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Serie: Die Zeche Erin - Teil 3

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

SCHWERIN Im Schatten des Hammerkopfturms auf Schwerin erinnern ein paar kleine Häuser an die Bergbaugeschichte. Häuser mit kleinen hölzernen Fensterläden und Loren im Vorgarten. Doch was hat es mit diesen Häusern eigentlich auf sich? Wir haben bei unserer Spurensuche anlässlich des 150-jährigen Zechenjubiläums einem der Bewohner einen Besuch abgestattet.

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

In seinen Fotoalben hat Dieter Barylla wertvolle Erinnerungen gesammelt – an die Zeit, in der auf der Zeche Erin noch malocht wurde und er als Hausvater Berglehrlinge betreute. Foto: Felix Püschner

Dieter Barylla lebt seit fast 60 Jahren in einem der kleinen grauen Häuser in der Pestalozzisiedlung nahe des ehemaligen Wetterschachts Erin III. Eigene Kinder hatten der 86-Jährige und seine inzwischen verstorbene Frau nie. Dennoch waren sie Eltern – denn zwischen 1958 und 1968 betreuten sie rund 20 jugendliche Berglehrlinge. „Wir waren wie eine richtige Familie“, sagt Dieter Barylla, der einst selbst als schlesischer Kriegsvertriebener nach Castrop-Rauxel kam und auf Erin zum Bergmann wurde.

In aller Ruhe blättert Dieter Barylla in einem seiner Fotoalben. „Hier, das ist vom ersten Weihnachtsfest mit den Jungs... Der Bruder von dem da war sogar Steiger... Und mit diesem jungen Mann bin ich immer noch befreundet. Ich war sogar sein Trauzeuge“, sagt der 86-Jährige ein wenig stolz. Wie viele Lehrlinge genau er als Hausvater betreut hat, weiß Barylla nicht mehr: „Aber die kamen nicht nur aus Deutschland. Wir hatten hier auch Türken, Italiener und Griechen. Multikulti gab es schon damals.“

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

In Baryllas Fotoalbum hat der Schweriner viele Erinnerungen gesammelt - auch vom Weihnachtsfest mit den von ihm und seiner Frau betreuten Berglehrlinge. Dieter Barylla (r.) arbeitete auch selbst unter Tage auf Erin. Foto: Felix Püschner

Mit acht Menschen auf 111 Quadratmetern

Bis zu sechs Berglehrlinge wohnten während ihrer dreijährigen Ausbildung jeweils in dem 111 Quadratmeter großen Haus an der Straße Am Hasenwinkel. Man habe sich zu dieser Zeit erst für ein solches Haus bewerben müssen, erklärt Barylla. Und eigentlich seien nur gestandene Männer für die Aufgabe eines Hausvaters infrage gekommen. Aber das vergleichsweise junge Paar hatte Glück. Es war gerade jemand ausgezogen. „Wir wollten immer eine große Familie haben und hatten sogar schon darüber nachgedacht, Kinder zu adoptieren“, sagt der 86-Jährige.

Natürlich sei es in dem Haus mit insgesamt acht Personen ziemlich eng gewesen, aber der 700 Quadratmeter große Garten habe das wieder ausgeglichen. In dem steht heute ein riesiger Kirschbaum, den die Großfamilie einst selbst gepflanzt hat – genauso wie diverse Gemüsesorten. Nur den Schweinestall hat man nie genutzt – zumindest nicht für seinen angedachten Zweck, sondern als Geräteschuppen.

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

Hinter seinem Haus hat Barylla einen riesigen Garten - und einen Schweinestall, den er allerdings nie als solchen nutzte. Foto: Felix Püschner

Nach Zechenschließung das Licht ausgemacht

Heute lebt Dieter Barylla allein in dem Haus mit der kleinen, mit hübschen roten Blümchen bepflanzten Lore im Vorgarten. Ein Relikt des Bergbaus, das im Schatten eines noch viel größeren steht: dem nur ein paar Meter entfernten Hammerkopfturm, den Barylla nicht nur von außen kennt. Der 86-Jährige hat selbst viele Jahre auf Erin gearbeitet. Sogar noch, als die Zeche den Betrieb bereits eingestellt hatte. „Ich war erst unter Tage und dann bis Mai 1984 als Grubenwart tätig. Da gehörte ich zu den Letzten, die die Zeche verlassen haben. Wir haben sozusagen das Licht ausgemacht“, sagt Barylla.

Er selbst hatte als 16-Jähriger auf Erin seine Ausbildung absolviert, gehörte ebenfalls zu den „ortsfremden“ Kindern, die er später als Hausvater betreute. „Als ich nach der Vertreibung aus Schlesien im niedersächsischen Peine keine Arbeit bekommen habe, sagte mir der Herr vom Arbeitsamt: Ab ins Ruhrgebiet! So kam ich nach Castrop-Rauxel“, erinnert sich Barylla.

