Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Holocaust

Überlebende machen Zuhörer zu Zeitzeugen

DORTMUND Eintätowierte Nummern ersetzten ihre Namen, bevor die Nationalsozialisten die Juden mit Zügen in die industrialisierte Massenmordmaschine transportierten. Eva Weyl und Bert Woudstra erlebten und überlebten den Holocaust als Kinder. In Dortmund erzählten die Zeitzeugen vor Schülern des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums und bei der BVB-Fanabteilung ihre Geschichte. Eva Weyl spricht nicht von Schuld. Bert Woudstra ist Deutschland dankbar.

Überlebende machen Zuhörer zu Zeitzeugen

Bert Woudstra war Gast der BVB-Fanabteilung. Foto: Foto: Peter Bandermann

Für Eva Weyl war der 12. April 1945 der Tag der Befreiung: Die deutschen Besatzer hatten das Konzentrationslager Westerbork im Norden Hollands bereits verlassen, als kanadische Soldaten vor den 846 Häftlingen standen. „Sie beschenkten uns mit Weißbrot, Schokolade, Kaugummis und Zigaretten für die Erwachsenen“, berichtete die 82-jährige Tochter jüdischer Eltern am Dienstagvormittag in der Aula am Ostwall Schülerinnen und Schülern des Käthe-Kollwitz-Gymnasium. Das KZ Westerbork ist heute eine Gedenkstätte.

Zeitzeugen aus dem Konzentrationslager Westerbork

Das Konzentrationslager Westerbork. Die Nationalsozialisten schickten 107.000 Menschen durch das Lager, das ein riesiger Umschlagplatz „für das industrialisierte Morden“ war, wie es die Dame formulierte. Nur 5000 überlebten. Unter ihnen Eva Weyl. 102.000 starben vor Kälte und Hunger in den Eisenbahnwaggons oder massenhaft nach der Ankunft in Konzentrationslagern wie Buchenwald und Auschwitz.

„Es gibt Leute, die auch heute noch sagen: Diesen Holocaust hat es nicht gegeben. Doch ihr seid meine Zeitzeugen. Ihr könnt meine Geschichte weitererzählen“, sagte Eva Weyl ins Mikrofon. Absolute Stille in der Aula. Die Smartphones sind aus. Die Konzentration gilt nur der Frau, deren Worte unter die Haut gehen: „Stell dir vor: Du lebst in einem Land, in dem das Volk den Stimmen der Extremisten folgt. Stell dir vor, dass dir dein ganzes Hab und Gut genommen wird. Sogar dein Name. Stattdessen tätowiert man dir eine Nummer ein. Und dann wirst du umgebracht. Das nennt man Holocaust.“

„Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit“

Eva Weyl sagt das nicht mit erhobenem Zeigefinger, niemandem weist sie eine Schuld zu. „Ihr müsst euch nicht schuldig fühlen. Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit. Aber für die Zukunft. Deshalb: Wenn ihr wählen geht, dann denkt an meine Geschichte.“

Die Tochter einer angesehenen Kaufmanns-Familie wusste die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu überraschen. Als es um Diskriminierung ging, sprach sie nicht über „Du Jude“ als Schimpfwort an Schulen, sondern berichtete aus der Nachkriegszeit, als sie als 14-jähriges Mädchen die Ferien in Freiburg verbrachte und sich in den Fritz verliebte.

Ihr Opa forderte sie auf, den Kontakt zu ihm abzubrechen, weil Fritz’ Vater ein strammer Nazi gewesen sei. Die junge Eva hielt sich nicht daran – denn: „Was konnte denn der Fritz dafür?“

Befreundet mit der Tochter des KZ-Kommandanten

Mehrmals nannte sie den Namen des Westerborker KZ-Kommandanten Albert Konrad Gemmeker, ein Polizist aus Düsseldorf, der nach siebenjähriger Haft in den Niederlanden in einem Zigarettenladen in der Stadt am Rhein arbeiten konnte und eine neue Familie gegründet hat. Seit drei Jahren ist Gemmekers Tochter, ebenfalls im Seniorenalter, Eva Weyls Freundin. „Sie hatte ein furchtbares Leben. Sie kann nichts für ihren Vater.“

Organisiert hatte den Besuch im Käthe-Kollwitz-Gymnasium der Dortmunder Jugendring. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist Bestandteil des Schulprogramms des KKG. Andreas Roshol vom Jugendring über die Zeitzeugen-Gespräche mit Eva Weyl und Bert Woudstra:

