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Oper Arabella im Theater Dortmund

Tenor Thomas Paul: "Bei uns ist es ein Bodyguard"

DORTMUND Thomas Paul ist der neue lyrische Tenor im Opern-Ensemble. Mit uns sprach er über seine erste Rolle in Dortmund, den Matteo in der Oper Arabella, die Gemeinheiten, die Komponist Richard Strauss den Tenören hineingeschrieben hat und einen Ex-Militär, der ihn für seine Rolle inspiriert hat.

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Thomas Paul ganz freundlich: So schaut er beim Interview.

Thomas Paul nicht ganz so freundlich: Im Kostüm seiner Rolle, des Bodyguards Matteo. Das Kostüm kann sich bis zur Premiere noch ändern.

Nach dem Interview bleibt Paul im Foyer an einem Flügel stehen, klappt das Verdeck hoch und spielt gut gelaunt ein paar Takte Schubert in der Hocke.

Dass Thomas Paul ein Tenor ist, merkt man auch, wenn er nicht singt. Er spricht kraftvoll und entgegenkommend, so dass man ihn auch von der anderen Straßenseite aus verstünde, ohne dass er besonders laut sprechen müsste. Im Interview im Opernfoyer spricht der Österreicher mit Vergnügen in der Stimme und Humor in den Augen, er sagt „naa“ statt „nein“ und „host“ statt „hast“ und bevor man sich versieht, ist man schon mittendrin im Gespräch. Man müsse kein Fachmann sein, um die Oper zu genießen, sagt Paul und setzt sich, im Gegenteil, man müsse überhaupt nichts wissen.

Ach so? Dabei gilt doch die Oper als besonders hoch entwickelte Kunstform und damit nicht unbedingt als allgemein verständlich.

Aber das ist sie. Auch wenn ich keine Ahnung von Musik habe, aber der Sänger gut ist und inbrünstig singt, und die Szene und die Regie und alles zusammengeht und ich kriege die Emotion vom Sänger geliefert, dann ist es egal, ob ich Bescheid weiß oder nicht, dann habe ich meinen Spaß gehabt. Oper ist die Königsdisziplin im Musikbusiness. Nirgends kommen so viele Kunstformen zusammen. Vierhundert Menschen arbeiten daran, alles, Musik, Regie, Licht, Bühne, Chor, Solisten, alle Gewerke, alles von null an neu zu entwickeln. Und es ist live, jeder Abend ist einzigartig.

Weil Sie es fühlen?

Na sicher, um das geht’s doch bei der Oper, um Gefühle. Alles andere ist langweilig.

Wie langweilig war Erfurt, Ihre vorige Station?

Die zwei Jahre da waren sehr gut. Da habe ich mir die großen Rollen in die Kehle gesungen. Aber natürlich kann das Theater mit Dortmund nicht Schritt halten, das ist ein B-Haus.

Sie meinen zum Beispiel das Orchester?

Das Orchester, natürlich. Das Dortmunder Orchester ist viel besser. Sänger hatten wir sehr gute, aber die haben ziemlichen Druck von der Regierung, die müssen da sparen an allen Ecken und Enden.

Also müssen die Sänger mehr singen, als eigentlich gut ist?

Ja. Ich hab in den ersten vier Monaten in Erfurt fünf große Partien gehabt, und ich hatte keine Zeit, die zu lernen. Ich habe es Gott sei Dank ganz gut geschafft, aber ganz glücklich ist man nicht, denn man könnte es noch besser machen, wenn man mehr Zeit hätte.

Dann muss man irgendwann die Notbremse ziehen, aber das ist sehr heikel. Das ist schwierig heutzutage. Mein Vorgänger dort hat alle großen Rollen gesungen, und der konnte am Schluss, nach neun Jahren, nicht mehr singen, der war tot. Der ist dann in den Chor gegangen, das war sein Glück. weil er so als Sänger weiterarbeiten konnte.

Man muss davon ausgehen, dass sich die Stimme dann nicht wieder erholt, oder?

Das ist psychologisch so eine Sache. Bei ihm war das so, dass während der Vorstellung die Stimme weggebrochen ist, das hat man gehört, und dann hat man natürlich Angst.

Apropos Stimme, woher kommt Ihr Dialekt?

Aus Oberösterreich. Aber ich bin eine österreichische Mischung, ich habe eine steirische Mutter, ich war vier Jahre in Innsbruck, habe in Salzburg studiert und hab zuletzt drei Jahre in der Volksoper in Wien gearbeitet.

Eine Freundin von mir kommt aus Graz...

