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Ölpellets-Skandal

Unzureichende Kontrollen wurden bemängelt

Gahlen Beim Infoabend des Gahlener Bürgerforums wurden am Donnerstagabend interessante Details zum Ölpellets-Skandal von Experten zusammengetragen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Unzureichende Kontrollen wurden bemängelt

Der Hünxer Dr. Joern-Helge Bolle sprach aus dem Blickwinkel des Facharztes für Arbeitsmedizin. RN-Foto Scheffler


Es war ein langer und aufschlussreicher Abend“, fasste Dr. Stefan Steinkühler vom Gahlener Bürgerforum (GBF) nach dreieinhalb Stunden den Infoabend zusammen, bei dem sich vier Fachleute verschiedener Forschungsbereiche vor 80 Gästen zum Umwelt-Skandal am Gahlener Mühlenberg der Abfall-Entsorgungsfirma Nottenkämper geäußert hatten.

Was war Ziel des Infoabends?
„Wir wollen Licht auf die Schattenseiten bringen“, kündigte GBF-Mitglied Matthias Rittmann an und ergänzte, „im Dunklen lassen uns weiterhin der Kreis Wesel und die Bezirksregierung.“ Trotz Einladung war kein Vertreter erschienen. Die Bezirksregierung hatte nicht einmal geantwortet. Schermbecks Bürgermeister Mike Rexforth hatte per Mail im Vorfeld auf eine andere terminliche Verpflichtung verwiesen, wurde aber von vier Ratsmitgliedern vertreten. Die Bestenerin Hella Sinnhuber übernahm die Moderation.

Wie ist die Ausgangslage?
Steinkühler berichtete über das Strafverfahren gegen einen Gahlener Bürger vor dem Landgericht Bochum (wir berichteten) und den Umwelt- und Planungsausschuss des Kreises Wesel, der am Mittwoch tagte. „Es wurde bereits beschlossen, gegen die Firma Nottenkämper als juristische Person kein Bußgeldverfahren einzuleiten“, berichtete Steinkühler von einer Mitteilung der Kreisverwaltung: „Bereits im September 2016 wurde ein öffentlich-rechtlicher Vertrag zwischen dem Kreis Wesel und der Firma Nottenkämper abgeschlossen, der die Abwicklung regelt.“ Der Kreis habe versprochen, schriftlich Details des Vertrags nachzureichen.

Was fordern die Kritiker?
„Wir hätten gerne die Einsicht in drei Gutachten“, mahnte Steinkühler an und verwies auf Gutachten des Ingenieurbüros Asmus und Prabucki Ingenieure in Essen, der ahu AG Aachen und der Staatsanwaltschaft Bochum, das von Ulrich Borchardt aus Hennef erstellt wurde. Kritisch beurteilte Steinkühler den Zustand der bisherigen Messstellen zur Grundwasserüberwachung. Sie seien „teilweise defekt, teilweise falsch gebohrt, teilweise an falschen Orten gebohrt“. Defekte Messbrunnen könnten zur Durchlässigkeit der Schichten führen. Er verwies auf viele Probebohrungen in Gahlen, als man nach Steinkohle suchte. Die Bohrungen hätten alle wasserführenden und -stauenden Schichten durchstoßen und ermöglichten so ein Eindringen gefährlicher Stoffe in die unteren Grundwasserschichten.

Was sagt die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft zum Grundwasserschutz?
Thomas Dietz (RWW) hielt ein Referat zum Thema „Unser Trinkwasser“. Er begann mit einer Vorstellung der Wassergewinnung in den beiden Brunnengalerien in Holsterhausen und in der Uefter Mark. „Der Ton ist wirklich ein optimales Material, wenn er denn dicht ist“, stellte Dietz fest. Man könne nicht ausschließen, dass es Verwerfungen gebe. Zur Ersteinschätzung der Deponie stellte Dietz fest: „Die Deponie liegt im Randbereich des Grundwassereinzugsgebietes der Brunnengalerie Holsterhausen. Die hydrologische Situation bildet grundsätzlich einen wirksamen Schutz des Grundwasserleiters unterhalb des Ratinger Tons. Oberflächenabdichtung, Fassung der Sickerwässer und dauerhafte Überwachung des Grundwasserabstroms sind erforderlich.“ Die RWW werde Einsicht in die Gutachten beantragen. Bei offenen Fragen aus Sicht der Trinkwasserversorgung werde die RWW Untersuchungen oder Gegenmaßnahmen fordern. „Nach derzeitigem Kenntnisstand ist keine Gefährdung von Brunnen des Wasserwerks Holsterhausen zu befürchten.“

