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Willkommenskultur in Dortmund

„Das Klima kommt den Nazis zugute“

DORTMUND Es war eine besondere Nacht. Zug um Zug kamen Menschen nach Dortmund, aus Not und Vertreibung, und sie wurden am Bahnhof mit Applaus begrüßt. Die, die damals, September 2015, spontan einsprangen, um zu helfen, werden heute oft abfällig „Bahnhofsklatscher“ genannt und massiv bedroht. Ein Gespräch über das Ende der Willkommenskultur.

„Das Klima kommt den Nazis zugute“

Mit Applaus und Willkommens-Plakaten sind die Flüchtlinge im September 2015 in Dortmund begrüßt worden. Daran schloss sich eine Welle der Solidarität an. Viele Ehrenamtliche engagierten sich. Heute würden sie, die damals halfen und heute noch helfen, beschimpft, meint Ula Richter. Foto dpa Foto: picture alliance / dpa


Ula Richter vom Bündnis Dortmund gegen Rechts berichtet von alltäglichen Beschimpfungen und Droh-E-Mails an Menschen, die sich heute noch für Flüchtlinge engagieren. Damit Dortmunder Solidarität mit diesen Helfern und den Flüchtlingen zeigen können, soll es am 11. November ein Konzert gegen Rechts geben. Im Interview berichtet sie, wie es um die Willkommenskultur in der Stadt bestellt ist.

Frau Richter, fühlen Sie sich in Dortmund noch wohl?

Einerseits, andererseits. Ich habe eine Menge Menschen um mich herum, die in eine ähnliche Richtung denken wie ich: Die Stadt gehört allen Menschen, ob Inländer oder Ausländer. Sie arbeiten wie ich schon lange daran, Rassismus und Nationalismus die Rote Karte zu zeigen. Das ist das Einerseits. Andererseits, obwohl wir mit sehr langem Atem daran arbeiten, kriegen wir die Nazi-Bande nicht aus Dortmund weg. Justizurteile fallen oft zu deren Gunsten aus. Meiner Meinung nach werden sie zu sanft angefasst. Vielen ist die Dramatik nicht bewusst. Man muss ja nur auf das NSU-Thema blicken, und fragen, wer hat der Mörderbande hier geholfen, um zu wissen, was passieren kann.

Können sich denn Fremde, die hier Schutz suchen, wohlfühlen?

Es kommt darauf an, auf welche Menschen sie hier treffen. Die Flüchtlingspaten zum Beispiel leisten eine sehr engagierte geduldige Arbeit. Viele treffen aber auch auf Rechtsradikale. Dann kann es – auch hier in Dortmund – gefährlich werden.

Wie steht es also um die Willkommenskultur?

Ich erinnere mich an die freudigen Begrüßungen am Hauptbahnhof 2015. Die breite Basis, die es damals gab, ist verschwunden. Die Gruppen, die Menschen, die sich heute noch für Flüchtlinge einsetzen, werden mittlerweile beschimpft, und sie bekommen sogar Morddrohungen.

Wie sind die Bedrohungen konkret?

E-Mails und Briefe. Ich weiß von zehn bis 15 Briefen, die sich gegen die Leute richten. Ob diese Drohungen jemals ausgeführt werden? Ich denke, es genügt schon, wenn man mit einer solchen Drohung leben muss.

Oft haben es auch linksalternative Jugendliche schwer, die angegriffen werden. Es sind viele Nadelstiche, die schmerzen.

Wird die Basis für diesen Hass breiter?

Die Politik und die Gesellschaft driften nach rechts ab. Fremdenfeindliches Gedankengut ist in den Bundestag eingezogen. Dieses neue Klima kommt den Nazis zugute.

Wie können sie als Bündnis Dortmund gegen Rechts da gegensteuern?

Wir können Aufklärungsarbeit leisten. Wir machen Veranstaltungen zu den Wurzeln der Nazis und zu den aktuellen Strömungen, die es gibt. Wir leisten auch Erinnerungsarbeit. So gehen wir am 9. November zu den Stolpersteinen und erinnern an jüdische Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Kurz: Wir müssen im Stadtbild präsent sein.

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Sie planen auch ein Konzert gegen Rechts. Meinen Sie, Sie erreichen damit die Richtigen?

Wir haben Konzerte gegen Rechts schon öfter gegeben. Dieses hat einen klaren Zielpunkt: den Helfern und den Flüchtlingen unsere Solidarität zu zeigen. Darum geht es auch bei diesem Konzert (am 11. November, d. Red., siehe Infokasten). Es werden auch Flüchtlinge kommen, darunter ein Mann aus Afghanistan, der beide Beine im Krieg verloren hat, der bei dem Konzert über sein Schicksal berichten wird. Die Einnahmen aus dem Konzert sollen auch den Flüchtlingen zu Gute kommen.

Wie ist es um die Sicherheit bei so einem Konzert bestellt?

Wenn wir so etwas planen, rufen wir vorher die Polizei an und teilen denen das mit. Wir haben auch einen Sicherheitsdienst organisiert. Denn, wenn die Nazis wissen, dass wir so etwas planen, können sie schnell vor der Tür stehen. Einmal ist es ihnen gelungen, in eine Veranstaltung einzudringen.

In solchen Fällen machen wir dann von unserem Hausrecht Gebrauch.

Was sagen sie Leuten, die zwar keine Nazis sind, die aber kritisch der Zuwanderung gegenüberstehen?

Wenn man solche Töne hört, in der U-Bahn oder woanders, sollte man etwas dagegen sagen. Das geht natürlich nur, wenn es keine größere Gruppe ist und man sich sicher fühlt. Das sind oft Vorurteile. Ich höre zum Beispiel oft, dass die Flüchtlinge den anderen Dortmundern die Wohnungen wegnähmen. Dem ist überhaupt nicht so. Im Gegenteil: Flüchtlinge haben extreme Schwierigkeiten, überhaupt geeigneten Wohnraum zu bekommen.

Die Flüchtlingshelfer engagieren sich da sehr, um Wohnungen zu vermitteln. Dass der Wohnraum so knapp ist und immer teurer wird, liegt nicht an den Flüchtlingen, sondern an der Wohnungspolitik generell. Ähnlich gibt es die Argumentation auch in der Arbeitswelt. Doch Zugewanderte nehmen keine Jobs weg, sondern ganze Branchen würden gar nicht mehr ohne sie funktionieren.

Zum Beispiel im Krankenhaus. Dort gibt es ganze Bereiche, da arbeiten nur Menschen, die zugewandert sind. Ärzte wie Pfleger. Und die wären dann einfach nicht da.

  • Mit einem Konzert gegen Rechts wollen das Bündnis Dortmund gegen Rechts, Wir in Dortmund für Vielfalt, Toleranz und Demokratie und Flüchtlingspaten Dortmund e.V. Solidarität mit Flüchtlingen und ihren Helfern zeigen. Das Motto: Solidarität grenzenlos.
  • Das Konzert findet am 11. November (Samstag) ab 18 Uhr im Wichernhaus, Stollenstraße 36, statt.
  • Der Eintritt ist frei, Spenden für Flüchtlinge sind allerdings willkommen.

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