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„Überleben in Neukölln“: eine queere Liebeserklärung

Berlin. Kriminelle Clans und hohe Arbeitslosigkeit: Neukölln gilt so manchen als No-go-Area. Zu seinem 75. Geburtstag zeigt Rosa von Praunheim ganz andere Facetten des Berliner Stadtteils. Der Filmtitel „Überleben in Neukölln“ ist dabei durchaus mehrdeutig zu verstehen.

„Überleben in Neukölln“: eine queere Liebeserklärung

Regisseur Rosa von Praunheim erzählt vom Leben in Neukölln. Foto: Michael Kappeler

Neukölln? Da dürften viele Leute zuerst an Deutschlands wohl bekanntesten Problembezirk denken, an die bundesweiten Negativ-Schlagzeilen über die Rütli-Schule oder an den ehemaligen Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der beim Thema Ausländerpolitik stets für Kontroversen gut ist.

Doch jetzt macht ausgerechnet Rosa von Praunheim dem berühmt-berüchtigten Berliner Stadtteil eine Art Liebeserklärung: Seine Dokumentation „Überleben in Neukölln“ zeigt die freundliche Seite einer Gegend, die vielen Menschen in Deutschland weiter als No-go-Area gilt.

Protagonist(in) ist Juwelia, eine Kunstfigur, die eigentlich Stefan Stricker heißt und sich im Film als weiblicher Mann bezeichnet. Die Zuschauer begleiten Juwelia bei ihrer Arbeit als Malerin und bei ihren Auftritten als Sängerin in ihrer Neuköllner Galerie. Mit ihren teils traurig-schönen Chansons prägt sie auch musikalisch die Stimmung des Films. Die Travestiekünstlerin ist sozusagen das personifizierte „Arm, aber sexy“, mit dem Klaus Wowereit einst den Charme Berlins auf den Punkt brachte.

Neben Juwelia begegnet man vielen weiteren Neuköllnern, die mit dem Bild vom biederen Bürger eher wenig gemein haben. Da ist zum Beispiel die 89-jährige Frau Richter, die um 1980 nach Neukölln zog und hier lange Zeit mit einer Frau zusammenlebte. Man lernt den androgynen kubanischen Sänger und Tänzer Joaquín La Habana kennen - sein 17-jähriger Sohn ist stolz auf seinen Papa, der mit einem Mann verheiratet ist. Und auch Mischa Badasyan ist dabei: Der Künstler löste 2014 einiges Aufsehen aus, als er ankündigte, ein Jahr lang jeden Tag mit einem anderen Mann Sex haben zu wollen.

Es ist natürlich ein sehr queerer Blick auf Neukölln, was bei Rosa von Praunheim nicht verwundert. Der Regisseur, der am 25. November 75 Jahre alt wird, gilt als einer der Wegbereiter der modernen Schwulenbewegung. Als Meilenstein gilt sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971. 20 Jahre später outete er Hape Kerkeling und Alfred Biolek gegen deren Willen im Fernsehen als schwul.

Aber worüber sich viele wundern dürften: dass in Neukölln überhaupt so viele Leute sichtbar sind, die vom heterosexuellen Mainstream abweichen, obwohl der Bezirk mit seinem hohen Migrantenanteil oft eher mit Männergehabe und klassischem Patriarchat in Verbindung gebracht wird.

Die negativen Seiten - Kriminalität, etwa vonseiten arabischer Clans, oder hohe Arbeitslosigkeit - spart Rosa von Praunheim, der selbst nicht in Neukölln wohnt, weitgehend aus. Natürlich gebe es diese Probleme, räumte er im Deutschlandfunk-Kultur-Interview ein. „Aber ich bin eigentlich jemand, der eher konstruktiv ist und gern auch ein positives Bild vermittelt und sagt, da gibt es auch tolle Leute, es gibt tolle Ansätze, und es gibt auch Wege raus.“

„Überleben in Neukölln“ ist dabei nicht nur ein Film für die LGBTI-Zielgruppe, also für Lesben, Schwule (englisch: Gays), Bisexuelle, Trans-Menschen und Intersexuelle. „Überleben in Neukölln“ ist auch ein Film über Gentrifizierung, also über Veränderungen in einem Stadtteil, die dazu führen, dass dank niedriger Mieten erst die Künstler und Kreativen kommen, die dann aber ebenso wie die ursprünglichen Bewohner verdrängt werden, sobald die Gegend auch für Wohlhabendere attraktiv geworden ist. Passend dazu werden im Film immer wieder Szenen von Orten eingeblendet, die längst auch Touristen anziehen - etwa vom Tempelhofer Feld, vom hippen Klunkerkranich-Dachgarten und von der Kneipenmeile rund um die Weserstraße.

Mit dem Filmtitel zitiert sich Rosa von Praunheim selbst. In seinem Film „Überleben in New York“ von 1989 geht es um drei deutsche Frauen, die versuchen, in New York Fuß zu fassen. Im Fall der Doku über Neukölln kann man das „Überleben“ im Titel auch aus anderen Gründen als mehrdeutig verstehen: Es geht ums Leben in einer rauen Gegend, die seit jeher Arbeiterviertel mit erhöhter Kriminalität war. Und es geht um den Kampf gegen steigende Mieten und Gentrifizierung.

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