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Heinrich Böll - der Krieg, die Deutschen und die SPD

Berlin. Der 100. Geburtstag des 1985 gestorbenen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll am 21. Dezember wirft auf dem Buchmarkt schon längst seine Schatten voraus. Ein Einblick in drei Neuerscheinungen.

Heinrich Böll - der Krieg, die Deutschen und die SPD

Der Schriftsteller Heinrich Böll (1970). Foto: Horst Ossinger

„Hitler Tod Gott sei ihm gnädig.“ Das notiert in knapper Form der Wehrmachtssoldat Heinrich Böll am 2. Mai 1945 in seinen Tageskalender, den er während seiner Soldatenzeit immer mit sich geführt hat und dessen erhaltene Teile nun erstmals veröffentlicht werden.

Der 1985 gestorbene Literaturnobelpreisträger hatte eine Veröffentlichung testamentarisch ausgeschlossen, wie sein Sohn René Böll jetzt im Vorwort erwähnt. Nach langen Überlegungen habe sich die Familie dennoch entschlossen, die „Kriegstagebücher“, die meist nur kalendarische Stichworte sind, der Nachwelt als Dokument zur Verfügung zu stellen. Böll wäre am 21. Dezember 100 Jahre alt geworden.

Zweifel an der Notwendigkeit einer solchen Publikation für die breite Öffentlichkeit bleiben bestehen. Dieser sehr persönliche Kriegskalender eines Wehrmachtssoldaten dürfte über ähnliche Aufzeichnungen vieler anderer, anonymer Soldaten nicht hinausgehen. Er kann auch nicht mit Bölls schon früher veröffentlichten und wesentlich aussagekräftigeren „Briefen aus dem Krieg“ in eine Reihe gestellt werden. Was bleibt, sind die immer wieder eindrucksvollen Hilferufe und Verzweiflungsschreie des Soldaten Böll an seine geliebte Frau und an seinen Gott, an dem er zu zweifeln beginnt und doch festhalten will. Böll war zwar die gesamte Kriegszeit von 1939 bis 1945 Soldat in Hitlers Wehrmacht, aber glücklicherweise nur ganz kurze Zeit wirklich an der Front mitten im Kampfgeschehen.

Das Buch mit dem Zitat-Titel „Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“ gibt die oft nur schwer lesbaren handschriftlichen Einträge Bölls als Faksimile sowie die dazugehörige Transkription zum besseren Verständnis wieder. Ergänzt werden die Einträge durch ein Nachwort, das auch aus Bölls Feldpostbriefen zitiert, sowie ausführlichen Anmerkungen und mit einer Zeittafel über Bölls Kriegseinsätze, außer in Deutschland unter anderem in Frankreich und in der Ukraine auf der Krim. („Im ukrainischen Kino: Heinz Rühmann“). Neben den Stoßgebeten und Anrufungen Gottes in Notlagen zeigen die knappen Tagesnotizen auch die große Einsamkeit des Einzelgängers Böll, der sich mit Literatur (Dostojewski, Rilke, Fontane und Ernst Jünger - „"In Stahlgewittern" - ein tolles Buch“) zu retten versucht. Dazwischen immer wieder sein Ringen mit Gott. „Oft verstehe ich jetzt, daß man an Gottes Existenz zweifeln kann oder muß - aber Gott lebt.“

Am 20. Juli 1944 notiert Böll lapidar: „Attentat auf Hitler während wir im Konzert sind“ - mit Schubert und Chopin. Als er am 9. April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, schreibt er in seinen Kalender: „Ich habe Angst vor dem Leben und stelle fest, daß ich die Menschen hasse!“ Der spätere Erfolgsautor und Literaturnobelpreisträger, der mit Romanen, Erzählungen und Hörspielen wie „Wo warst du, Adam?“, „Gruppenbild mit Dame“, „Billard um halb zehn“ und „Ansichten eines Clowns“ berühmt wurde, wird später einmal sagen: „Meine Nerven habe ich zwischen 1933 und 1945 verloren“, womit er wohl für eine ganze Kriegsgeneration sprach.