Unzureichende Kontrollen wurden bemängelt

Moderatorin Hella Sinnhuber gab den Zuhörern Gelegenheit, sich mit Fragen an die Experten zu wenden. Foto: Helmut Scheffler Foto: Foto: Helmut Scheffler

Wie ist die geologische Situation vor Ort?
Damit befasste sich der Physiker und Chemiker Dr. Walther Enßlin, der seit 1982 in vielen Umweltskandalen tätig wurde oder solche aufdeckte. „Der Gartroper Busch liegt nicht in einem aktiven Erdbebengebiet“, zitierte Enßlin aus einem Schreiben des Landrats an den Schermbecker Bürgermeister vom 12. Oktober und widerlegte dies durch Hinweise aus der Fachliteratur. Durch Absenkung der Niederrheinischen Bucht seien bis in die jüngste Vergangenheit Erdbeben entstanden. Enßlin bedauerte die nicht erteilte Erlaubnis zur Einsicht in erstellte Gutachten, fehlende Analysen der Sickerwässer und der Deponieluft, bevor er Kronocarb, Ölpellets, Flugasche, Aktivkohle, Recyclingsand, Batterien und Bleicherde als bislang bekannte unerlaubte Einträge in die Nottenkämper-Tongrube auflistete. Besondere Gefahren sieht Enßlin für die Mühlenbergluft und für das Wasser. Die Tonschicht sei kein dauerhafter Schutz, so Enßlin und verwies auf eine wesentlich dünnere Tonschicht, als das bislang von der Firma Nottenkämper angegeben wurde, sowie die Durchstoßung der Tonschicht durch Baumaßnahmen oder eine stellenweise Erosion. Luftbildern zeigten Auswaschungen und „keine vertrauenserweckenden Verfärbungen.“

Wie gefährlich sind die Ölpellets?
„Ölpellets enthalten krebserzeugende, mutagene und reproduktionstoxische Stoffe“, stellte Dr. Joern-Helge Bolle fest. Der Hünxer ist Facharzt für Arbeitsmedizin. Er verwies auf umstrittene und fehlende Grenzwerte für Substanzgemische wie Ölpellets. Gerade bei Substanzgemischen würden sich Grenzwerte aber addieren oder sogar potenzieren. Bolle forderte ein unabhängiges Fachgutachten ein. Ausreichende Boden-, Wasser- und Luftmessungen seien erforderlich. Er plädierte für eine arbeitsmedizinische Vorsorge mit Monitoring für die Mitarbeiter sowie eine straf-, haftungs- und versicherungsrechliche Klärung der Verantwortung. Geklärt werden müsse die „ewige“ Kontrolle von Luft- und Wasserproben.

Was sagte der Vertreter der Firma Nottenkämper?
Thomas Eckerth, Geschäftsführer, stellte die geologischen Bedingungen der Mühlenberg-Region vor, bevor er das Einbringen der Ablagerungen und die Kontrollen erläuterte. Im zweiten Teil erfuhren die Zuhörer, wie die versteckten Pellets bei Schürfungen gefunden wurden und wie die Abgrabung abgedichtet wird. Eine neue Sickerwasserreinigungsanlage wird im kommenden Sommer in Betrieb gehen.

Wie äußerten sich die Zuhörer?
In der Schlussrunde hatten die Bürger Gelegenheit Fragen zu stellen. Dabei stand die Kritik an der nicht ausreichenden Kontrolle seitens der Firma Nottenkämper und an der zurückhaltenden Informationsweise im Vordergrund. Bedauert wurde auch, dass die Bezirksregierung Münster zu sorglos mit der Deklarationen von Abfallstoffen umgegangen sei.

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