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Spezialunterricht im Orchesterzentrum

Wie Piccoloflötist Paco Varoch Studenten aufs Vorspielen vorbereitet

DORTMUND Flötist Paco Varoch vom Mahler Chamber Orchestra bringt Studenten bei, wie moderne Musiker arbeiten und wie sie Vorspiele gewinnen. Uns hat er erzählt, was er ihnen beibringen kann – und was nicht.

Wie Piccoloflötist Paco Varoch Studenten aufs Vorspielen vorbereitet

Piccoloflötist Paco Varoch übt zwischen zwei Unterrichtseinheiten im Orchesterzentrum. Foto: Bernard Martinez

Wenn heute Abend im Konzerthaus Isabelle Faust das Violinkonzert von Alban Berg spielt, schwebt ihr Geigenton über einem Orchesterklang, der nicht nur von den gestandenen Musikern des Mahler Chamber Orchesters (MCO) erzeugt wird, sondern auch von einigen Studenten des Orchesterzentrums. Die Teilnahme der Studenten an diesem Konzert ist der Höhepunkt der „MCO Academy“. Das ist der Name mehrerer Seminare, die Musiker des MCO einmal im Jahr im Orchesterzentrum anbieten.

Einer der Dozenten ist Paco Varoch, ein international gebuchter Piccoloflötist. Im Interview erzählt er von zwei wichtigen Seminarinhalten: Das Arbeitsmodell eines freien Musikers und wie man sich optimal auf Vorspiele vorbereitet – zum Beispiel auf die, mit denen Varoch und seine Kollegen die Studenten für das begehrte Konzert auswählen.

Herr Varoch, Sie sind regelmäßiger Gastmusiker im MCO. Nebenbei spielen Sie in vielen weiteren Orchestern. Vermitteln Sie dieses Arbeitsmodell auch den Studenten?

Ja. Es ist heute wichtig, vielseitig zu sein. Viele Orchester erwarten heute zum Beispiel von Flötisten, dass sie das Repertoire von Piccoloflöte und Querflöte beherrschen. Für mich ist es also wichtig, dass ich beide Instrumente pflege und beides auch unterrichten kann. Ich habe kein Solo der ersten oder zweiten Flöte in den Fingern, ich bin schon ein Spezialist für die Piccoloflöte, aber ich kann auch mit den anderen Flöten arbeiten.

Sie nehmen auch CDs auf und unterrichten. Ist die klassische Festanstellung in einem Orchester nicht mehr zeitgemäß?

Doch, die gibt es immer noch. Aber eben nicht nur. Manche Studenten, die wir in der Academy kennenlernen, setzen sich selbst unter Druck, weil sie unbedingt einen festen Job finden wollen. Doch was ist, wenn sie einen gefunden haben? Das kann sich schnell wie ein automatisches Leben anfühlen: Jeden Tag gehen Sie zur Probe, freitags ist Konzert, Samstag auch, ein Tag Pause, und am Montag geht’s von vorne los.

Langweilig?

Nicht langweilig, aber je nach Persönlichkeit vielleicht nicht das Richtige. Ich zum Beispiel mag die Vivaldikonzerte sehr, aber ebenso gern spiele ich moderne Musik, ich mag den Kontakt zu Komponisten, ich brauche diese Vielseitigkeit auch musikalisch.


Aber Sie müssen schon sehr gut sein, damit Sie diese vielen Engagements bekommen.

Ja, natürlich, der Druck ist immer da.

Und es gibt weniger solcher Jobs als Musiker, die diese gern hätten. Viele der jungen Musiker, die Sie hier unterrichten, werden in zehn Jahren nicht so gut dastehen können wie Sie.

Aber ich versuche sie zu überzeugen, dass es wichtig ist, sein Jahr gut zu organisieren: In den ersten drei Monaten bereite ich mich auf dieses oder jenes Vorspiel vor, danach suche ich Kollegen für ein kleines Ensemble, mit dem ich eine Aufnahme für Youtube machen kann. Diese Aufnahme schicke ich dann an Festivals, um mich dort vorzustellen. Und so weiter.

