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Wie das Jahr 1917 für junge Russen attraktiv wird

Moskau. Kaum jemand interessiert sich in Russland für den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Der Staat und seine Medien schweigen. Nur im Internet boomt das Erinnern - zur Freude der politikinteressierten Jugend. Doch kann das Revolutionsjahr „sexy“ sein?

Wie das Jahr 1917 für junge Russen attraktiv wird

Der russische Journalist und Initiator des "Projekt 1917" Michail Sygar in Moskau. Foto: Emile Alain Ducke

Langatmig und öde. Wenn sich Jelena an ihren Geschichtsunterricht in der sibirischen Stadt Tomsk erinnert, zögert sie nicht lange. „Staubtrockene Fakten. Das ist es, was man uns beigebracht hat“, sagt die 22-Jährige.

Bald wird sich die Philosophiestudentin ihr Abschlusszeugnis an der Universität am Lenin-Prospekt abholen. In derselben Straße steht noch immer ein Denkmal des Revolutionsführers Wladimir Lenin, der vor genau 100 Jahren die Macht übernahm - und die Sowjetunion gründete.

Doch das habe nichts mehr mit ihrer Generation zu tun, sagt Jelena. „Das sind Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Was soll ich damit?“ Sie besitzt keinen Fernseher, Nachrichten verfolgt sie nur im Internet. Für das Jubiläum der Oktoberrevolution interessiert sie sich kaum - wie viele andere Russen auch.

„Das ist kein Zufall“, sagt der Moskauer Journalist Michail Sygar .Niemand kümmere sich in Russland wirklich um das Jahr 1917. „Nichts wird diskutiert oder infrage gestellt - und das schon seit langer Zeit“, sagte Sygar der Deutschen Presse-Agentur.

Es gibt wenige öffentliche Veranstaltungen, Ausstellungen oder offizielle Gedenkfeiern. Auch der Kreml halte sich mit Worten über das Revolutionsjahr zurück. Er wolle generell Protestbewegungen in der russischen Geschichte wenig kommentieren, sind sich Experten sicher.

Aus gutem Grund: Die Kritik und Unzufriedenheit an der Politik des Kremlchefs Wladimir Putin steigt vor der kommenden Präsidentenwahl, vor allem unter jungen städtischen Russen. Sie fordern faire Wahlen und weniger Korruption. Angestachelt von dem Oppositionellen Alexej Nawalny gehen sie dafür regelmäßig auf die Straße.

„Revolution ist schlecht, die Sowjetunion sehr gut. Das will man jungen Menschen vermitteln“, sagt die Historikerin Irina Schtscherbakowa von der Menschenrechtsorganisation Memorial. Deshalb kann der Staat es sich nicht leisten, dem Revolutionsführer Lenin zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Elite könne leichter mit dem Diktator Josef Stalin umgehen, der das Land im Großen Vaterländischen Krieg - dem Zweiten Weltkrieg - gerettet habe und so stilisiert werde, sagt die Wissenschaftlerin.

Doch das sei heute mit den Mitteln des Internets nicht mehr ganz so einfach. Wegen der Öffnung der lange geschlossen gehaltenen Archive nach dem Ende der Sowjet-Ära und der Vernetzung im Internet boome vor allem bei jungen Menschen die Aufarbeitung der Familiengeschichte rund um die Oktoberrevolution. „Das ist Spurensuchen im 21. Jahrhundert“, sagt Schtscherbakowa. „Die jungen Menschen wollen erfahren, wer ihre Vorfahren waren und was sie durchgemacht haben.“

Viele haben zusätzlich ein neues „Spielzeug“ entdeckt. So nennt auch die Philosophiestudentin Jelena die Internetplattform project1917.ru von Michail Sygar. Sein Team aus 40 jungen Historikern und Experten hat mit ungewöhnlichen Formaten experimentiert: eine Art soziales Netzwerk anno 1917. Dort werden Zitate der Protagonisten genutzt, um das Geschehen wie in einer aktuellen Timeline zu kommentieren.

Zusätzlich können die Besucher dem umstrittenen Wanderprediger Rasputin Nachrichten schicken und sogar per Revolutions-Partnerbörse („Tinder1917“) ihre Favoriten suchen. „Wir wollen unseren Usern eine andere Sicht auf die Revolution geben“, sagt Sygar. „Die Menschen von damals sind nicht langweilig und grau. Sie sind sexy und voller Energie.“

Für das Projekt wurden nur Originalzitate aus Reden, Tagebüchern oder Briefen sowie Bilder benutzt, die ohne Zweifel Lenin, dem Revolutionär Leo Trotzki oder dem gestürzten Zaren Nikolaus II. zugeschrieben werden. Nichts sei erfunden, sagt Sygar. Sogar der Wetterbericht aus der damaligen Zeit soll genau stimmen. Mehr als eine Million Menschen nutzen pro Tag das Angebot, zusätzlich gibt es eine App.

Schtscherbakowa kritisiert, dass in dem virtuellen Revolutionsjahr eine Diskussionsplattform oder eine Einordnung von Historikern fehlen. „Nun kann man einem fiktiven Lenin eine Freundschaftsanfrage schicken. Das scheint glamourös und kitschig - aber wem nützt das?“, fragt die Expertin. Sygar kontert: Die jungen Menschen sollten selbst entscheiden, welche Schlüsse sie ziehen sollen. Man wolle keine weitere Vorgabe der Geschichtsschreibung.

Der Fotograf Daniil aus St. Petersburg sieht darin kein Problem; mit seinen Freunden diskutiert er gerne über die kontroverse Geschichte seines Landes. Der 23-Jährige kennt die Sowjetunion nur vom Hörensagen, deshalb will er mehr über das Leben seiner Vorfahren wissen. Genau das finde er gut an dem Onlineprojekt. Im Gegenteil zum Geschichtsunterricht, der viel zu moralisch sei. Seine Haltung ist: „Wenn ich etwas wissen will, kann ich es nur selbst herausfinden.“

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