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Spektakuläre Foto-Ausstellung im MKK

Pieter Hugos Fotos von unserer zerrissenen Welt

Dortmund Der südafrikanische Fotografenstar Pieter Hugo zeigt im Museum für Kunst und Kulturgeschichte rund 200 Fotos aus mehreren Kontinenten. Sie offenbaren seinen Blick auf eine zerrissene Welt. Wir haben uns die Ausstellung angeschaut und mit Pieter Hugo ein Foto-Interview gemacht.

Pieter Hugos Fotos von unserer zerrissenen Welt

In der Fotoserie „1994“ bildet Pieter Hugo Kinder in Ruanda ab, die Jahre nach dem Völkermord 1994 geboren wurden. Auf den Fotos blicken die Kinder sehr ernst. Hugo kommentiert: „Ich empfinde ihre Auseinandersetzung mit der Welt als wohltuend, weil sie frei von der Vergangenheit zu sein scheinen. Gleichzeitig bin ich mir der Beeinflussbarkeit ihres Denkens bewusst.“ Foto: Pieter Hugo; P. Prasquer, Köln

Pieter Hugo hat das Gesicht, die Größe, den Körperbau, die Tätowierungen eines Wrestlers und die Frisur von Vin Diesel, er könnte auch im Kino mit dem Auto über die Leinwand fliegen und dabei Verfolger erschießen, trockenen Spruch auf der Lippe, verliebte Puppe aufm Beifahrersitz.

Könnte. Was er kann, ist fotografieren, und zwar mindestens so gut wie Vin Diesel rumballern, nur eben in echt, seine Fotos hängen im Museum of Modern Art in New York und in vielen weiteren. Der erste Eindruck trügt oft, bei Pieter Hugo und noch öfter bei seinen Bildern.

Nicht, wie es scheint

Während die Actionhelden ihre halbgescheiten Sprüche knurren, sagt Hugo zum Beispiel: „Auch wenn es sich so anfühlt, als würde ich es schon seit jeher tun, bin ich immer noch schüchtern. Es ist einfacher, einen Fremden zu verprellen, als ihn kennenzulernen. Das Gegenüber muss bereit sein, etwas zu geben. Ich möchte ihm nicht das Gefühl vermitteln, dass das Bild nur durch mein Handeln entstanden ist. Dafür braucht es – und darauf hoffe ich – einen Moment freiwilliger Verletzlichkeit.“ So zitiert ihn die Webseite der Kölner Galerie Priska Pasquer anlässlich einer Hugo-Ausstellung.

Foto-Interview: Wovor haben Sie Angst, Pieter Hugo?

Frage 1: Wovor haben Sie Angst?

Pieter Hugos Antwort: „Bei der Arbeit für die Serie „Ruanda 2004“ habe ich im Murambi Technical College fotografiert. Da waren Haufen und Haufen und Haufen von toten Körpern. Um sie zu fotografieren, musste ich sie anfassen, hochnehmen und bewegen. Das war eine sehr intensive, traumatische Erfahrung. Doch am ersten Tag bekam ich kein gutes Bild, also musste ich wiederkommen. Am Ende des zweiten Tages fiel es mir nicht mehr schwer, es schien absolut normal zu sein, tote Menschen zu berühren und zu bewegen. Und mir wurde etwas über die menschliche Psyche klar: wie einfach es für uns ist, uns an komplett inakzeptable Umstände anzupassen. Wahrscheinlich ist das evolutionär bedingt. Das ist etwas, das mir Angst macht: dass wir in manchen Situationen Dinge hinnehmen, die eigentlich nicht hinnehmbar sind, und nichts dagegen tun.“

Zur Erklärung: In der Serie "Ruanda 2004: Verstiges of a Genocide" fotografierte Pieter Hugo Schauplätze des Völkermordes 1994, an denen die Knochen und Leichen der Opfer auch zehn Jahre nach dem Geschehen noch nicht bestattet waren.
Frage 2: Was verletzt Sie?

Pieter Hugos Antwort: „Das ist meine Tochter. Es schmerzt mich zu wissen, dass sie aufwächst in einer Welt, die ich in schlimmerem Zustand hinterlasse, als ich sie vorgefunden habe. Dass ihr wahrscheinlich Dinge widerfahren, die ihr wehtun. Diese Dinge werden sie auch formen. Es schmerzt mich, darüber nachzudenken.“

Zur Erklärung: Auch die Serie "1994" bezieht sich auf das Jahr des Völkermordes, jedoch ist sie nicht den Opfern gewidmet. Stattdessen fotografierte Pieter Hugo Kinder, die Jahre nach 1994  zur Welt gekommen sind. Im Katalog fragt er dazu: "Tragen Sie das gleiche Gepäck wie ihre Eltern? Wird die Geschichte für sie genauso belastend sein?"
Frage 3: Was lieben Sie?

Pieter Hugos Antwort: „Ich liebe es, dass es mir möglich ist, meine Arbeit mit einem Sinn für Humor zu tun. Ich liebe meinen Job. Ich liebe ihn wirklich. Und ich liebe den dunklen Humor. Es macht Existenz tolerierbar, wenn man ihr etwas Humor entgegenbringen kann. Ich glaube, die Leute übersehen das oft in meinen Bildern."