Höchst aufschlussreich und lesenswert ist die faktenreiche Dokumentation „Mut und Melancholie“ von Norbert Bicher über „Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD - Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten“. Vor allem die Briefe bezeugen den gegenseitigen großen Respekt von Literaturnobelpreisträger und Friedensnobelpreisträger und ihr Ringen um ein weltoffenes, tolerantes und „anständiges“ Deutschland gegen „nationale Daumenlutscher“. Sie hatten beide einen Begriff von Freiheit, der sich nicht auf die Marktwirtschaft beschränken sollte. Beide einte aber auch, bei manchen kontroversen Ansichten auch über Fragen der „praktischen Politik“, dass sie in ihrem Land gefeiert und bespuckt wurden. Und beide neigten auch zu Schwermut und Melancholie.

Für Böll war Brandt alles andere als ein Machtmensch, „zu anständig“ und „zu empfindlich“ für das politische Amt. Und über Böll meinte Brandt in seinem Nachruf: „Ihm, der anderen Hoffnung machte, war die Melancholie nur zu vertraut.“ Verbittert war Böll vor allem über das Ausmaß von Beschimpfungen und offenen Hass in Politik und Medien, als er zum Beispiel auf dem Höhepunkt der Baader-Meinhof-Fahndungen in der Bundesrepublik (auch sein Wohnhaus wurde einmal von Polizei mit Maschinenpistolen umstellt) es gewagt hatte, vielleicht auch etwas missverständlich, alle Seiten öffentlich zu Besonnenheit und Vernunft aufzurufen. In jener Zeit wurde „Sympathisant“ zu einem anklagenden Schimpfwort.

Der Literaturnobelpreisträger setzte sich auch weltweit für verfolgte Schriftstellerkollegen ein wie Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew. Willy Brandt schätzte er persönlich sehr und nahm ihn gegen Diffamierungen, auch von Seiten Konrad Adenauers, in Schutz. Mit der SPD haderte Böll, der er 1974 ein „schwindendes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein“ vorwarf.

Bölls Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen scheint vom Grundsatz „Nur wer liebt, darf auch heftig kritisieren“ geprägt gewesen zu sein. „Ich liebe Deutschland wirklich, wenn ich auch manche Erscheinungsformen und manches typisch Deutsch-Bürgerliche hasse“, hatte er schon als Wehrmachtssoldat an seine Frau geschrieben, wie Ralf Schnell in seinem Buch „Heinrich Böll und die Deutschen“ zitiert. Böll blieb zwischen den Stühlen und eigentlich heimatlos. „Köln, der Rhein, das Rheinland sind natürlich mein Material, einfach Arbeitsmaterial“, meinte der Autor einmal. „Aber Köln ist mir auch gleichzeitig immer fremd geblieben“, ergänzte er und meinte damit auch sein Land. Er stand damit in einer großen deutschen Tradition mit Vorgängern wie Heinrich Heine, Kurt Tucholsky und Thomas Mann, die ihre oftmals scharfe Kritik mit dem Motto begründeten „Auch wir sind Deutsche und gehören zu Deutschland“.

Und nicht umsonst fühlte sich Böll in der Nachkriegszeit kritischen Kollegen und Künstlern wie Günter Grass, Günter Wallraff oder Klaus Staeck verbunden, trotz so mancher Meinungsverschiedenheit. Mit der DDR fremdelte der Literaturnobelpreisträger, wurde dort aber viel gedruckt und gelesen. Böll verstörte die „erzwungene Unterwürfigkeit“ im Osten Deutschlands, wie Schnell in seinem Buch betont. Den DDR-Offiziellen wiederum sei das „unberechenbar Antiautoritäre“ in Böll immer verdächtig geblieben. Böll betrachtete sich selbst nicht als Moralisten und war der festen Überzeugung, „daß Literatur und Kunst eines Landes immer noch die beste Auskunft über ein Land geben“.

- Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher von 1943 bis 1945, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 352 Seiten (mit Faksimile-Abbildungen), 22,00 Euro, ISBN 978-3-462-05020-2.
- Norbert Bicher: Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD. Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten." Verlag J.W.H. Dietz Nachf., Bonn, 247 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8012-0512-6.
- Ralf Schnell: Heinrich Böll und die Deutschen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 240 Seiten, 19,00 Euro, ISBN 978-3-462-04871-1.

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