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Julia Engelmann mag Happy Ends

Bremen. Mit einem Gedicht landete Julia Engelmann vor Jahren einen Internethit. Heute ist sie erfolgreiche Vollzeit-Poetin. Jetzt bringt sie ein musikalisches „Poesiealbum“ heraus.

Julia Engelmann mag Happy Ends

Slammerin, Schauspielerin, Musikerin - Julia Engelmann probiert viel aus. Foto: Mohssen Assanimoghaddam

„Manchmal wäre ich gerne schöner. Doch das geht auch wieder weg“ und „Ich mach alles ein bisschen und alles vielleicht“ - Textzeilen wie diese sind typisch für Julia Engelmann. Die 25-Jährige bringt damit ein Lebensgefühl auf den Punkt, das viele junge Leute teilen.

Vor fast vier Jahren berührte ein Internet-Video von einem ihrer Poetry Slam-Auftritte Millionen Menschen. Seitdem hat die gebürtige Bremerin drei Gedichtbände veröffentlicht, füllt mit ihrer Bühnenshow große Konzertsäle und macht jetzt auch noch Musik. Jetzt ist Engelmanns erstes Album erschienen - mit dem sehr passenden Titel „Poesiealbum“.

Zu süßlich, zu sentimental - werfen ihr die Kritiker vor, die in ihren Gedichten ein bloßes Aneinanderreihen von Phrasen sehen. „Sentimentalität, Verletzlichkeit und Gefühle finde ich überhaupt nichts Schlechtes“, sagt Engelmann dazu. „Ich mag Gefühle, ich mag über Dinge nachdenken und ich mag Happy Ends.“ Kritik nicht zu sehr an sich heranzulassen hat die gebürtige Bremerin früh gelernt. Wie bei vielen Internetphänomenen löste das Video ihres Bühnengedichts „One Day/Reckoning“ nicht nur Begeisterungsstürme aus, sondern erntete auch viel Häme.

In dem Video steht eine leicht nervöse Julia Engelmann, damals noch Psychologie-Studentin, mit blondem Pferdeschwanz und Jeansjacke vor dem Publikum in einem Uni-Hörsaal. Heute tritt sie - ganz Bühnenprofi - locker und gut gelaunt vor ihre Zuschauer, verstreut massenhaft buntes Konfetti, sorgt für herzhafte Lacher und rührt zu Tränen. Ohne das Internet wäre das alles nicht passiert. Das sagt auch Julia Engelmann. Dass ihr Ruhm damals nicht schnell wieder verblasste, verdankt sie aber vor allem harter Arbeit - und einer geschickten Marketingstrategie.

Dass Künstler aus der Poetry-Slam-Szene den großen Durchbruch schaffen, ist nicht ungewöhnlich. Auch die preisgekrönte Autorin Nora Gomringer und der TV-Kabarettist Torsten Sträter starteten so ihre Karrieren. „Julia Engelmann ist in der Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, dass sie vor allem jüngere Leute anspricht“, sagt der Düsseldorfer Slam-Poet Bernhard Hoffmeister. Den „Bravo“-Charakter nennt er das in Anlehnung an die gleichnamige Jugendzeitschrift.

Hoffmeister organisierte in diesem Jahr die deutschsprachige Slam-Meisterschaft mit und kennt sich in der Szene gut aus. „Es gibt großen Respekt davor, dass sie es geschafft hat, sich so zu etablieren“, sagt er. „Sie ist aber vom Textlichen her keine Vertreterin, von der alle sagen, sie sei top. Das funktioniert mehr über die Marke.“

Hübsch, ein fröhliches Lachen, lustig und zugleich ernsthaft, ganz natürlich und nicht abgehoben - so kommt Julia Engelmann rüber. Eine halbe Million Nutzer folgen ihrem Facebook-Profil, wo sie sich nach Auftritten immer bei ihren Fans bedankt und kurze Videos postet. Und die Kommentare der Nutzer klingen so, als würden sich zwei Freunde auf Augenhöhe unterhalten.

Dabei könnte Julia Engelmann mit all dem, was sie bisher erreicht hat, auch einschüchternd wirken: in der Schule zwei Klassen übersprungen, Abitur mit 16, danach stand sie zwei Jahre in einer TV-Serie vor der Kamera. Ihr Studium hat sie inzwischen abgebrochen, um sich voll auf ihren Traumjob zu konzentrieren. Als „Vollzeit-Poetin“ bezeichnet sie sich selbst. Und schiebt gleich hinterher, wie dankbar sie dafür sei, das machen zu können und dass sie sich überhaupt nicht als Überfliegerin sehe. „Ich kann auch ganz viele Sachen nicht.“

Musik ist auf jeden Fall eine Sache, die sie kann. Engelmann spielt Klavier, hat sich selbst Gitarre beigebracht und singt gerne. Gesangseinlagen hat sie bei ihren Auftritten schon länger gegeben. Für ihr Erstlingswerk „Poesiealbum“, das gleich bei einem großen Plattenlabel erschienen ist, hat sie bestehende Gedichte eingesungen und mit Musikern zusammen gearbeitet. Nur zwei der 14 Stücke hat sie neu geschrieben.

Auf dem Album singt Engelmann über Menschen, die auf das Glück warten anstatt danach zu greifen („Grüner wird's nicht“), über den Selbstoptimierungswahn („Kein Modelmädchen“) und Unsicherheit („Kleiner Walzer“). Die Musik: melodischer Deutsch-Pop, der zum Teil an die Sängerin Judith Holofernes erinnert - alles ganz schön und zum Mitsingen geeignet. Nur das Lied „Bestandsaufnahme“ sticht heraus, in dem sich Engelmann nicht ganz so erfolgreich im Sprechgesang versucht. Den Fans wird das Album gefallen. An den riesigen Erfolg ihres Internetvideos wird es aber wohl nicht heranreichen.

Tourdaten im November: 09.11. Leipzig, Gewandhaus zu Leipzig, 18.11. Berlin, Admiralspalast - Theater, 19.11. Lübeck, Musik- und Kongresshalle Lübeck, 20.11. Flensburg, Deutsches Haus
23.11. Dresden, Konzertsaal im Kulturpalast Dresden, 24.11. Hannover, Kuppelsaal im HCC, 25.11. Bremen, Musical Theater Bremen, 27.11. Kiel, Konzertsaal Kieler Schloss, 29.11. Hamburg, Mehr! Theater am Großmarkt

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