„Diese Frau ist faszinierend. Wie sie uns vermittelt hat, dass wir ihre Geschichte weitergeben können – beeindruckend“, sagt anschließend Mano Barragan aus dem Geschichte Leistungskurs der Q2. Was er und seine Mitschülerinnen und Mitschülerin über Erinnerungsarbeit denken, sagen sie in diesem Video:

Mit einem Zeitzeugen im Hinterzimmer

Im Literaturhaus im Kreuzviertel. BVB-Fans gehen ins Hinterzimmer und nehmen Platz. Unter ihnen ist Bert Woudstra. 1938 war er sechs Jahre alt. Dann brannten die Synagogen. „Erst kamen in den Lagern die Haare ab. Dann gab es Häftlingskleidung, dir wurde eine Nummer eintätowiert. Dann warst du nicht mehr da.“

Bert Woudstra ist noch da. In seinem Vortrag zeichnete er seine Flucht quer durch die Niederlande nach, berichtete davon, wie er sich mit seiner Mutter immer wieder ein neues Versteck suchen musste und wie die Familie einen Fluchthelfer bezahlte, der nicht zum Treffpunkt gekommen ist. „Voor Joden verboden“, war auf Schildern zu lesen. „Für Juden verboten“ – wie wird das auf ihn damals gewirkt haben? Wie war das, als er unter Tränen noch im Klassenzimmer Abschied von den besten Freunden nehmen musste, weil der kleine Bert ein Jude war? Wie fühlt es sich an zu wissen, dass die Deutschen 7,50 Gulden Kopfgeld für jeden Juden oder Zigeuner zahlten?

„Deutschland ist ein wunderbares Land“

Bert Woudstra berichtete von einem Kindheitstrauma, das jetzt, Jahrzehnte später, dem Glück gewichen sei. Die Familie ist sein Refugium. Elf Enkelkinder halten die Woudstra-Großeltern auf Trab. Dankbar blickt der Niederländer auf sein Nachbarland: „Deutschland ist ein wunderbares Land geworden. So intensiv wie Deutschland über den Nationalsozialismus aufgeklärt hat, das berührt mich“, sagte er den 60 Gästen und bat sie: „Erzählt meine Geschichte weiter. Seid wachsam und schreitet bei Stammtischparolen ein. Das kann Schlimmeres verhindern.“

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Der BVB-Star und die Luxusautos

Darum ist Aubameyangs neuer Lamborghini einzigartig

Dortmund BVB-Star Pierre-Emerick Aubameyang verkauft seinen Lamborghini Aventador. Doch ein spektakulärer Ersatz-Flitzer steht schon bereit. Dabei handelt es sich um ein ganz besonderes Exemplar – wie bei so vielen seiner Luxuskarossen.mehr...

RTL-Kuppelshow

Dortmunderin ist Kandidatin beim Bachelor

DORTMUND Bei der neuen Staffel der RTL-Kuppelshow „Der Bachelor“ ist auch eine Dortmunderin dabei. Die 23-jährige Make-up-Artistin Lisa ist eine der 22 Kandidatinnen. Von ihrem Traummann hat sie genaue Vorstellungen. mehr...

Reinoldikirche

Neonazis spielen die Opferrolle

DORTMUND Mit einer Mahnwache inszenieren sich Dortmunder Neonazis nach ihrer Besetzung der Reinoldikirche als Opfer von Polizeiwillkür und Justiz. Dafür erfinden sie einen Jahrestag. mehr...

Test ab Februar

TU-Studenten können kostenlos Metropolräder nutzen

DORTMUND Mit dem Leih-Fahrrad vom Wohnheim zum Hörsaal oder mal schnell vom Uni-Campus in die Innenstadt: Das soll für Studierende der Technischen Universität (TU) Dortmund wie schon an mehreren anderen Hochschulen in Ruhrgebiet bald kostenlos möglich sein. Zumindest probeweise.mehr...

ADAC-Studie

Zu Fuß läuft‘s im Dortmunder Straßenverkehr am besten

DORTMUND Zufriedene Fußgänger, schimpfende Autofahrer: Eine Studie im Auftrag des ADAC vermittelt ein Stimmungsbild zur Zufriedenheit verschiedener Verkehrsteilnehmer in Dortmund – mit durchaus überraschenden Erkenntnissen.mehr...

Verkehrs-Übersicht

Schnee in Dortmund: 28 Unfälle in zwei Stunden

DORTMUND Nach dem verschneiten Wochenende ist am Montagvormittag erneut ein Schneegebiet über das Ruhrgebiet gezogen. Auch wenn in Dortmund das große Verkehrs-Chaos ausblieb, gab es doch Beeinträchtigungen im öffentlichen Nahverkehr und Staus. Insgesamt krachte es in Dortmund 28 Mal. Der Sachschaden ist hoch.mehr...