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Gurlitts Sammlung in Bern und Bonn zu sehen

Bern. Eine Milliarde schrumpft zu ein paar Millionen, eine Sensation zum Sensatiönchen. Vier Jahre nachdem der Gurlitt-Fund für Schlagzeilen sorgte, sind nun rund 400 der mehr als 1500 Werke zu besichtigen.

Gurlitts Sammlung in Bern und Bonn zu sehen

Das Gemälde „Maschka“ von Otto Mueller im Kunstmuseum in Bern. Foto: Anthony Anex

Muss die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben werden? Nach der Entdeckung eines mutmaßlich milliardenschweren „Kunstschatzes der Nazis“ in der Wohnung des Münchner Rentners Cornelius Gurlitt war die Frage ernsthaft gestellt worden.

Dass die Antwort „Nein“ lautet, bestätigt nun die erstmalige Ausstellung einer Auswahl dieser Werke in Bern und Bonn. Dennoch gehören die Präsentationen von rund 400 Aquarellen, Zeichnungen, Druckgrafiken, Gemälden und Skulpturen aus dem Bestand von Gurlitts Vater Hildebrand (1895-1956), einem der Kunsthändler Adolf Hitlers, zweifellos zu den spektakulärsten Kunstereignissen des Jahres.

Drei Jahre nachdem Cornelius Gurlitt dem Kunstmuseum Bern alle mehr als 1500 Werke aus dem Nachlass seines Vaters vererbte, bieten die Ausstellungen in Bern sowie in der Bonner Bundeskunsthalle unter dem Motto „Bestandsaufnahme Gurlitt“ wichtige kunst- und gesellschaftspolitische Einsichten. Mit der Annahme der Erbschaft hatte Bern sich schwer getan. Es sei eine Raubkunstdebatte befürchtet worden, in deren Folge „Schweizer Museen Bilder an allfällige (etwaige) Erben zurückgeben müssten“, berichtete der Vizepräsident des Museums-Stiftungsrates Marcel Brülhart kurz vor der Eröffnung in der „Neuen Zürcher Zeitung“. 

Hinzu kam, dass das Museum beinahe drei Millionen Franken aufbringen musste, vor allem für Rechtsstreitigkeiten rings um das Erbe. „Das Kunstmuseum hat die Erbschaft nicht aus einer Kosten-Nutzen-Überlegung angenommen, sondern weil es sich der damit verbundenen Verantwortung stellen wollte“, sagte Brülhart am Mittwoch. Immerhin habe dies dazu geführt, dass in der Schweiz nun mit mehr Entschlossenheit Provenienzforschung betrieben wird.

Im Gurlitt-Fall wollte die Eidgenossenschaft aber von Anfang an auf Nummer sicher gehen. Innenminister Alain Berset: „Wie die Stiftung Kunstmuseum Bern mit der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern vereinbart hat, sollen nur Werke in die Schweiz kommen, bei denen kein NS-Raubkunstverdacht besteht.“  

Bei dieser Prämisse lag das Aschenputtel-Prinzip nahe. Die Guten ins Berner Töpfchen, die Schlechten ins Bonner Kröpfchen. In Deutschland werden 250 Werke gezeigt, die noch unter Verdacht stehen. Titel: „Der NS-Kunstraub und die Folgen“. Provenienzangaben sollen den Exponaten eine „eigene Biografie“ verleihen.

Dazu Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle: „Es ist ein wesentliches Anliegen, die Zusammenhänge aufzuzeigen, die den Kunstraub in unmittelbare Verbindung zu jener folgenschweren Entrechtungs-, Enteignungs- und Verfolgungspraxis der Nationalsozialisten erscheinen lassen, die letztlich in den Holocaust mündete.“ Dass bislang sieben Werke als Raubkunst identifiziert und vier zurückgeben wurden - darunter Max Liebermanns Gemälde „Reiter am Strand“ - sei „keine kleine Zahl“, zumal die Provenienzforschung intensiv weitergehe.

Die Schweiz präsentiert „'Entartete Kunst' - beschlagnahmt und verkauft“ - rund 150 Werke mit wohl unanfechtbarer Eigentumssituation als Beispiele für eine zeitgenössische Kunst, die den Nazis verhasst war, aus Museen entfernt und heimlich zu Geld gemacht wurde. Auch mit Hilfe von Hildebrand Gurlitt. Der hatte ein Herz für diese Kunst und nutzte die Möglichkeit, etliche Stücke selbst zu erwerben.

Dazu gehören Werke des Symbolismus, des Konstruktivismus und des Expressionismus. Die Berliner Sezession um Max Liebermann und Lovis Corinth ist vertreten, besonders aber sind es die modernen Bewegungen, die in Hildebrand Gurlitts Heimatstadt Dresden ihren Ursprung hatten, darunter die Gruppe „Die Brücke“ und Künstler der Neuen Sachlichkeit, dabei vor allem Otto Dix, wie die Berner Direktorin Nina Zimmer hervorhob.

Einen Wermutstropfen gibt es in Bern. Ausgerechnet mit dem wertvollsten Exponat des Gurlitt-Bestands, dem Cézanne-Gemälde „La Montagne Sainte-Victoire“, gibt es Probleme. Es war zunächst als nicht Raubkunst-verdächtig eingestuft worden. Nun haben sich Nachkommen von Paul Cézanne bei den Bernern gemeldet. Man sei im „guten“ Gespräch, sagte Brülhart.  

Umstritten ist die Frage, wie nachhaltig der „Kunstfund Gurlitt“ sein wird. Dass die Werke aus dem Besitz von „Hitlers Kunsthändler“ stammen, sei ihr „Alleinstellungsmerkmal“, erklärte der Leiter der Berner Sammlungen, Mathias Frehner. Doch wie groß mag das Interesse in einigen Jahren noch sein? Der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld, der mit Gurlitt geschäftlich zu hatte, warnte schon 2013, man habe es mit einem „Lagerbestand“ zu tun, nicht mit einer großen Sammlung. Die Stücke seien „längst nicht alles Meisterwerke“.

Sammlungsdirektor Frehner verwies hingegen unter anderem auf „Höhepunkte“ expressionistischer Kunst. So könnten rund 40 der in Bern gezeigten Papierarbeiten als grafische Hauptwerke der jeweiligen Künstler gelten - darunter Beckmann, Dix, Kandinsky, Klee und Macke. Frehners Fazit: „Der Bestand Gurlitt ist ein Brennglas, in dem sich die politischen und wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts bündeln und in größter Tiefenschärfe fassen lassen.“

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