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Sprachkurse für Flüchtlinge

Zertifikate für die neue Zukunft in Castrop-Rauxel

Ickern Das Kulturzentrum Agora in Ickern ist ein Ort der Integration – und von Sprachkursen. In unserer Reihe „Was aus der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren wurde“ beschäftigen wir uns nun mit diesem Thema. Bringen die Kurse uns voran?

Zertifikate für die neue Zukunft in Castrop-Rauxel

Geschafft! Diese geflüchteten Menschen haben den Integrationskurs zum B1-Sprachniveau erfolgreich hinter sich gebracht. Foto: Tobias Weckenbrock

Dieser Freitag war ein Feiertag für diese vor allem jungen Menschen: Sie haben das B1-Sprachniveau erreicht und nun auch ein Dokument in der Hand, das ihnen Deutschkenntnisse nachweist. Johannes Beisenherz, ihr Deutschlehrer, überreichte elf der geflüchteten Menschen ihre Zeugnisse.

„Das ist für euch ein Meilenstein“, sagte er, „denn Ihr könnt nun nachweisen, dass ihr euch im Alltag hier bewegen könnt.“ Dafür arbeitete der ehemalige Bürgermeister und pensionierte Lehrer über ein Jahr rund 15 Stunden in der Woche, mehr als 600 Stunden insgesamt. Am Ende, am 29. September, stand der sogenannte Deutschtest für Zuwanderer. 19 von 21 am 5. September 2016 gestarteten Schülern haben ihn geschafft. 90 Prozent. „Die Quote“, sagt Beisenherz, „liegt sonst bei etwa 60 Prozent.“

Betreuung für Kinder, wenn die Eltern lernen

In der Agora in Ickern kommen Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat dutzende Menschen zusammen, um zu lernen. Entweder in diesem Beisenherz-Sprachkurs über den Anbieter Griechische Gemeinde oder bei den Kursen, die das Kolping-Bildungswerk anbietet. Hier in Ickern ist also eine der Wurzeln der Integration in Castrop-Rauxel: Über das sogenannte Brückenprojekt können die Geflüchteten ihre Söhne und Töchter zwischen vier und sechs Jahren in eine Art Kita geben, die von 8.30 bis 12.30 Uhr geöffnet hat. Die Eltern nehmen dann verschiedene Angebote wahr und belegen die Sprachkurse.

ICKERN / SCHWERIN Als es hieß, er solle auf Menschen schießen, da war für Fadi Almesh klar: „Ich muss fliehen!“ 2013 war das, in Damaskus. Er fragte seine Mutter. Die sagte: „Junge, geh!“ Heute ist seine Geschichte eine Erfolgsstory: Denn er ist eine der Personen, die den Fachkräftemangel beseitigen sollen. Ein bisschen Bastel-Knete war sein Glück.mehr...

Nicht nur in der Agora ist das möglich. Der größte Anbieter in Castrop-Rauxel ist die Volkshochschule: 14 Integrationskurse laufen dort, Gülden Uzun-Öner ist als Studienleiterin und Sprachdozentin federführend dafür zuständig. 280 vor allem erwachsene Schüler werden dort mit Sprachkursen in unterschiedlichen Niveaus versorgt: Alphabetisierung, also das Erlernen der deutschen Schriftsprache, steht ganz vorn und ist für die wichtig, die die arabische Schrift kennen, aber die lateinische nicht. Das trifft bei Weitem nicht auf alle zu. Gülden Uzun-Öner sagt: „Wir hatten in jedem unserer Kurse bisher mindestens zwei Akademiker.“

Es gibt Unterstützung, aber auch Hürden

Susanne Gregor-Bähr ist Sprachenlehrerin fürs Kolping-Bildungswerk. Auch bei ihr ging jetzt ein Kurs mit rund 20 Teilnehmern zu Ende – dort bestanden alle den Deutschtest mit dem B1-Niveau. „Ich hatte einen Rechtsanwalt in meinem Kurs“, erzählt sie. Und Beisenherz sagt, ein Neurologe, ein Bauingenieur, eine Englisch-Dolmetscherin seien unter seinen Teilnehmern gewesen. Menschen, die es schaffen können – aber die den Nachweis erst erbringen müssen.

Sie bekommen Unterstützung, aber Hürden müssen sie auch nehmen. Susanne Gregor-Bähr erzählt von dem Juristen, der sein Abitur anerkennen lassen wollte. „Mitte März schickte er den Antrag ab, Ende Oktober lag der erst auf dem entscheidenden Schreibtisch bei der Bezirksregierung. Sieben Monate später.“

Erste Prüfungswelle im Juli

Im Juli gab es bei der VHS eine erste Prüfungswelle mit den Menschen, die mit dem großen Flüchtlings-Zustrom nach Deutschland kamen. „Unsere Teilnehmer haben weitgehend sehr gut bestanden“, sagt Gülden Uzun-Öner. Bei ihr startet am 20. Januar ein Sprachkurs mit dem Niveau-Ziel C1. Das höchste Level, das auch an den deutschen Hochschulen anerkannt wird. „Da kann sich nun jeder anmelden“, sagt Uzun-Öner. 170 Euro kostet der Kurs, der für die, die ihn nicht bezahlen können, gefördert wird.

Johannes Beisenherz startet auch die zweite Stufe: Nach dem B1-Kurs, der gerade zu Ende ging, beginnt am Montag ein neuer Kurs in der Agora mit dem Modul 1: 100 Stunden Alphabetisierung. Weitere 500 bis 800 Stunden folgen mit dem Ziel B1 und dem Orientierungskurs „Leben in Deutschland“. Und ab dem 13. November, eine Woche später, bietet er einen DeuFöv-Kurs an. Berufsbezogene Deutschförderung für die Menschen, die B1 schon erworben und bestenfalls begleitend einen Praktikumsplatz oder Aushilfsjob haben. „Er hat dann eine Fünf-Tage-Woche in der Agora“, sagt Thorsten Schnelle, der das Kulturzentrum leitet.

Freitag war Feiertag für die Menschen. Montag beginnt die Arbeit von Neuem. Denn das ist Integration: Arbeit.

Das bedeuten die Sprachniveaus B1 und A2
Das Sprachniveau A2 ist unter dem Level B1 angesiedelt. Es attestiert den Menschen, die es haben, dass sie sich vorstellen und über die eigene Lebenssituation sprechen können, wesentliche Informationen lesen und verstehen können. Sie können sich in Alltagsgesprächen auf Deutsch austauschen, Mitteilungen schreiben, die sich aufs Lebensumfeld beziehen, in Geschäften und Ämtern Formulare ausfüllen und Schilder oder Infotafeln verstehen.

Darüber steht das Sprachniveau B1. Es bedeutet, dass die Person zusammenhängende Texte verstehen und verfassen kann, also in der Lage ist, Briefe oder E-Mails zu lesen und zu schreiben. Sie kann Radiomeldungen im Detail verstehen, Gespräche über Themen aus eigenen Interessengebieten führen und über etwas berichten, etwas vorschlagen oder vereinbaren.

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