...die haben einen ganz speziellen Dialekt. Das ist der Arnold-Schwarzenegger-Style, der kommt auch aus der Gegend.

Stimmt, der spricht ähnlich. Sie sagte, es gibt eine Feindschaft zwischen den Grazern und den Wienern.

Naja, die Wiener mag niemand gern in Österreich, außer die Wiener sich selbst (er lacht). Das ist ein Staat im Staat irgendwie, so wie die Berliner in Deutschland, die sind ja auch speziell.

Wie viel Wien haben Sie in sich?

Na, doch relativ viel. Ich bin dann zurückgekommen aus Wien nach Oberösterreich und da sagten alle: „Thomas, was ist denn mit dir los, du hast ja einen Wiener Dialekt!?“ Und ich: „Was, wirklich? Oh nein, oh Gott, was mache ich nur?“

Denn in Wien hatte ich mich wirklich dagegen gewehrt gegen diesen arroganten Nimbus der Wiener. Dort gibt es eine klare Hierarchie: Es gibt die G’scherten aus den Arbeitervierteln, die reden so einen bissel wilderen, bäuerlichen Dialekt. Und die etwas auf sich halten, sprechen das Schönbrunner Hochdeutsch – die denken wirklich, das sei Hochdeutsch –, das ist der Falco-Stil. „Er war ein Superstar, er war so populär“, das ist alles das Schönbrunner Hochdeutsch.

Wie war das in Erfurt, wie lernen Sie eine Stadt kennen? Fahren Sie Fahrrad?

Natürlich, Rennrad. Aber Erfurt ist sehr rennradunfreundlich – Pflastersteine. Und die Straßen sind schon älter. Aber die Gegend ist schön.

Jetzt wohnen Sie in Unna?

Ja, seit einer Woche, ich wohne noch in den Kartons und muss schon voll arbeiten, aber das ist gut so, dann wird einem nicht langweilig.

Unna ist vermutlich ein bisschen weit mit dem Rad.

Ich hab’s überlegt, denn ich habe schon meine Erfahrungen gemacht mit dem Verkehr hier in Dortmund. Mit dem Stau. Ich habe eine Zweierprobe gehabt, das große Duett, und bin eine Dreiviertelstunde vorher losgefahren, dachte, das wird ja wohl reichen für 20 Kilometer. Hat es nicht. Ich bin dann zehn Minuten vor Beginn der Probe auf der Einser-Dings da gestanden, und es hat sich keinen Millimeter bewegt.

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Welche Tageszeit?

Am frühen Nachmittag. Und zusätzlich noch ein Unfall. Und ich hab gewusst, die warten alle auf mich, was mache ich, was mache ich? Ich hatte mein Rennrad hinten drin, da bin ich abgefahren, habe das Auto irgendwo abgestellt und bin aufs Rad. Aber ich war trotzdem 40 Minuten zu spät zur Probe, aber was soll ich machen? Jetzt weiß ich’s. In Wien gibt’s auch Verkehr, aber nicht ganz so schlimm. Und Erfurt wäre ein Paradies für Dortmunder – Verkehr, was ist das?

Jetzt singen Sie den Matteo in „Arabella“, einen Leutnant.

Bei uns ist es ein Bodyguard.

Klingt nach einer modernisierten Inszenierung.

Natürlich. Wir haben versucht es zu entstauben und es verständlicher zu machen, was eine Herausforderung ist, weil es in der alten Adelszeit spielt, mit Ehre und so weiter, aber man kann es übersetzen, und das ist uns ganz gut gelungen. Es soll funktionieren, ohne dass man sich einlesen muss, der ganz normale Theaterbesucher soll seinen Spaß haben können.

Was ist Ihr Matteo für ein Typ?

Der ist ziemlich durchgeknallt. Also ... mein Gott, der arme Mann, der lebt in seiner eigenen Welt. Wird manipuliert von einer Frau, der Zdenka. Er denkt, sie ist ein Junge, sein bester Freund, und er vertraut sich ihr an. Sein Problem ist die Liebe. Wie immer. Ich mein, zu dieser Zeit, die Männer, die hatten ja null Erfahrung mit Frauen, bis sie 30, 40 waren, denn man musste ja erst mal irgendwer sein, bis man eine Frau kennenlernen durfte. Die waren echt Kinder, unglücklich, emotional total unreif. Es gab Selbstmorde aus Liebe, das war ganz selbstverständlich, die haben sich erschossen, weil die Gefühle so gekocht haben, und die durften nicht raus.

Wie alt ist Ihr Matteo?