Zur Erklärung: Das Bild gehört zur Serie "Nollywood". Darin fotografierte Hugo Schauspieler aus der nigerianischen Filmindustrie, genannt "Nollywood", in ihren Kostümen. Die drei Frauen auf diesem Bild sind keine gefährliche Gang, sie tun nur so.
Frage 4: Was hassen Sie?

 In diesem Augenblick kommt ein Mann auf Pieter Hugo zu und bittet ihn darum, seinen Katalog zu signieren. Hugo signiert und sagt: „Was ich hasse? Kataloge zu signieren“, und lacht. Dann wird er ernst und geht zu seinem berühmtesten Foto des Hyänenzähmers. „Ich hasse es inzwischen, über dieses Bild, diese Serie zu sprechen. Diese Serie hat meine Karriere gestartet, und eigentlich besitze ich diese Bilder gar nicht mehr, sie sind nun Teil des öffentlichen Bewusstseins. Es fühlt sich wie ein früheres Leben an, ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wie ich sie aufgenommen habe. Die Bilder selbst hasse ich nicht, aber über sie zu reden, schon.“

Die Serie "The Hyena & Other Men" fotografierte Hugo von 2005 bis 2007 in Nigeria. Er hatte von einem Freund Fotos erhalten von Männern, die auf einer Straße mit einer Hyäne an einer Kette liefen. Hugo machte diese Menschen ausfindig und erfuhr: Das sind fahrende Händler, die sich vermeintlich wilde Tiere halten um Aufmerksamkeit zu erregen, damit sie den Schauslustigen ihre traditionelle Medizin verkaufen können.
Frage 5: Was ist Ihnen am vertrautesten?

Pieter Hugos Antwort: „Wie ich es hasse, mich genauso zu fühlen, jeden Sonntagmorgen.“ (Lacht fröhlich.)

In der Serie "Californian Wildflowers" fotografierte Hugo 2014 und 2015 in San Francisco und in Los Angeles Menschen, die auf der Straße leben. Zur Serie gehören auch Stillleben wie dieses.
Frage 6: Was ist Ihnen absolut fremd?

Pieter Hugos Antwort: „Ich denke, das Seltsamste und Fremdartigste überhaupt ist die Erde selbst. Es ist unser Planet. Dieser Ort (er zeigt auf das Foto) ist eine absolut lebensfeindliche Umgebung, aber er sagt so viel über uns aus. Das ist die dunkle Seite unseres Lebens.“

2009 und 2010  stellte Hugo die Serie "Permanent Error" zusammen: In einem Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra liegt die zweitwichtigste Gegend zur Weiterverarbeitung von Elektroschrott in Westafrika. Die Menschen dort verbrennen ohne jede Schutzausrüstung den Schrott, um die Metalle freizulegen. Diese Arbeit verpestet die ganze Gegend und macht die Menschen krank, trotzdem arbeiten sie dort, weil sie keine andere Möglichkeit haben Geld zu verdienen.
Frage 7: Was ist gelogen?

Pieter Hugos Antwort: „Fotografie ist eine Lüge. Sie ist nicht ausschließlich eine Lüge, aber sie ist auch nur zur Hälfte Wahrheit. Und ich mag es mit diesem Bedeutungsraum zu spielen, wie man sehen kann.“

Zur Erklärung: Dieses Foto aus der Serie "1994" sieht aus, als habe Pieter Hugo es umfangreich inszeniert. Doch in Wirklichkeit, so sagt er, habe er dieses Mädchen genau so vorgefunden, in diesem Kleid, mit diesen Blumen in den Händen, in dieser Pose. Bei vielen von Hugos Bildern ist nicht klar, inwieweit sie inszeniert sind, und Hugo behält diese Information bei den meisten Bildern für sich.
Frage 8: Was ist die Wahrheit?

Pieter Hugos Antwort: „Ich glaube, dass Liebe und Glück vorübergehend sind. Heute da, morgen fort. Das hier ist ein kleiner Moment von Liebe und Glück.“

In der Serie "Messina / Musina" fotografierte Hugo 2006 in Musina, früher Messina, der nördlichsten Stadt Südafrikas an der Grenze zu Simbabwe. In dieser Stadt sind viele Menschen auf der Durchreise, Schleuserbanden schmuggeln Menschen über die Grenze. Hier fotografierte Hugo Menschen, die damals dort lebten, inzwischen aber vermutlich woandershin gezogen sind.
Frage 9: Was ist richtig?

Hugo läuft kreuz und quer durch die Ausstellung, schaut hier und da, sagt schließlich: „Ich finde nichts Passendes. Nächste Frage, bitte.“

Frage 10: Was ist falsch?

Wieder längere Suche, dann sagt Hugo: „Das erfordert eine moralisierende Antwort. Lassen Sie uns die Frage überspringen.“
Das Foto zeigt Pieter Hugo während des Interviews in der Ausstellung.
Frage 11: Was ist Freiheit?

