Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Massenrausch bei Seminar

Psychotherapeut bekommt Bewährungsstrafe

Stade Die Drogen sollen das Bewusstsein erweitern, doch das Experiment geht schief: Menschen kommen mit Halluzinationen ins Krankenhaus. Gut zwei Jahre später wird der Veranstalter zu einer Bewährungsstrafe verurteilt - an seinem Geburtstag. Außerdem muss der Therapeut noch mit weiteren Konsequenzen rechnen.

Psychotherapeut bekommt Bewährungsstrafe

Der Angeklagte Stefan S. (r) steht mit seinem Anwalt Rüdiger Deckers am 02.11.2017 in Stade beim Eintreten des Gerichts im Verhandlungssaal des Landgerichts. Er wurde zu einer Bewähruhngsstrafe verurteilt. Foto: dpa

Ein Psychotherapeut ist dafür verantwortlich, dass mehrere Menschen zeitweise in Lebensgefahr schwebten. Sie nahmen in seinem Seminar in Handeloh bei Hamburg Drogen, um ihr Bewusstsein zu erweitern. Am Ende landeten alle im Krankenhaus.

Richter haben den 53-Jährigen am Mittwoch in Stade zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt - wegen des Besitzes und der Abgabe von Drogen. Die Mindeststrafe hätte in diesem Fall bei einem Jahr gelegen. Ein Berufsverbot verhängte die Kammer nicht.

Erhebliche berufliche Konsequenzen

Der Angeklagte habe auch so schon erhebliche berufliche und wirtschaftliche Konsequenzen zu fürchten, begründet der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp das Urteil des Landgerichts.

Als Psychotherapeut darf der 53-Jährige damit weiter arbeiten - zumindest vorerst. Denn er könnte wegen des Drogenexperiments seine Approbation verlieren. Die Psychotherapeutenkammer beschäftigt sich nach Angaben der Verteidigung bereits mit dem Fall.

160 Rettungskräfte im Einsatz

„Die sieben Quellen - eine Reise durch unser Energiesystem“ lautete der Titel des Seminars, das der Psychotherapeut im September 2015 im beschaulichen Örtchen Handeloh südlich von Hamburg anbot. Kosten pro Teilnehmer: 290 Euro. Zu dem Seminar brachte er Kapseln mit dem Halluzinogen 2C-E mit, die alle 27 Teilnehmer freiwillig schluckten.

Doch was der Organisator nicht wusste: Die Kapseln enthielten auch eine psychoaktive Substanz. Kurze Zeit später wanden sich die Teilnehmer mit Krämpfen, Atemnot und Wahnvorstellungen auf dem Boden. 160 Rettungskräfte kämpften um ihre Leben.

Staatsanwalt forder Berufsverbot

Von einen Unfall, der ihm eine heilsame Lehre sein werde, spricht der 53-Jährige vor Gericht. „Jetzt stehe ich hier und verantworte die Fehler, die ich begangen habe“, sagt er. Selbstbewusst - in hellgrauem Anzug mit Weste und weißem Hemd - tritt er am Tag der Urteilsverkündung auf, der ausgerechnet auch sein Geburtstag ist. In einer Pause gratulieren ihm einige der Zuschauer im Raum.

„Wir haben es hier mit einem Fall zu tun, der in diesen Dimensionen in Deutschland wahrscheinlich so noch nie vorgekommen ist“, sagt Staatsanwalt Christian Laustetter in seinem Plädoyer. Neben einer Bewährungsstrafe fordert er ein Berufsverbot für den Angeklagten. „Der Angeklagte hat keinen Zweifel daran erkennen lassen, dass er ein glühender Verfechter der Psycholyse ist.“ Bei der umstrittenen Therapieform soll das Bewusstsein mit Drogen erweitert werden.

Psychotherapeut muss für Verfahren und Rettungseinsatz zahlen

Der Angeklagte war ein Schüler des im Januar gestorbenen Schweizer Therapeuten Samuel Widmer und soll den Ermittlern zufolge mit dessen Kirschblütengemeinschaft sympathisieren. Die Zentralestelle für Weltanschauungsfragen stuft diese als problematisch ein. Kritiker sehen in ihr eine Sekte.

Seit 2012 habe er nur noch unregelmäßig eine Trainingsgruppe von Widmer besucht, sagt der Psychotherapeut. „Ich bin vor allem eigene Wege gegangen.“ Die Gesinnung des Angeklagten sei nicht Gegenstand des Verfahrens gewesen, sondern allein die Drogendelikte, betont Appelkamp später, als er das Urteil verkündet.

Stade Teilnehmer wälzten sich schreiend auf dem Boden, einige wurden bewusstlos: Zwei Jahre nach dem Massenrausch bei einem Seminar um erweiterte Wahrnehmung hat der angeklagte Psychotherapeut eingeräumt, damals Drogen verteilt zu haben. Für deren Wirkung sieht sich der Angeklagte aber nur minder verantwortlich.mehr...

Für das Drogenexperiment muss der Psychotherapeut auch finanziell geradestehen: Er muss für das Verfahren aufkommen, das nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen der vielen Drogenanalysen und Blutuntersuchungen einen fünfstelligen Betrag gekostet hat. Auch den Rettungseinsatz in ähnlicher Höhe muss er voraussichtlich bezahlen.

dpa

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Im Trend

Weihnachtsbäume jetzt noch selber schlagen - Gewusst wo

NRW Statt schnell im Baumarkt eine Tanne mitzunehmen selbst mit der Axt in den Wald gehen: Immer mehr Menschen wollen ihren Weihnachtsbaum möglichst frisch kurz vor Weihnachten selbst schlagen. Aber wo geht das eigentlich noch kurz vor dem Fest? Ein Überblick. mehr...

Panorama

Rätsel um Tod von kanadischem Milliardär

Toronto. Im Fall des tot aufgefundenen kanadischen Pharma-Milliardärs Bernard „Barry“ Sherman und seiner Frau hat die Autopsie ergeben, dass beide an Nackenverletzungen gestorben sind.mehr...

Panorama

„Winterintermezzo“ vorbei - grüne Weihnachten erwartet

Offenbach. Zum Wochenstart gab es teils ausgiebigen Schneefall - grau, trüb und wärmer geht es in der Vorweihnachtswoche weiter. Das von Tief „Andreas“ verursachte „Winterintermezzo“ sei bereits beendet, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach mit.mehr...

Panorama

Für die meisten Deutschen ist Sicherheit wichtiger als Sonne

Hamburg. Anschläge, Gewalt, Unruhen und hohe Kriminalität schrecken Touristen ab. Die Deutschen fühlen sich mehrheitlich nur noch in wenigen Ländern als Urlauber wohl und sicher.mehr...

Panorama

Wintereinbruch in Frankfurt: 170 Flüge annulliert

Frankfurt. Winterliche Witterungsbedingungen haben am Morgen am Frankfurter Flughafen zu zahlreichen Flugausfällen geführt. Am Morgen waren bereits 170 Flüge annulliert worden, wie ein Sprecher der Flughafengesellschaft Fraport mitteilte.mehr...

Panorama

Explosion auf S-Bahnhof in Hamburg wohl durch Polenböller

Hamburg. Am dritten Advent gibt es an einem Hamburger S-Bahnhof eine Detonation. Sprengstoffexperten werden gerufen, der Bahnhof weiträumig abgesperrt. Wenig später scheint klar zu sein, was explodierte: ein Polenböller.mehr...