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Die Rolling Stones 1965 in Münster

Von Wasserwerfern und Höhlenmenschen

MÜNSTER Aus Sicht der meisten Erwachsenen in den 60-ern war das, was heute Musikgeschichte ist, eine echte Bedrohung: Als ungewaschene „Höhlenmenschen“ angekündigt, gaben die Rolling Stones am 11. September 1965 ihr allererstes Konzert in Deutschland - ausgerechnet im konservativen Münster. Die Stadt kam mit einem Schrecken davon.

Von Wasserwerfern und  Höhlenmenschen

ARCHIV - Kreischende Fans auf einem Konzert der Rockband Rolling Stones am 11.09.1965 in der Münsterlandhalle in Münster. Foto: Otto Noecker dpa (zu lnw-KORR vom 07.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ausgerechnet im konservativen Münster gaben die jungen Rolling Stones 1965 ihr erstes Deutschland-Konzert. Die Stadt war weder damals noch heute als Nabel des Rock'n'Roll bekannt. Münster kam mit einem Schrecken über die neue Wildheit davon - ganz anders als wenige Tage danach die Waldbühne in Berlin.

1965 war das Jahr, in dem die erst drei Jahre alte Band an ihrem internationalen Durchbruch arbeitete. Es war das Jahr von „Satisfaction“, der ersten Nordamerika- und Europa-Tourneen. Und es war das Jahr, in dem - bereits grassierender Beatles-Manie zum Trotz - in Deutschland noch der Schlager die Hitlisten dominierte.

FAZ: "Erbärmlich einfallslose Musik"

Kein Wunder also, dass viele den Untergang von Sitte und Moral nahen sahen: Die Stones sollten nach Münster kommen. Mit allerlei populären Bands im Vorprogramm sollten ihre zwei Auftritte dort kaum je mehr als 20 Minuten dauern. Und doch: „Als erste deutsche Stadt wurde heimgesucht, auf den Kopf gestellt und benebelt Münster in Westfalen, bekannt konservativ und sittenstreng“, berichtete die „Deutsche Wochenschau“ nach dem Konzert in der Halle Münsterland. „Erbärmlich einfallslose primitive Musik“, urteilte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Die Rolling Stones in Münster

Mit Geschrei und ihren "Gesundheitsschlappen" unterstützen diese Mädchen am Samstag n der Münsterlandhalle im nordrhein-westfälischen Münster die Rolling Stones beim "Musikmachen". Die erste Deutschland-Tournee der "Rolling Stones", die nach den "Beatles" als die populärste englische Beat-Gruppe gelten, begann mit heftigen Tumulten. Foto: Otto Noecker dpa   (zu lnw-KORR vom 07.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Kreischende Fans auf einem Konzert der Rockband Rolling Stones am 11.09.1965 in der Münsterlandhalle in Münster. Foto: Otto Noecker dpa  (zu lnw-KORR vom 07.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Die Polizei hielt vor der Münsterlandhalle die jubelnden Fans der Rolling Stones zurück. Am Rande der Deutschland-Tournee der "Rolling Stones" kam es 1965 immer wieder zu Tumulten und Ausschreitungen durchgedrehter Fans.
Mick Jagger beim Rolling Stones Konzertes in Münster im Jahr 1965.
Immer noch voller Energie: Mick Jagger, am 19.06.2014 in Düsseldorf während des Tournee-Konzerts der Band zum 50-jährigen Bestehen.
Mick Jagger, Sänger der Rolling Stones, bei ihrem ersten Deutschland-Konzert in Münster im Jahr 1965 und bei einem Auftritt in Düsseldorf im Jahr 2014.
Gitarrist Keith Richards heute.

In den anzüglichen Bewegungen Mick Jaggers, dem legeren Streifenpulli von Brian Jones brach sich aus Sicht vieler Beobachter von damals eine bislang unbekannte Zügellosigkeit Bahn, wie der Münsteraner Historiker Axel Schollmeier schildert. Für das Stadtmuseum hat er eine Ausstellung mit historischen Fotos kuratiert. Die Bilder zeigen junge Mädchen in Ekstase; Jungen, denen wildes Tanzen den Schweiß unter dem aus Elternsicht zu langem Haar rinnen lässt. Zu sehen sind Stuhlreihen, in denen niemand mehr sitzt. Und jede Menge Ordner des Technischen Hilfswerks, die die Bühne abschirmen.

Polizei hatte Wasserwerfer aufgefahren

Die Polizei hatte sich und sogar einen Wasserwerfer in Stellung gebracht. Der als härtesten Band vermarkteten Rockgruppe aus England eilte ihr Ruf voraus: Bei einem Konzert in Dublin wenige Tage zuvor war die Bühne gestürmt worden. „Hunderte von kreischenden Mädchen rannten die Saalhüter über den Haufen“, warnte Münsters Polizeidirektor in seinem Einsatzbefehl. Hunderte Einsatzkräfte wurden zusammengetrommelt, auch britische und niederländische Militärpolizei, um „dem besonders starken Andrang jugendlicher Musikenthusiasten gerecht zu werden“, heißt es in dem Einsatzplan.

Auch Alfons Probst hatte damals als Polizeimeister für Sicherheit zu sorgen. „Diese Euphorie, die da losging, die war einzigartig“, sagt der heute 75-jährige. „Wir kannten ja nur Roy Black und sowas.“ Dem neuen Beat-Sound konnte er nur wenig abgewinnen. Das befürchtete Chaos blieb jedoch aus: „Ein paar Mann zogen wir aus dem Verkehr, aber alles harmlos“, erinnert sich der Beamte außer Dienst.

Straßenschlachten in Berlin

Glück gehabt: Vier Tage später gerieten die aufgepeitschten Fans außer Kontrolle. Die Jugendlichen waren wütend, als die Mick Jagger und Co nach dem kurzen und offenbar wenig überzeugenden Auftritt von der Freiluftbühne verschwanden. Bänke wurden zertrümmert, Flaschen flogen, die Polizei hielt mit Wasserwerfern dagegen. Für mehrere Stunden lieferten sich aufgebrachte Fans Straßenschlachten mit den Beamten. Die schwer beschädigte Waldbühne sollte danach jahrelang nicht mehr genutzt werden.

„In Münster war man natürlich heilfroh, dass es gut gegangen ist“, sagt Schollmeier. Schließlich war es wahrscheinlich dem puren Zufall zu verdanken, dass es die Stones ausgerechnet - noch vor Essen, Hamburg, München und Berlin - zuerst nach Münster verschlagen hatte: Der Konzertveranstalter hatte gute Beziehungen zur Halle Münsterland. Die habe er wohl genutzt, als kurzfristig ein Ersatzspielort für Zürich gesucht wurde, erläutert Schollmeier. In der Schweizer Metropole hatte sich kein Hallenbetreiber bereit erklärt, die Stones auftreten zu lassen.   

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