Pieter Hugos Antwort: "Freiheit ist eine Illusion.“

Das Bild stammt, wie das Foto der zerquetschten Melone, aus der Serie "Californian Wildflowers" und zeigt einen obdachlosen Menschen.

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) zeigt ab Samstag (25. 11.) rund 200 Fotos von Pieter Hugo, 13 Serien, überwiegend große Abzüge. Die Fotos und die Weitläufigkeit der Sonderausstellungsräume des MKK tun einander gut, Hugos Bilder sind mit Abstand ebenso wie aus der Nähe spektakulär. Einfach zu fassen sind sie allerdings nicht.

Dem Menschen zugewandt

Durch alle seine Serien zieht sich ein großes Interesse an den Menschen. Hugo sucht und porträtiert die Besonderen: Die Menschen, die mit Hyänen, Affen, Pythons und anderen Tieren in den Städten Nigerias zusammenleben. Die eigene Familie. Blinde und Albinos. Verstörend Entstellte und Kostümierte in Nigeria.

Obdachlose in einem schmutzigen Viertel von San Francisco. Elektroschrottverbrenner in Ghana, deren Arbeit die Luft und den Boden der ganzen Gegend verseucht. Seit er selbst Kinder hat, sind Kinder auch in seiner Arbeit wichtig geworden, wie die Kinder in Ruanda, die Jahre nach dem Völkermord 1994 geboren wurden, aber so ernst schauen, als hätten sie die grauenvolle Geschichte ihres Landes in den Knochen.

Sie sind nicht dokumentarisch

Hugos Bilder sind trügerisch, und er löst nicht alle Zweideutigkeiten auf. Die meisten Bilder sind inszeniert, aber oft sind jene, bei denen man es am stärksten vermutet, es gerade nicht und umgekehrt. Die Einzelheiten der Inszenierung verrät Hugo nicht und lässt den Betrachter zum Beispiel mit der unangenehmen Frage zurück, ob ein junges Mädchen sein knappes Paillettenkleid vorher schon trug oder für das Foto anziehen sollte.

Hugo befragt die Menschen, lernt sie kennen, versucht ihr Leben zu verstehen, und nimmt sich meistens viel Zeit für die Fotos, weil er auf den Moment wartet, in dem der Fotografierte sich öffnet. Bei den Schrottsammlern in Ghana richtete er den Schauplatz des Fotos her und das Licht ein, positionierte sie an den gewünschten Stellen – und wartete, bis er den Moment gekommen sah, manchmal eine Stunde oder länger.

Prägend für die Fotos sind dennoch Hugos Gedanken über die Menschen. Seine Verwunderung, seine Abscheu und Zuneigung, seine Zweifel darüber, was er davon halten soll, was er sieht.

Sie sind doch dokumentarisch

Auch wenn die Bilder selbst oft irreführend sind, erläutert die Ausstellung sie mit Hugos erklärenden Texten.

Die Hyänenmänner in Nigeria sind keine Gangster, sondern halten sich die Tiere, um Aufsehen zu erregen und dann den Schaulustigen ihre traditionelle Medizin zu verkaufen. Die verstörend Entstellten und Kostümierten der anderen Serie sind Schauspieler in der Drehpause im nigerianischen Nollywood, der drittgrößten Filmindustrie der Welt nach Holly- und Bollywood.

Pieter Hugos Fotos von unserer zerrissenen Welt

Pieter Hugo. Foto: Tilman Abegg

Die Knochen- und Schädelhügel in der Serie „Ruanda 2004“ sind die Überreste der Opfer des Völkermordes, die auch viele Jahre danach noch nicht begraben worden waren.

Die Erklärungen zu den Fotos bieten viele solcher eindrücklichen Details über Aspekte des Lebens in mehreren Ländern Afrikas.

Sie sind vielleicht dokumentarisch

Andererseits wiederum: Wenn jemand schon bei den Fotos absichtlich mehrdeutig und missverständlich arbeitet, ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Geschichten dazu nicht alle wahr sind.

Spielt eigentlich keine Rolle

Pieter Hugo zeigt in dieser Ausstellung seine Neugier auf die Welt, auch wenn sie weh tut und fassungslos macht. Er fotografiert die Blinden auch deswegen, wie er schreibt, weil ihn das Unbehagen interessiert, das er dabei verspürt, weil sie seinen Blick nicht erwidern können. Die Schrottverbrenner, die Tod verbreiten müssen, um leben zu können. Die Kinder, die so zuversichtlich ihre Welt erforschen, von der er jedoch weiß, wie gefährlich und enttäuschend sie ist.

Wir hängen in der Luft, nichts ist sicher oder einfach, die Welt ist ein abgründiger, unbegreiflicher, erschreckender und schillernder Ort, und wenn du einfache Wahrheiten suchst, tja, schau doch hin: Dann lebst du auf dem falschen Planeten.

Trost verspricht vielleicht der schlicht nicht kleinzukriegende Mut der Menschen sich dagegen aufzulehnen, der aus Hugos Bildern spricht, und ebenso aus Hugos eigener unerschrockenen Suche nach immer neuen Fragen ohne Hoffnung auf Antworten.

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