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

Dieter Barylla (r.) arbeitete auch selbst unter Tage auf Erin. Foto: Felix Püschner

Auf dem Weg zum Stierkampf

Zu seiner Lehrlingszeit gab es das Pestalozzidorf noch nicht. Stattdessen war er im Lehrlingsheim an der Bodelschwingher Straße untergebracht. Bis heute hat der Rentner noch die Baracken vor Augen, in denen einst das Mittagessen serviert wurde: „Im Krieg haben dort noch die Gefangenen gewohnt. Später wurden die Baracken dann abgerissen.“

Die Lehrlinge, die das Ehepaar Barylla später betreute, mussten diese Erfahrungen nicht mehr machen. Höchstens das Heimweh machte ihnen etwas zu schaffen. Und ein Besuch bei den Eltern war vielen nicht möglich, es fehlte schließlich das Geld. „Einmal sind wir aber doch in die Türkei gefahren, um die Eltern eines Lehrlings zu besuchen. Wir wollten die unbedingt kennenlernen. Das war eine besondere Begegnung“, erzählt Barylla weiter.

Serie: Die Zeche Erin - Teil 2

Wie ein Förderverein die Fördertürme rettete

CASTROP-RAUXEL Vor genau 150 Jahren wurde in Castrop-Rauxel zum ersten Mal Kohle gefördert – auf Erin, der ersten und letzten Zeche der Stadt. Mit dem Fördergerüst am einstigen Schacht VII und dem Hammerkopfturm sind noch sichtbare Spuren der Bergbau-Ära erhalten. Doch wem ist das überhaupt zu verdanken? Das klären wir in der zweiten Folge unserer Erin-Serie. mehr...

Ansonsten hätten lediglich ab und an Tagesfahrten auf dem Programm gestanden. Mehr sei nicht drin gewesen. Mal ins Sauerland oder auch nur nach Hohensyburg. Eine Ausnahme habe es aber gegeben: Ein Spanienurlaub im Jahr 1960, bei dem die Rückkehr eines Lehrlings schon auf der Kippe gestanden hätte: „Die Jungs wollten unbedingt einen Stierkampf sehen und haben sich auf den Weg nach Barcelona gemacht. In den Olivenfeldern hat dann einer von ihnen seine Papiere verloren. Wir mussten lange suchen, haben die Dokumente dann aber zum Glück doch noch gefunden.“

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

Die Häuser mit den braunen Fensterläden sind typisch für Pestalozzisiedlungen. Foto: Felix Püschner

Eine neue Heimat am Hammerkopfturm

Dem Ehepaar wuchsen die Kinder meist so sehr ans Herz, dass der Abschied schwerfiel. „Wir waren auch als Pflegeeltern stolz, wenn die Jungs ihre Ausbildung geschafft hatten. Aber das hieß dann eben oft auch Abschied nehmen“, so Barylla.

Viele Lehrlinge wechselten nach der Ausbildung auf andere Zechen. Einige wohnen allerdings bis heute in Castrop-Rauxel. Aus seiner Siedlung wegzuziehen, diesen Gedanken hatte Barylla aber nie. „Die Siedlung verlassen? Ich könnte doch gar nicht besser wohnen als hier“, sagt er und blickt noch einmal durch das kleine Fenster in der Küche, vorbei an der Lore in Richtung Hammerkopfturm. Hier habe er schließlich eine neue Heimat gefunden. Und vielen anderen Lehrlingen hat er dies auch ermöglicht.

Was es mit dem Pestalozzidorf auf Schwerin auf sich hat

Kein seltenes Bild: bunt bepflanzte Loren vor den Häusern.. Foto: Felix Püschner

Die Pestalozzisiedlungen:
Das Castrop-Rauxeler Pestalozzidorf bestand aus sieben Doppelhaushälften, in denen einst 13 Hauselternpaare mit jeweils sechs Berglehrlingen lebten. Die Wohnanlage wurde am 16. Juni 1955 bezogen und steht heute unter Denkmalschutz. Benannt ist das Dorf nach dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Im Ruhrgebiet entstanden Anfang der 1950er Jahre erste Pestalozzisiedlungen in Dinslaken und Bochum. Nach sieben Jahren gab es bereits mehr als 20 solcher „Dörfer“. Die Häuser zeichneten sich durch ein einheitliches Wohnkonzept aus. Das Familienleben spielte sich im Erdgeschoss ab – in Küche und Gemeinschaftsraum. Im oberen Geschoss teilten sich sechs Jugendliche zwei Räume. Zu jeder Wohneinheit gehörte ein großer Nutzgarten sowie ein Hühner- und ein Schweinestall. Der Hausvater war stets Belegschaftsmitglied der Zeche. Die Eltern mussten standes- und traditionsbewusste Bergleute sein.

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