vor und will ihre Fähigkeiten verbessern. Perfektion habe keine Grenze. Ihr Plan B: In einer eigenen Tanzschule anderen Ballett beibringen.

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