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Rentner unter falschem Verdacht

Cabrio-Fahrer aus Lichtendorf: Vorwürfe reißen nicht ab

SÖLDERHOLZ Ein Rentner, der zu zwei Kindern freundlich sein wollte, steht plötzlich unter Verdacht, den Kindern etwas antun zu wollen. Obwohl die Polizei den Verdacht ausräumt, wird der Rentner weiter verdächtigt. Die Anschuldigungen gegen den Rentner reißen auch nach der Entlastung nicht ab.

Cabrio-Fahrer aus Lichtendorf: Vorwürfe reißen nicht ab

Joachim Feller am Mittwochvormittag vor dem Polizeipräsidium. Als er von dem Verdacht erfuhr, fuhr er dorthin. Foto: Pieper

Die Sache mit den Kindern hatte Joachim Feller (80) schnell vergessen, es war ja nur eine Alltagsbegegnung am vergangenen Sonntag gewesen. Er kam von unten, von der Ruhr, war spazieren und fuhr jetzt mit seinem Cabriolet durch den Stadtteil Sölderholz. Durch eine schmale Wohnstraße, die noch dazu in einem desolaten Zustand ist. Als ehemaliger Berufskraftfahrer brettert man nicht über die Schlaglöcher, erst recht nicht in seiner eigenen Straße. Dann sah Feller die beiden Kinder, die mit ihrer Mutter unterwegs waren.

Er ließ die drei über die Straße queren und schaute sie sich an. Die Frau trug ein Wochenblättchen aus, vielleicht auch Prospekte. Die Kinder folgten ihr und sahen, so fand Feller, irgendwie ein bisschen struppig aus. Auf jeden Fall nicht richtig angezogen. Der 80-Jährige dachte nicht lange nach, ließ die Seitenscheibe herunter und wollte den Kindern zwei Euro schenken. Die Kinder schauten ihn an, näherten sich dem Wagen aber nicht, nahmen kein Geld. Na, dann halt nicht, dachte sich Feller und setzte seinen Weg fort.

Warnnachricht für die Tochter

Am Mittwochmorgen bekam Birgit Pieper eine Nachricht von einer Freundin auf ihr Handy geschickt. Eine Warnung sollte es sein, sie öffnete den Link in der Nachricht und las, dass in Lichtendorf offenbar ein potenzieller Kinderschänder unterwegs ist. Das Wort Kinderschänder stand nicht explizit in dem Artikel, aber Worte wie „Polizei fahndet“. die Kinder seien durch das Auto, ein blaues Cabrio, „eingeengt worden“, hätten geweint – da musste jemand mit ganz üblen Absichten unterwegs gewesen sein.

LICHTENDORF Die Polizei Dortmund fahndete am Dienstag nach einem Mann, der aus einem hellblauen Cabriolet heraus zwei Kinder angesprochen haben soll. Jetzt hat sich der Mann bei den Ermittlern gemeldet – schuldig ist er aber nicht. mehr...

Birgit Pieper wohnt Zeit ihres Lebens in der Ecke und es gibt genau ein blaues Cabriolet, das dort herumfährt: das ihres Vaters. Der wohnt seit 1959 dort, ihn kennen viele. Das Cabrio hat er seit vier Jahren, ein Lebenstraum. Früher hatte er mal ein Käfer-Cabriolet und mit 76 Jahren wollte er sich noch einmal an die Zeit erinnern.

Im ersten Moment lächelte Birgit Pieper. Ihr Vater, so ein Unsinn. Im zweiten Moment griff sie zum Telefon und rief ihn an. Feller erzählte, was er da am Sonntag erlebt hatte, dann rief er die Polizei an.

