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Kubanischer Präsident

Warum eine Brackelerin Raul Castros Schuhe reparierte

BRACKEL Raúl Castro ist der Präsident von Kuba, Walburga Rostalski ist eine Schuhmacherin in Brackel. Sie leben zwei vollkommen unterschiedliche Leben, die doch miteinander verbunden sind - durch eine Feier in der Karibik und ein paar zerfledderte Schuhe. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Bekanntschaft.

Warum eine Brackelerin Raul Castros Schuhe reparierte

Ein Laden voller Arbeit und ein Bilderrahmen mit Erinnerungen: Walburga Rostalski in Brackel. Die Schuhmacherin hat 1994 im Urlaub auf Kuba den späteren Präsidenten Raul Castro getroffen und ihn zur Reparatur seiner Schuhe überredet.

Der außereheliche Sohn eines kubanischen Großgrundbesitzers und die Schuhmacherin aus Dortmund trafen sich zufällig. Es war im Spätsommer 1994, man trank ein paar Zombies, so nennt man auf Kuba Orangensaft mit Wodka, dann kam der Smalltalk auf die Arbeit. Er sei hier der „Kriegsminister“, sagte der Mann. Interessant fand das die Frau und wies ihn darauf hin, dass man ihn in ihrer Heimat Verteidigungsminister nennen würde. Sie sei, sagte sie ihm, Schuhmacherin. Und die Schuhe des Ministers, die seien, nun ja, überarbeitungswürdig.

Man könnte sich so einen Geschichtenanfang gut in einem Rosamunde-Pilcher-Film vorstellen. Die Frau, die anpacken kann und mit beiden Beinen im Leben steht, lernt den Minister kennen. Ein paar Zombies, eine eifersüchtige Frau und diverse Verirrungen in schönen Landschaftsbildern später dann der Weltfrieden.

Das Leben ist, das weiß nicht nur Walburga Rostalski in ihrem kleinen Schuhmacher-Laden, keine Fernseh-Schnulze. Aber ein ausgelatschter Schuh in Größe 44 ist ein ausgelatschter Schuh und gehört gerichtet. Egal, ob er in Brackel oder Kuba herumläuft. Und auch egal, ob er irgendwem gehört oder Raúl Modesto Castro Ruz, dem jüngsten der drei Castro-Brüder

Zwei Traumjobs

Eigentlich hatte Frau Rostalski zwei Traumjobs. Also lernte sie erst Automechanikerin, wurde es auch und hatte dann diesen Unfall. Da ging das mit den Autos nicht mehr und sie wurde Schuhmacherin. Kreativ kann man da sein, es geht ja, findet sie, nichts über handgefertigte Schuhe. Improvisieren muss man können. Und eigene Ideen haben.

Als die Ausbildung fertig, der Laden eingerichtet und die erste Auszubildende eingestellt war, da war es Zeit für einen Urlaub. Kuba eben. Mit Sozialismus hatte das nichts zu tun, auch nichts mit der internationalen Solidarität, es ging um 30 Grad und Sonnenschein.

Fidel Castros Ferienhäuschen 

Eine kleine Insel auf Kuba hatte es Frau Rostalski besonders angetan. Sie fuhr dort sehr oft hin. Man konnte dort in Aquarien die heimischen Fische bestaunen, ein Seebär lag am Steg und Delfine schwammen im Wasser. Es war dann doch ein bisschen pilcheresk – was auch daran gelegen haben könnte, das auf diesem kleinen Inselchen Fidel Castros Ferienhäuschen stand.

An einem weiteren Tag, der so werden sollte, wie es Urlaubstage sein sollen, – sich angenehm ähnelnde Perlen, aufgezogen auf eine einzige freundliche Kette – , war dann aber etwas anders. Militär auf der Insel, der Steg gesperrt. Ein Neffe von Raul Castro hatte Geburtstag. Und irgendwie fand sich Walburga Rostalski auf dieser Gesellschaft wieder und die Sache mit den Schuhen nahm seinen Lauf.

