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Reaktionen auf Berichte

Pflegenotstand: „Wer zuviel erzählt, kriegt die Papiere“

Dortmund Auf große Resonanz stoßen unsere Berichte über die Pflegesituation in Dortmunder Krankenhäusern. Die Reaktionen reichen von „Ich hab jetzt noch mehr Angst, ins Krankenhaus zu kommen“ bis „der Alltag ist 100 mal schlimmer als geschildert“. Viel Kritik gibt es am Klinikum Dortmund.

Pflegenotstand: „Wer zuviel erzählt, kriegt die Papiere“

Kosten- und Zeitdruck in Krankenhäusern nehmen seit Jahren zu. Genügend examinierte Fachkräfte zu bekommen, wird zum Riesenproblem. Foto: picture alliance / Friso Gentsch

Im Nachgang berichtete uns eine examinierte Krankenschwester, sie habe während ihrer Ausbildung in mehreren Dortmunder Krankenhäusern erlebt, dass Patienten mit nachgewiesenen multiresistenten Keimen nicht isoliert, sondern neben ihren Zimmernachbarn im gleichen Raum verblieben seien. Und dass sich Kolleginnen nach der Versorgung keimbelasteter Patienten die Hände nicht desinfiziert hätten.

Sie traute sich nicht, während ihrer Ausbildung solche Missstände zu melden. Andererseits sei sie sich nicht einmal sicher gewesen, ob des überhaupt etwas gebracht hätte, das zu melden, äußerte sie gegenüber dieser Redaktion.

Nicht lebensgefährlich

Ortwin Schäfer, Arbeitsdirektor am Klinikum, sagt der Redaktion gegenüber: „Haben Sie keine Sorge, dass Sie den Menschen Angst machen mit solchen Artikeln? Es ist nicht lebensgefährlich im Krankenhaus. Die mit Abstand meisten Menschen kommen geheilt aus der Klinik.“

Dortmund Tatort Krankenhaus: Pflege-Alltag ohne Pausen, Überstunden ohne Ende, kurzfristiges Einspringen für kranke Kollegen - in Dortmunds Kliniken herrscht personeller Notstand. Für den Patienten bleibt da oft keine Zeit mehr. Betroffene Pfleger berichten aus einem System, das gefährliche Schlampigkeit auslöst.mehr...

Eine Leserin, die seit mehr als 30 Jahren als examinierte Krankenpflegerin im Klinikum arbeitet, widerspricht den Äußerungen von Rudolf Mintrop, Vorsitzender der Geschäftsführung des Hauses. Auf die Frage, was das Klinikum zur Entlastung seiner Pflegekräfte tue, hatte Mintrop im Interview unter anderem geantwortet, es gebe Zentrale Dienste sowie einen Personalpool, um kurzfristig Ausfälle zu kompensieren.

Die Leserin schrieb unter anderem, die Entlastung durch Zentraldienste betreffe meist nur Hol- und Bringedienste wie Labor-/Patiententransporte. Fehlten Medikamente, müsse das Pflegepersonal erst auf allen anderen Stationen nachfragen, ob sie dort vorrätig seien und diese dann selbst abholen. Die Angestellte möchte ihren Namen nicht veröffentlicht lesen. Sie hat Angst vor einer Abmahnung. „Das heißt, bei Unterbesetzung ist wieder jemand weg“, schreibt sie.

Angst vor Abmahnung

Der Personalpool, von dem Mintrop im Interview sprach, werde morgens um 9 Uhr vergeben. „Was ist, wenn nachmittags oder nachts jemand ausfällt? Keine Chance“, schreibt die Pflegekraft. Zu der hohen Flexibilität in der Dienstplangestaltung fehlen ihr die Worte: Habe man frei, gehe mindestens ein- bis dreimal pro Woche zuhause das Telefon, was eigentlich nicht zulässig sei. Es komme vor, dass jemand von zu Hause zum Dienst gerufen werde, sagt auch Georg Schneider, Leiter des Pflegedienstes am Klinikum. Aber längst nicht so oft wie dargestellt. Rudolf Mintrop war nicht zu erreichen, er weilt bis Freitag auf einer Tagung in Berlin, und so gab Georg Schneider der Redaktion Auskunft.

Georg Schneider räumt ein, dass die Leistungsverdichtung in der Pflege nicht wegzudiskutieren sei, aber dies sei bei privaten Krankenhausträgern noch sehr viel schlimmer: „Da fließt das Geld in Aktionärsgewinne, bei uns ins Personal.“ Das wurde, so das Mintrop-Interview, in den letzten Jahren aufgestockt.

Schlimmer als Fließband

Zweifel daran hegt offenbar der Facebook-User mit seinem Kommentar auf unserer Facebook-Seite: „Hauptsache ist doch, dass der Social Media Account immer top ist und viele Preise gewinnt“, meint er in Anspielung auf die schon mehrfach prämierten Social- Media-Seiten des Klinikums Dortmund. „Da wird man gegebenenfalls mehr Budget freischaufeln.“

Dortmund Der Mangel an Fachkräften in der Pflege zeichnet sich schon jetzt deutlich ab. Über 1300 freie Stellen gibt es insgesamt in Dortmunds Krankenhäusern und Altenheimen und bei den Rettungsdiensten. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf zukünftige Not.mehr...

In einem anderen Kommentar auf der Facebook-Seite heißt es, wenn nicht bald die Notbremse gezogen werde, hätten wir bald kein Pflegepersonal mehr: „Keiner möchte den Job mehr machen, die, die ihn jetzt noch machen, dürfen eh schon alles ausbaden, und der Durchschnitt ist schon über 50 Jahre alt ...das geht nicht mehr lange gut....“.

Falsche Medikamente

„Habe den Alltag drei Wochen miterleben dürfen, es ist echt hart und leider viel zu wenig Zeit für die Patienten. Das ist schlimmer als Fließbandarbeit“, heißt es in einem weiteren Kommentar. Ein anderer User schreibt: „Das Personal darf nicht alles ausplaudern. Das verbietet ihnen die sogenannte Treuepflicht. Wer zuviel erzählt, kriegt die Papiere.“

Eine Patientin schreibt: „Mir wollte man im Krankenhaus auch schon Medikamente verabreichen, die für einen anderen Patienten bestimmt waren. Zum Glück bin ich noch jung und geistig fit. Nicht auszudenken, wer vielleicht schon alles durch falsche Medikamente Schaden davongetragen hat.“

Mehrere User beklagten, dass in allen Pflegebereichen Personal fehle, auch in den Altenheimen und beim Rettungsdienst. Pflegedienstchef Schneider sieht die Not: „Ich muss ja werben um neue Leute, die Babyboomer gehen jetzt in Rente.“

Das Bundesland Rheinland-Pfalz hat als einziges in Deutschland eine Pflegekammer. Mit dieser Selbstverwaltung wurde die Pflege in den Stand der freien Berufe erhoben. Damit sieht sich die Kammer als „starke Stimme für den Pflegeberuf“.

Pflegedienstleiter Georg Schneider (Klinikum) sagt, auch NRW brauche eine Pflegekammer. Der Pflegedienst sei nun einmal die stärkste Berufsgruppe in den Krankenhäusern.

Schüren Marcia Kemper ist gelähmt, muss beatmet werden, aber der Mut verlässt sie nie. Nun plant die 22-Jährige, die Web-Designerin werden will, den Einzug in eine eigene Wohnung. Das geht nur mit fremder Hilfe – eine ganz besondere Form der Vermögensanlage. mehr...

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