Da stehe etwas in der Zeitung, ein Cabrio-Fahrer werde gesucht. Das sei er. Kurz darauf fuhren Vater und Tochter ins Polizeipräsidium. Kriminalkommissariat 12, zuständig für Sexualdelikte. Eine erfahrene Beamtin hörte sich die Geschichte an und hatte keinen Zweifel an dem, was Feller ihr erzählte. Die Polizistin rief dann noch in der Pressestelle der Polizei an, ob man nicht eine Meldung an die Öffentlichkeit geben könne, dass an diesem Verdacht nichts dran sei. Am nächsten Tag stand eine kleine Meldung in der Zeitung, derzufolge ein Tatverdacht sich nicht bestätigt habe, vom Tisch sei und der Fall damit abgeschlossen – hier hätte diese Geschichte eigentlich zu Ende sein sollen. Aber das war sie nicht.

Zukunft auf zwei Beinen

Der Verdacht, Kindern etwas antun zu wollen, ist so ungefähr der Schlimmste, unter dem man stehen kann. Menschen, die so etwas getan haben, stehen in der Gefängnishierarchie nicht umsonst ganz unten. Ein Kind, ein Zukunftsversprechen auf zwei Beinen, durch seinen Trieb massiv zu schädigen oder zu zerstören, ist ein Verbrechen, das wie kaum ein anderes gesellschaftlich geächtet wird. Allein der Ruch, in die Nähe eines solchen Deliktes zu kommen, kann verheerend sein und es gehört zum Alltagsverhalten eines erwachsenen Mannes, im Umgang mit Kindern grundsätzlich vorsichtig zu sein. Joachim Feller ist 80 Jahre alt, er hat zwei Enkelkinder, keine Vorstrafen. Was er wollte, war lediglich, freundlich zu sein.

„Wer kennt das Schwein?“ war eine Nachricht, die per Whatsapp verbreitet wurde. „ACHTUNG, Kinderschänder unterwegs“ eine andere, der Tenor war, ob bei Whatsapp oder Facebook, immer der gleiche. Da draußen rennt ein Perverser rum, alle müssen gewarnt werden, er fährt ein blaues Cabriolet.

Von Smartphone zu Smartphone

Beiträge dieser Art schwirrten von Smartphone zu Smartphone und allein das ist schon bedenklich, weil die Aufgabe der Strafverfolgung nicht ohne Grund einzig und allein bei der Polizei liegt. Problematisch ist es auch, weil solche Nachrichten – auch wenn sie auf sehr wackligen Füßen stehen – schnell verbreitet werden. Eine Richtigstellung, wie hier erfolgt, posten deutlich weniger Menschen an ihre Empfänger. Und die Geschichte von Fellner bekam im digitalen Dorf noch ein Eigenleben. Mittlerweile liest sie sich so: Die Mutter der Kinder hat mit den Fäusten auf das Auto eingeschlagen, um ihre Kinder zu befreien.

Nachbarn von Feller wurden inzwischen angesprochen, ob sie „etwa neben dem Schwein wohnen“ würden? Oder auch, ob sie das gedacht hätten, dass er „zu so etwas fähig wäre“? Es gibt nur dieses blaue Cabriolet und, so sagt es die Tochter, inzwischen eine Art Tourismus in der Straße.. Birgit Pieper versuchte zunächst, in den sozialen Medien dagegen zu argumentieren, aber das machte die Sache nicht viel besser. Eine Tochter, die ihren Vater in Schutz nimmt, das kann ja auch eine Schutzbehauptung sein. Die Tochter hat eine Sorge: „Hinterher fängt er sich noch eine.“

Die „Sache“ sei ja jetzt erledigt

Und die Mutter der zwei Kinder, die die Sache mit einer Anzeige bei der Polizei und einem Anruf in der Redaktion ins Rollen gebracht hat? Sie möchte, sagt sie zunächst, „da gar nichts weiter zu sagen“. Dann sagt sie doch noch ein paar Dinge: Die „Sache“ sei ja jetzt erledigt. „Entsetzt“ sei sie, was daraus geworden ist, was die Menschen daraus machen würden. Sie werde sich daran nicht beteiligen, aber der Mann, den sie auch noch nie gesehen habe, habe direkt mit dem Auto vor ihren Kindern gestanden und ihnen etwas angeboten. Was, wisse sie nicht, aber sie passe, sagt sie, auf ihre Kinder auf.

Und letztlich: „Heutzutage macht man so etwas nicht.“

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