Der Kriegsminister

Der Kriegsminister, der heute „Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas“ und Präsident ist, ging damals auf Socken auf sein Boot. Frau Rostalski hatte seine Schuhe in einer Plastiktüte dabei. Zurück in Dortmund machte sie neue Absätze darunter, vernähte neue Sohlen und brannte noch den Namen des Besitzers ein. 

Gut sahen sie wieder aus, nur gab es damals, 1994, noch ein Handelsembargo, man konnte nicht einfach so Dinge nach Kuba schicken. „Ein 500-Gramm-Päckchen“, sagt Frau Rostalski in ihrem Laden, der nach Schuhcreme und Tabak riecht, „hätte 500 D-Mark gekostet. Und die hatte ich nicht.“

Anruf in der kubanischen Botschaft

Sie rief dann in der kubanischen Botschaft in Bonn an, drei Mal legte der Pförtner wieder auf. Beim vierten Mal sagte sie dem Pförtner, wenn er jetzt wieder auflegen würde, würde sie Raul Castro auf Kuba anrufen und dann könne der Mann aber was erleben. Letztlich gingen die Schuhe per Diplomatenpost von der Botschaft nach Kuba - und im Gegenzug bekam Walburga Rostalski eine Einladung nach Kuba. 

Santiago de Cuba (dpa/tmn) Kuba-Urlauber verschlägt es gewöhnlich in den Westen, nach Havanna und an die Strände Varaderos. Dabei locken im unbekannteren Osten die ursprünglichen Landschaften, einsame Strände und die abenteuerliche Revolutionsgeschichte von Fidel Castro und Che Guevara.mehr...

Sie flog hin, das gleiche Hotel, nur eben die große Luxussuite anstelle des kleinen Zimmers und irgendwann kam dann eine Delegation vorbei. Vorne sechs Motorräder, dahinter eine große Limousine und dann wieder sechs Motorräder. Der ganze Kuba-Aufenthalt, sagt Frau Rostalski heute, war wie ein roter Teppich – was ja auch irgendwie zu Kuba passt.

Erinnerungen im Fotoalbum

Die 55-jährige Schuhmacherin hat ihre Erinnerungen an die Zeit in ein Fotoalbum geklebt und immer noch eine schöne Geschichte zu erzählen. Was sie auch schon öfter getan hat, 1994 zum Beispiel gab es einige Zeitungsartikel über die Sache mit den Schuhen.

Heute ist Kuba ein anderes Land. Was auch damit zu tun hat, dass Fidel Castro vor Jahren schon die Amtsgeschäfte an seinen jüngeren Bruder Raul übertrug. Im November 2016 dann starb Fidel Castro und Walburga Rostalski setzte sich hin und schrieb einen Brief an Raul Castro, um ihm seine Anteilnahme auszudrücken. Das gehört sich so, dachte sie sich. Am Montagmittag klingelte dann ihr Telefon. Wieder mal die kubanische Botschaft, die residiert mittlerweile in Berlin und man wollte einen Termin vereinbaren. Ob der kubanische Botschafter lieber nach Dortmund kommen solle oder Frau Rostalski lieber in die Botschaft kommen wolle?

Ein bisschen aus der Zeit gefallen

Ihr kleiner Laden sieht aus wie ein kleiner Schuhmacherladen, ein bisschen aus der Zeit gefallen vielleicht, dafür macht sie auch Näharbeiten an Motorradbekleidung. An einem Haken hängt eine Rockerkutte, ein Ärmel wurde am Auspuff versengt – nein, einen Botschafter wollte sie hier nicht empfangen. Also fährt die Schuhmacherin aus Brackel die Tage nach Berlin in die Botschaft nach Berlin.

Was sie da soll, weiß sie jetzt auch nicht so genau. Vielleicht will man ihr für das Beileidsschreiben danken. Vielleicht aber auch geht es noch einmal nach Kuba. „Das wäre natürlich schon toll, aber ich lasse mich einfach mal überraschen.“

Jetzt ist es zwar nichts geworden mit dem Weltfrieden, aber dass war ja schon vorher klar. Dafür aber zumindest ein klein bisschen mit der Völkerverständigung. Und das ist für einen, der mit beiden Beinen im Leben steht, schon eine ganze Menge.

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