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Neuwagen verbrauchen fast die Hälfte mehr als angegeben

Berlin/Brüssel. Dass Autos auf der Straße mehr Schadstoffe ausstoßen als bei Tests, ist nichts Neues. Nun erregt eine Untersuchung zum Spritverbrauch die Gemüter. Denn am Mittwoch ist dazu ein wichtiger Termin in Brüssel.

Neuwagen verbrauchen fast die Hälfte mehr als angegeben

Der höhere Verbrauch bedeutet nicht nur Mehrkosten für die Autofahrer, sondern auch eine stärkere Belastung der Umwelt. Foto: Jan Woitas

Neuwagen in Europa verbrauchen einer Studie zufolge 42 Prozent mehr Sprit als von den Herstellern angegeben. Das bedeute für Autofahrer Mehrkosten von 400 Euro pro Jahr, rechnete die unabhängige Forschergruppe ICCT vor.

Zudem werde mehr klimaschädliches Kohlendioxid ausgestoßen. Schon am Mittwoch will die EU-Kommission schärfere CO2-Limits für die Zeit bis 2030 vorschlagen. Die Grünen fordern drastische Vorgaben: 60 Prozent weniger Emissionen binnen zehn Jahren.

Forscher des International Council on Clean Transportation hatten mit ihren Untersuchungen den Diesel-Skandal aufgedeckt. Dabei ging es um den Ausstoß gesundheitsschädlicher Stickoxide (NOx), der im realen Fahrbetrieb ebenfalls höher ist als bei Tests. Auch die Abweichungen des angegebenen Spritverbrauchs von den Straßenwerten verfolgt das ICCT seit längerem. Noch vor zehn Jahren habe die Differenz bei etwa 15 Prozent gelegen, 2013 dann bei 25 Prozent. 2016 waren es laut ICCT schließlich die genannten 42 Prozent.

Der angegebene Kraftstoffverbrauch von Pkw wird unter einheitlichen Bedingungen in Testlabors ermittelt. Seit September gilt für neue Fahrzeugtypen das Testverfahren WLTP, das von September 2018 an dann für alle neuen Pkw zur Pflicht wird. Die ICCT-Forscher erwarten, dass WLTP die realen Fahrbedingungen genauer widerspiegelt. Es gebe aber auch beim neuen Ansatz „Schlupflöcher“. Nötig seien daher ergänzende Straßentests unter realen Fahrbedingungen.

Solche realistischeren Tests könnten die Autohersteller zusammen mit schärferen Grenzwerten in den nächsten Jahren erheblich unter Druck setzen. Bisher gelten EU-Vorgaben bis 2021. Dann sollen Neuwagen im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Für die Jahre danach bis 2030 ist nun eine erhebliche Verschärfung im Gespräch. Medienberichten zufolge will die EU-Kommission am Mittwoch den erlaubten Ausstoß um 25 bis 35 Prozent herabsetzen und möglicherweise auch eine Quote von 15 bis 20 Prozent emissionsfreier Autos vorgeben.

Die Grünen im Europaparlament verlangen mehr. Mit so wenig Ehrgeiz werde man die Ziele des Pariser Klimaabkommens nie erreichen, sagte der Abgeordnete Claude Turmes am Montag in Brüssel. Sie wollen bis 2030 eine Senkung der CO2-Werte um 60 Prozent im Vergleich zu 2020. Zudem soll schon 2025 jeder zweite Neuwagen ein Elektroauto sein.

Nur ambitionierte Vorgaben würden Anreize für einen Innovationsschub schaffen, meinte Turmes. Klagen der Autoindustrie, so drastische Ziele seien nicht möglich, wies er zurück. Norwegen habe binnen drei Jahren erreicht, dass 25 bis 30 Prozent der Neuwagen elektrisch angetrieben werden.

Auch Greg Archer von der Umweltorganisation Transport & Environment forderte die EU-Kommission zu ehrgeizigen Vorschlägen auf - mit Blick auf die laufende Weltklimakonferenz in Bonn. Er schlug eine Minderung des CO2-Ausstoßes bei neuen Autos um 45 Prozent von 2020 bis 2030 sowie ein verpflichtendes Ziel für Null-Emissions-Fahrzeuge vor. Sonst würde Europa seiner Führungsrolle in der Klimapolitik nicht gerecht, meinte er.

Auf die Ergebnisse der ICCT-Studie reagierten Umweltverbände mit scharfer Kritik an den Herstellern. „Die Spritverbrauchslüge der Autoindustrie wird immer offenkundiger“, sagte NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Gefordert seien jetzt ein ambitioniertes Konzept der EU-Kommission und eine Verkehrswende der künftigen Bundesregierung.

Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub VCD kritisierte: „Seit Jahren betrügen die Automobilhersteller ihre Kunden beim Spritverbrauch.“ Um möglichst kostengünstig CO2-Ziele einzuhalten, nutzten die Konzerne Schlupflöcher beim Testverfahren, statt tatsächlich den Verbrauch zu senken. „Die Zeche zahlen die Autofahrer.“

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