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„Manifesto“ mit Cate Blanchett - Wenn Kunst Kino wird

Berlin. Kann aus einer Kunstinstallation ein Kinofilm werden? Der deutsche Filmkünstler Julian Rosefeldt und Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett beweisen mit „Manifesto“, dass das geht.

„Manifesto“ mit Cate Blanchett - Wenn Kunst Kino wird

In „Manifesto“ tritt Cate Blanchett in zwölf unterschiedlichen Rollen auf. Foto: DCM

Es ist schon ein recht gewagtes Filmexperiment - auch für Cate Blanchett: In „Manifesto“ schlüpft die zweifache Oscar-Preisträgerin in zwölf völlig unterschiedliche Rollen. Vom zausigen Obdachlosen über eine zugedröhnte Punkerin bis zur erzkonservativen Vorstadt-Mutter oder Lehrerin.

Die Schauspielerin rezitiert dabei aus rund 60 Kunstmanifesten vom Futurismus und Dadaismus vor rund 100 Jahren bis zu den Dogma-Regeln von Filmemacher Lars von Trier oder dem Independent-Filmer Jim Jarmush. Was sich so verkopft kunsthistorisch anhört und noch nicht einmal eine Handlung hat, verwebt der deutsche Filmkünstler Julian Rosefeldt zu einem faszinierenden lyrisch-melancholischen Leinwandabenteuer.

„Manifesto“ ist ursprünglich eine Video-Installation, die in den vergangenen zwei Jahren durch Museen und Festivals in Deutschland, Australien und den USA tourte. Produziert wurde sie unter anderem von der Ruhrtriennale, der Nationalgalerie Berlin, dem Sprengel Museum Hannover und australischen Institutionen. Als Kunstinstallation liefen alle zwölf Manifest-Szenen simultan auf Leinwänden - ein Angriff auf alle Sinne. Als 90-Minuten-Film ist „Manifesto“ linear angelegt und dabei nicht minder eindrucksvoll, was auch an den malerischen Szenenbildern liegt, für die Kunstwerke verschiedener Epochen Vorbilder gewesen sein könnten.

Die wandlungsfähige Blanchett holt mit ihren starken Auftritten die teils über 100 Jahre alten Streitschriften für die Kunst in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Durch die Einbettung in teils völlig kunstferne Szenerien wie eine Müllverbrennungsanlage, Börse oder Grundschule bekommen die Sätze der revolutionären Künstler eine neue Aktualität. Jeder Satz sitzt, keine Szene ist zufällig gewählt. „Wir verherrlichen aggressives Handeln“, sagt Blanchett etwa in der Rolle die Börsenmaklerin und zitiert die Futuristen.

Manchmal stehen die großen Worte des revolutionären Aufbruchs („Ein Glanz jubelnder Morgenröte“) in traurigem Gegensatz etwa zu der ärmlichen Existenz der Müllarbeiterin. Sie verlässt frühmorgens mit der Butterbrotdose in der Hand ihre Hochhauswohnung, um dann einsam den Greifarm des Baggers in den Müllberg zu steuern.

Faszinierend auch, wie Blanchett eine langmähnige Nachrichtensprecherin spielt und gleichzeitig eine TV-Korrespondentin darstellt, die sie in einer „Live-Schalte“ zur Konzeptkunst befragt. Zur heutigen Medienwelt passen die jahrzehntealte Worte der US-Konzeptkünstler wie „Unsere Geschwindigkeitsobsession lässt keine Zeit und keinen Raum zur Umkehr“.

Über manche muss man aber auch einfach lachen, vor allem, wenn sie die Gegenwart konterkarieren. „Scheiß auf Dante, Shakespeare, Tolstoi, Goethe“, brüllt die Börsenmaklerin wie einst die jungen Futuristen Anfang des 20. Jahrhunderts in die Welt. Rosefeldt erkannte, dass Texte von Tristan Tzara, Lucio Fontana, Rodtschenko, Malewitsch oder Marinetti höchst lebendig und sprechbar sind. Er verwebte sie so kunstvoll, dass man die Grenzlinien der Autorschaft nicht mehr erkennt.

Dazu kommt die Lust am Abstrusen und Bizarren. Etwa wenn Blanchett als Südstaaten-Mama am Esstisch ihrer hungrig auf den Truthahn wartenden Familie minutenlang Claes Oldenburgs Pop Art-Kunstmanifest vorbetet. „Ich bin für Schinkenkunst, Schweinekunst, Hähnchenkunst“, rezitiert sie bierernst daher. Oder sie ruft mit brechender Stimme als Trauerrednerin am Grab: „Dada bedeutet nichts und ihr seid alle Idioten.“ Aus der derzeitigen Welle der Künstlerfilme im Kino hebt sich das ungewöhnliche Experiment Rosefeldts deutlich hervor.

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