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Historischer Thriller München“ von Robert Harris

Berlin. Herbst 1938: Europa steht wegen der Sudetenkrise am Rand eines Krieges. Robert Harris erzählt in seinem neuen Polit-Thriller die Geschichte eines hoffnungsvollen Scheiterns.

Historischer Thriller München“ von Robert Harris

Robert Harris 2016 in Köln. Foto: Henning Kaiser

Der Zweite Weltkrieg wirft 1938 seine Schatten voraus. Adolf Hitler droht mit dem Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechoslowakei, sollte das Sudetenland mit seiner mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung nicht an das Dritte Reich abgetreten werden. In dieses Spannungsfeld aus Diplomatie und Kriegsdrohung setzt Erfolgsautor Robert Harris seinen neuen Roman „München“.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 60-jährige Brite über Nazi-Deutschland schreibt. In seinem Bestseller-Debüt „Vaterland“ erzählt Harris eine dunkle Alternativ-Geschichte: Wie würde eine Welt zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aussehen, wenn Deutschland gewonnen hätte? In „München“ allerdings beackert er ein Feld, das Historiker präzise erschlossen haben.

„September 1938, das war der günstigste Augenblick“, soll Hitler Anfang 1945 im Rückblick auf das Jahr vor Kriegsausbruch gesagt haben. Zwar steht damals Europa tatsächlich vor dem Abgrund der Gewalt, doch wird diese durch die Zugeständnisse an Deutschland auf der Konferenz in München vorerst noch abgewendet.

Wie bereits in seiner Cicero-Trilogie (in der Privat-Sekretär Tiro als Ich-Erzähler fungiert) blickt Harris auch in „München“ durch die Augen kleiner Nebencharaktere auf die große Weltgeschichte: Der Beamte Hugh Legat hat als Sekretär direkten Zugang zum britischen Premierminister Neville Chamberlain. Sein alter Freund aus Studienzeiten, der preußische Aristokrat Paul von Hartmann, arbeitet im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches.

Beide sind geradewegs involviert in die Geschehnisse, die sich zwischen dem 27. und 30. September 1938 erst in London und Berlin, später in München abspielen. Dort vereinbaren Großbritannien und Frankreich mit Deutschland und Italien, dass das Sudetenland friedlich an das Dritte Reich angegliedert wird. Premier Chamberlain verkündet bei seiner Rückkehr nach London: „Frieden für unsere Zeit“.

Doch lehrt die Geschichte, dass diese Hoffnung im Keim erstickt wird: Kein Jahr später ist die restliche Tschechoslowakei zerschlagen, im Herbst 1939 beginnt mit dem Einfall der Wehrmacht in Polen der Sturm über Europa. Die Appeasement-Politik Chamberlains scheitert, Zugeständnisse bewahren die Welt nicht vor dem deutschen Vernichtungskrieg.

Doch was will Harris mit dem Roman sagen? Warum behandelt er gerade jetzt diesen Stoff? Worin liegen die Verweise in die heutige Zeit? Antworten darauf gibt er im Roman keine. Dabei ist der Brite ein sehr politischer Mensch. Immer wieder kommentiert er die Entscheidungen seines Landes. So gilt er als Kritiker von Premierministerin Theresa May und der Brexit-Befürworter.

In „München“ wird Harris fast schon zu einem Dokumentar, der Roman zum Vergrößerungsglas. Dort aber, wo der Autor in den Nischen der Geschichte Platz für fiktionale Elemente entdeckt, lässt er seinen beiden Protagonisten die nötigen Freiräume. Beide bewahren ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Zu dem geht es in einem anderen Nebenstrang um eine Revolte gegen Hitler. Eine kleine Gruppe um Hartmann wünscht sich den Kriegsbefehl gegen die Tschechoslowakei. Dann, so glauben sie, würde die Militärführung putschen.

Dass es so nicht kommt, wissen alle aus den Geschichtsbüchern. Dennoch macht Harris seinen Roman zu einem kurzweiligen Seitenwender. Anders als bei „Vaterland“ gibt es in „München“ keine Alternative zur Geschichte. Und so bleibt einer von Hartmanns Sätzen in Erinnerung: „Schrecklich, diese Hoffnung. Ohne wären wir alle viel besser dran.“

Robert Harris: München. Heyne, München, 432 Seiten, 22,00 Euro, ISBN: 978-3-453-27143-2

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