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Holprig auf die Bühne und treulos in der Liebe

Köln. Joachim Meyerhoff ist in den eigenen Zwanzigern angekommen, skrupellos untreu in der Liebe und verzweifelt unsicher auf der Bühne. Sein vierter Erinnerungsroman hat wieder einen speziellen Sound und ein paar Frauenklischees zu viel.

Holprig auf die Bühne und treulos in der Liebe

Der Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff legt autofiktional nach. Foto: Ole Spata

Immer noch junge 23 bis 26 Lenze zählt die Hauptperson in der neuen, vierten Folge von Joachim Meyerhoffs Bestseller-Serie mit der eigenen Geschichte.

„Erinnerung ist was für Dummköpfe“, lässt er Hanna höhnen, die erste große Liebe seines Lebens und zweite Hauptperson auf diesen 400 Seiten. Sie tickt anders: „Ich sehe es einfach vor mir.“

So muss es dem vielfach ausgezeichneten Schauspieler wohl auch beim Schreiben im Nebenberuf gehen. Was er aus seinem Leben beneidenswert reich an bunten Details „einfach vor sich sieht“ und wohl auch dazuerfindet, hat Meyerhoff wieder zu einem immer unterhaltsamen Wechselbad von Komik bis Tragik mit munter wechselnder Tonlage bei der Selbstdarstellung und voller Sprachwitz gemixt.

Es ist der sehr spezielle Meyerhoff-Sound. Zu seiner ausgeprägten Vorliebe für nackte Rollen auf der Bühne bekennt sich der 50-Jährige charmant selbstironisch. Die Freude an unverstellt nackter Selbstdarstellung durchweht auch das Buch, mit dem holprigen Start ins Liebes- und Arbeitsleben als altersgemäßem Dramenstoff.

Der Jungschauspieler Joachim M. kämpft sich durch seine ersten festen Engagements an den wenig prickelnden Stadttheatern in Bielefeld sowie Dortmund und durch sein erstes festes Engagement privat an der Seite der intellektuell überlegenen, ehrgeizigen Hanna. Mit der Bielefelder Studentin lässt es sich wunderbar reden. Was im Bett zwischen beiden nie so recht zünden will, findet der junge Mann („außen palavernde Plaudertasche, innen brunftiger Gorilla“) bei der rassigen Schauspielkollegin Franka in Dortmund.

Die „zunehmend heftigeren Beischlafszenarien“, Feuerwerke animalischer Lust, lassen die Außenwelt für Stunden in Bedeutungslosigkeit versinken, vor allem „endlich, endlich, endlich“ auch die schwer auf ihm lastenden Toten aus ganz jungen Jahren: Als Austauschschüler in den USA hatte Meyerhoff am Telefon vom Unfalltod eines Bruders erfahren. Sein Vater, Chef einer Psychiatrie in der norddeutschen Provinz, starb einen elenden Krebstod, als der Sohn noch zur Schule ging.

Meyerhoff hat diese Geschichten in den ersten beiden und besten Bänden seiner Autofiktionsserie erzählt. Im dritten ist er als Münchner Schauspielschüler bei seinen heftig pichelnden und innig geliebten Großeltern untergekrochen. Bei denen gefällt es dem gelehrigen Trinkschüler viel besser als dem von Selbstzweifeln zerfressenen Schauspielschüler auf der Bühne. Am Berufsanfänger nagen sie weiter. Der Rampensau als Schreiber lässt Meyerhoff bei der Schilderung dieses Elends und wahrhaft titanischer Anstrengungen zur Überwindung freien Lauf.

Es gibt gut was zu lachen, wenn er bei „Anatevka“ seinen Supergau als Sänger erlebt oder mit süß duftendem Theaterblut beschmiert durchs Kaufhaus stürmt. Ähnliches hatte man auch im vorigen Buch gelesen. Einiges wiederholt sich eben im Leben. Wie es ja auch Geschichten über ein männliches Doppelleben zwischen der klugen Partnerin zum Reden und der wilden zum Sex schon eine ganze Menge gibt. In dieser wundert sich der Treulose: „Wie widerstandslos, ja freudig ich in diesen beidseitigen, sauber auf zwei Städte verteilten Betrug hineinrutschte.“

Meyerhoff präsentiert mit der 45-jährigen Bäckerin Ilse, stämmig und busenstark, auch noch eine Mutterfigur, die frühmorgens um 4.00 Uhr in die Backstube lockt. Ilse ist für ihn die faszinierend arbeitsame Frau. Frauentypen tauchen bemerkenswert klar definiert auch in Nebenrollen auf: „Eine in die Jahre gekommene Provinzdiva mit roter Hennamähne, die vor zwanzig Rentnerinnen Rilke rezitierte, als wäre sie von einer theatralischen Tarantel gestochen.“

Für einen von Herzen verachteten Kollegen gibt es mildernde Umstände: „Er hatte allerdings eine unfassbar gut aussehende Frau von raumgreifender Sinnlichkeit, deren zur Hochform auflaufendes Dekolleté mich - beim Käsespätzleessen und Fädenziehen - mit tiefem Neid erfüllte.“ Man würde gern wissen, ob sich Meyerhoff das bewusst ausgedacht oder warum seine Erinnerung ihm solche Klischeebrillen aufgesetzt hat.

- Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Kiepenheuer&Witsch, Köln, 416 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-462-04944-2.

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