Etwa 35, ungefähr mein Alter. Ja, das hat sich damals oft kanalisiert in Liebesbriefen. Und Matteo, ja, er is veroascht worden. Die Zdenka hat sich als Arabella im Brief ausgegeben und hat ihm Liebesbriefe, Liebesbriefe, Liebesbriefe geschrieben, weil sie in ihn verliebt war. Und Arabella behandelt ihn aber ganz normal, denn sie weiß ja nichts von den Briefen. Und das macht ihn völlig verrückt. Und dann stellt sich heraus, er war jetzt im Bett nicht mit Arabella, sondern mit seinem besten Freund, der eine Frau ist, und zwar eine schöne. Das ist schon, also, puh! Aber ich darf nicht vorgreifen aufs Ende der Geschichte, das bei uns etwas anders ist.

Wie würde Ihr Matteo, der Bodyguard, seine Freizeit verbringen?

Der Matteo, so wie ich ihn vom Herrn Herzog kennen gelernt habe, der ist ein uriger Typ, geht in Kneipen, prügelt sich, ein Y-Chromosom-Typ par excellence.

Angenommen, Sie würden Ihren Matteo treffen, würden Sie ein Bier zusammen trinken?

Ja, wir sind alles Männer.

Und dann sagen Sie ihm, dass Sie als Operntenor arbeiten. Was würde er, der raue Bodyguard, dazu sagen?

Der Matteo, wie Herzog ihn meint, ist mir bisher noch ein bisschen fremd. Ich bin noch dabei, ihn kennenzulernen. Aber ich habe vor Kurzem einen echten Bodyguard kennengelernt, aus Georgien, der dort fürs Militär und die Geheimdienste gearbeitet hat, ein wilder Typ. Der ist als Bass ans Theater in Erfurt gekommen, konnte kein Wort Deutsch, mit Muskeln bepackt, Glatze, und hat erzählt von den Waffen, die er zuhause hat.

Ein Berg von einem Mann, der eine Maß Bier in vier Sekunden getrunken hat, Mund auf und rein, wie er das gemacht hat, weiß ich nicht. Guter Charakter, ein bisschen kindlich, aber dann doch weiche Schale, harter Kern. Der hat, das habe ich gespürt, Menschen wirklich wehgetan, die Waffe benutzt. Das ist etwas, das mir eigentlich nicht entspricht.

Er hat dann aber total damit gebrochen, wollte es hinter sich lassen, was er dort tun hat müssen, will ich nicht wissen, und hat dann aufs Singen umgesattelt, weil er immer eine gute Stimme gehabt hat, eine richtige Naturröhre. Der Anfang ist jetzt natürlich richtig schwer für ihn, aber der wird sich schon durchbeißen.

Was können Sie noch zu Matteo sagen?

Was spannend ist: Richard Strauss hat Soprane geliebt und Tenöre gehasst.

Er hat es Ihnen schwer gemacht.

Ja. Absichtlich. Der hat zum Beispiel eine Textpassage eingebaut, kurz bevor ich unglaublich hoch und schwer und lange Töne singen muss, wo jeder Tenor sich fürchtet: „Mir graut vor so viel Virtuosität“. Matteo ist sein Vermächtnis an die Tenöre, so beißt’s euch die Zähne daran aus. Ich hab mir viele Tenöre in dieser Rolle angehört, und ich habe nur einen gehört, der echt gut war, alle anderen haben gekämpft, weil es wirklich unglaublich schwer ist.

Wer war der Gute?

René Kollo. Die anderen nenne ich nicht. Aber ich schaff’ das, ich schaff’ das gut, Richard Strauss! Ich besiege dich! (Er lacht herzlich.)

 

Weitere Informationen:

  • Thomas Paul hat einen Einjahresvertrag unterschrieben – mit Option auf Verlängerung.
  • Den Matteo bringt Thomas Paul zum ersten Mal auf die Bühne am 24. September (Sonntag), 18 Uhr.
  • Die Matinee ist Sonntag (10. 9.) um 11.15 Uhr im Opernfoyer.
  • Die öffentliche Probe ist am 14. September (Donnerstag), 18.30 Uhr.
  • Karten für alle Termine gibt es im Opernhaus, unter Tel. 5 02 72 22 und auf der Theaterseite.
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Thomas Paul ganz freundlich: So schaut er beim Interview.

Thomas Paul nicht ganz so freundlich: Im Kostüm seiner Rolle, des Bodyguards Matteo. Das Kostüm kann sich bis zur Premiere noch ändern.

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