Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Streit um abgehängte Kunst - Kulturrat spricht von Zensur

Berlin/Göttingen. Wie weit geht die Freiheit der Kunst? Sollen und dürfen Bilder abgehängt oder Gedichte übermalt werden, wenn sich Menschen durch sie verletzt fühlen? Fälle aus Göttingen und Berlin.

Streit um abgehängte Kunst - Kulturrat spricht von Zensur

Horst Reinert vom Studentenwerk Göttingen zeigt eine Zeichnung mit nackten Brüsten in der Zentralmensa der Universität. Foto: Christina Hinzmann

Zwei deutsche Hochschulen sorgen derzeit wegen ihres Umgangs mit umstrittenen Kunstwerken für Aufsehen. An der Universität Göttingen hängte das Studentenwerk eine Schau mit 45 satirischen Werken ab, weil einzelne Bilder als sexistisch oder judenfeindlich kritisiert worden waren.

Die Angehörigen der Alice Salomon Hochschule in Berlin können vom 15. November an online darüber abstimmen, ob ein angeblich sexistisches Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer an der Uni-Fassade übermalt werden soll oder nicht.

Der Deutsche Kulturrat, die Spitzenorganisation von rund 250 Bundeskulturverbänden, reagierte am Mittwoch besorgt auf die „Zensur“, wie es hieß. „Hochschulen sind öffentliche Räume und selbstverständlich gilt in ihnen die grundgesetzlich verbriefte Kunstfreiheit“, erklärte Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

In Göttingen zeigten sich das Studentenwerk und die Künstler betroffen von der Kritik an der Ausstellung. Zu keinem Zeitpunkt sei geplant gewesen, „herabwürdigende Darstellungen von Juden wiederaufleben zu lassen“, hieß es nach der Abhängaktion am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung.

Die Jüdische Gemeinde Göttingen hatte eine Karikatur kritisiert, die den jüdischstämmigen Wissenschaftler Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge und Schweineohren zeigte. Der AStA und eine Studenten-Initiative störten sich bei anderen Bildern an der Art und Weise, wie nackte Brüste und ein Po dargestellt wurden.

Der Fall in Berlin schlägt schon länger hohe Wellen. Angehörige der Hochschule hatten moniert, das auf Spanisch verfasste
Gomringer-Gedicht „avenidas“ könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. Sie beziehen sich dabei auf den Satz: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“.

Die Hochschulleitung hatte daraufhin einen Wettbewerb zur möglichen Neugestaltung der Fassade ausgeschrieben. Die Ergebnisse werden nun in der Online-Abstimmung zur Wahl gestellt. Die abschließende Entscheidung soll im Januar der Akademische Senat treffen.

Bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend machte die Hochschulleitung deutlich, dass sie die Familie Gomringer in die Entscheidung einbeziehen will. Über bereits laufende Gespräche sei aber Stillschweigen vereinbart worden, hieß es in einer Mitteilung.

Der Kulturrat verwies darauf, dass die Freiheit der Wissenschaft im selben Artikel des Grundgesetzes verbürgt ist wie die Kunstfreiheit. Hochschulangehörige sollten diese Freiheiten deshalb auch im eigenen Interesse nachdrücklich verteidigen, forderte Geschäftsführer Zimmermann: „Debattieren ja, Zensieren nein!“

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Kunst

Der Leonardo-Effekt: Weltrekord beflügelt den Kunstmarkt

Berlin/New York. Die neue Bescheidenheit am Kunstmarkt ist vorbei. „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci hat neue Maßstäbe gesetzt. Wann wird das erste Kunstwerk die Milliarden-Hürde nehmen? Der Markt ist elektrisiert.mehr...

Kunst

Thorsten Brinkmann: Kunst kann auch komisch

Stade. Thorsten Brinkmann nimmt allerlei Krempel, stapelt ihn übereinander - und fertig ist das Kunstwerk. Witzig soll seine Kunst sein, den Betrachter unterhalten. Darf man das in so ernsten Zeiten?mehr...

Kunst

César in Paris: Schrottautos und Riesendaumen

Paris. Er schuf die Trophäe für den wichtigsten französischen Filmpreis, der auch nach ihm benannt wurde: César. Berühmt aber wurde der Künstler aus Marseille vor allem mit seinen „Kompressionen“mehr...

Kunst

Estnische Kunst und deutscher Expressionismus

Tallinn. Den Expressionisten der Künstlergruppen „Brücke“ und „Der Blaue Reiter“ widmet sich eine Ausstellung in Tallinn. Deren Werke spielten auch für Estlands Kunstwelt eine wichtige Rolle, meint die Kuratorin.mehr...

Kunst

Katalonien-Krise zieht Kreise in der Kunstwelt

Lleida. Seit eineinhalb Monaten hat die spanische Regierung die Kontrolle in Katalonien. Jetzt gibt es spürbare Konsequenzen: Das Museum von Lleida muss 44 Kunstwerke an die Region Aragonien zurückgeben. Ex-Präsident Puigdemont spricht von einem „Staatsstreich“.mehr...