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Patienten hoffen auf Aufklärung

Krebsmittel gepanscht: Prozess gegen Apotheker startet

ESSEN/BOTTROP „Weil Gesundheit ein Geschenk ist.“ Mit diesem Slogan warb ein Bottroper Apotheker um Kunden. Seit dem heutigen Montag, 13. November, steht der 47-jährige Peter S. in Essen vor Gericht. Er soll mit gepanschter Medizin rund 1000 Krebspatienten gefährdet haben. Zum Prozessauftakt kamen auch zahlreiche Betroffene.

Krebsmittel gepanscht: Prozess gegen Apotheker startet

Die „Alte Apotheke“ in Bottrop. Inzwischen wird sie nicht mehr vom Angeklagten geführt, sondern von dessen Mutter. Foto: dpa

Unter großem Medienandrang hat vor dem Essener Landgericht der Prozess um angeblich gestreckte Krebsmedikamente begonnen.Zum Prozessauftakt am Montag kamen auch zahlreiche Betroffene. Sie erwarten vor allem Antworten nach dem Warum. Eine 56-jährige Frau aus Bottrop, die an Krebs erkrankt ist und vom angeklagten Apotheker Medikamente bezogen hat, sagte vor Prozessbeginn: „Ich möchte leben und kämpfe dafür, dass es ein gerechtes Urteil geben wird.“

Der Prozess gegen Peter S. sprengt jede Vorstellungskraft - und fast alle Dimensionen. 820 Seiten umfasst die Anklage. Der errechnete Schaden für die Krankenkassen beläuft sich auf Schwindel erregende 56 Millionen Euro. Dazu fiebern unzählige Krebspatienten endlich einer Antwort auf die Frage entgegen - warum? „Viele wissen bis heute nicht, ob auch sie betroffen sind“, sagt der Marler Rechtsanwalt Hans Reinhardt, der eine 73–jährige Apothekenkundin aus Gladbeck vertritt. „Die menschliche Gier scheint unendlich zu sein“, so Reinhardt. „Jetzt geht es um lückenlose Aufklärung.“

Abgrundtiefer Medizin-Skandal

Verdünnte Infusionen, eklatante Hygienemängel: Die Anklageschrift umreißt einen abgrundtiefen „Medizin-Skandal“. Jahrelang soll der Apotheker aus Bottrop ein Mann mit zwei Gesichtern gewesen sein. Auf der einen Seite ein lächelnder Macher und Gönner - auf der anderen ein herzloser Panscher? Nach außen hin galt S. als hilfsbereit, war engagiert im Bottroper Marketingverein sowie in der Hospiz-Arbeit. Dagegen ist das Bild, das die Anklage von dem bisher durchweg schweigenden 47-Jährigen zeichnet, das eines gefühlskalten, gewissenlosen und geldgierigen Täters.

DÜSSELDORF In mehr als 60.000 Fällen soll ein Bottroper Apotheker Krebsmedikamente gepanscht haben. In der kommenden Woche beginnt der Prozess gegen ihn. NRW-Gesundheitsminister Laumann spricht vom „Verdacht eines ungeheuerlichen Verbrechens“ und kündigt Konsequenzen an.mehr...

Anklage: Mehr als 60.000 Rezepturen verfälscht

Vom 1. Januar 2012 bis zur Festnahme auf seinem Anwesen in Bottrop-Kirchhellen am 29. November 2016 soll Peter S. in 61.980 Fällen die Rezeptur von Krebsmedikamenten für eine Chemo-
oder Antikörpertherapie verfälscht haben. Die von ihm geführte „Alte Apotheke“ war eine Art Schwerpunktapotheke, versorgte Patienten individuell mit krebshemmender Medizin. Irgendwann soll S. systematisch dazu übergegangen sein, viel zu wenig Wirkstoff für seinen eigentlichen Krebsmittel-Bedarf einzukaufen. In die Spritzen für seine Stammkunden füllte der 47-Jährige danach laut Anklage regelmäßig weniger Wirkstoff ein als therapeutisch notwendig. Um nicht wegen ausbleibender Nebenwirkungen oder Farbabweichungen aufzufallen, soll S. beim Verdünnen und Pantschen stets Wert darauf gelegt haben, dass „immerhin ein wenig Wirkstoff in den Infusionsbeuteln vorhanden war“. Darüber hinaus soll S. aber auch gegen Hygieneregeln verstoßen haben: Statt in steriler Schutzkleidung, soll er häufig in ganz normaler Alltagskleidung im Labor gearbeitet haben.

Mitarbeiter packte aus

Angestoßen wurden die Ermittlungen im September 2016 durch einen Mitarbeiter der Apotheke in der Bottroper Innenstadt. Der Zeuge hatte erst über einen Anwalt, später dann auch selbst erklärt, er habe den Verdacht, dass sein Chef Krebsmedikamente illegal verdünne. Bei der späteren Festnahme von Peter S. stießen die Ermittler im sogenannten „Reinraumlabor“ der Apotheke auf 117 zur Auslieferung bereit stehende Infusionen. Laut Anklage wiesen 66 einen minimalen Wirkstoffgehalt auf.

Krebsmittel gepanscht: Prozess gegen Apotheker startet

Die „Alte Apotheke“ in Bottrop warb lange mit dem Slogan „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“. Für die Betroffenen im Krebsmittel-Skandal klingt das wie blanker Hohn. Foto: dpa

Weil der Apotheker die gestreckten Krebsmittel regelmäßig als vollwertige bei den Krankenkassen abgerechnet haben soll, lautet die Anklage neben Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz und versuchter Körperverletzung auch auf gewerbsmäßigen Betrug. Vielleicht hätte man Peter S. auch wegen versuchter Tötung anklagen können. Dann hätte man jedoch nachweisen müssen, dass eine Behandlung mit unverdünnten Medikamenten auf jeden Fall erfolgreich gewesen wäre. Genau das ist laut Staatsanwaltschaft aber nicht möglich.

Rund zehn ehemalige Apotheken-Kunden, die selbst oder deren Angehörige Krebsmedikamente bezogen haben sollen, sind für den Prozess als Nebenkläger zugelassen. Die 73-jährige Gladbeckerin wird am ersten Verhandlungstag allerdings nicht dabei sein. Ihr Anwalt Hans Reinhardt: „Das würde sie nicht verkraften. Sie braucht ihre ganze Kraft für eine mögliche Zeugenaussage vor Gericht.“

Correktiv-Panorama-Doku

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV hat zusammen mit dem ARD-Magazin Panorama ein halbstündige Dokumentation zu dem Fall erstellt.

Peter S. war schon einmal im Visier

  • Bereits 2013 war gegen den Bottroper Apotheker eine gleich gelagerte Anzeige wegen angeblich gepantschter Krebsmittel eingegangen. Die Ermittlungen waren jedoch eingestellt worden.
  • Peter S. hatte sich damals gegen die ungeheuerlichen Anschuldigungen verwehrt und über seinen Anwalt erklären lassen, „er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen“.
  • Im Zuge der neuen Ermittlungen hatte eine weitere Assistentin von S. der Polizei im Oktober 2016 einen von ihrem Chef frisch hergestellten Infusionsbeutel übergeben. Laboruntersuchungen ergaben, dass kein Krebsmittel-Wirkstoff enthalten war.
  • Für diesen Hinweis und weitere Enthüllungen werden die Assistentin und ein Kollege im Dezember mit dem „Whistleblower-Preis 2017“ ausgezeichnet.

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