Viele Studenten denken, sie müssten mindestens zehn Vorspiele im Jahr machen. Aber sich nur darauf zu konzentrieren, dasselbe Repertoire immer und immer wieder zu spielen, ist nicht sinnvoll, damit schränkt man sich zu sehr ein. Wenn Sie immer wieder dasselbe Buch lesen, finden Sie vielleicht jedes Mal ein neues Detail in diesem Buch, aber Sie lernen die vielen anderen guten Bücher nicht kennen.

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Der Vergleich ist etwas schief, oder nicht? Zwei unterschiedliche Bücher unterscheiden sich in jedem Wort und jedem Gedanken. Verschiedene Aspekte musikalischer Arbeit haben doch viel gemeinsam.

Sicher, aber die Unterschiede sind größer, als man vielleicht denkt. Wenn Sie zum MCO kommen und die Energie Ihres eigenen Orchesters mitbringen, wird das nicht funktionieren. Viele Orchester arbeiten, wie soll ich sagen, etwas konservativer als das MCO. Beim MCO ist es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass wir am selben Tag reisen und spielen. Das wäre für viele Orchester unmöglich. Beim MCO ist jedes Projekt eine Herausforderung. Beim MCO spielen nur Menschen, die das so wollen.

Ist es schwierig, das den jungen Musikern hier an der MCO Academy schmackhaft zu machen?

Das Leben ist ein Prozess. Wenn Sie 22 sind, dann möchten Sie Geld verdienen, sich Wünsche erfüllen, das ist ja normal, und dafür brauchen Sie nun mal einen Job. Sie haben schließlich sehr viel Zeit investiert, Ihr Leben lang intensiv geübt, jetzt wollen Sie auch vorspielen und wünschen sich die Bestätigung, engagiert zu werden. Daran wachsen Sie als Musiker.

Wie bereiten Sie die Studenten auf die Vorspiele für die Teilnahme am MCO-Konzert vor?

Wir versuchen, ihnen die Spannung zu nehmen. Bei vielen Vorspielen kann man beobachten, wie die Bewerber auf den wenigen Metern von der Tür bis zum Notenpult quasi versteinern. Wenn sie dann zu spielen anfangen, sind sie viel zu steif. Da hilft es schon, wenn man sich zu Beginn 20 Sekunden oder eine Minute lang mit ihnen unterhält, bevor sie spielen.

Wie streng bewerten Sie den musikalischen Vortrag?

Wir brauchen die Besten. Es geht um eine sehr wichtige Konzertreihe der MCO Academy. Pierre Boulez hat hier schon dirigiert, Esa-Pekka Salonen, im vergangenen Jahr Daniel Harding, diesmal Omer Meir Wellber, das sind die Top-Dirigenten, und sie verlangen eine sehr hohe musikalische Qualität. Die Studenten müssen dem gewachsen sein.

Und auch das MCO muss seinen Ruf verteidigen. Aber für die Studenten ist das ein sehr attraktives Projekt, weil wir diese Konzerte viel gründlicher vorbereiten als die meisten professionellen Orchester es sich leisten können: erst Einzelunterricht, dann Proben in Instrumentengruppen, dann viele Orchesterproben.

Was tun Sie noch in Bezug auf die Vorspiele?

Wir üben die Vorspiele vorher mehrfach. Wir schauen, welche Fähigkeiten jedes Studenten in der Vorspielsituation nachlassen und versuchen, gezielt gegenzusteuern.

Welche Fähigkeiten sind das?

Zum Beispiel Geschwindigkeit, Artikulation, Rhythmus.

Das sind technische Fertigkeiten. Was ist noch wichtig?

Ein ganz wichtiger Punkt ist dieser: Bei einem Vorspiel spielt man ganz kurze Auszüge, 20 Sekunden aus einem viel längeren Stück. Das ist wie eine olympische Disziplin, es gibt keinen Raum für Fehler. Das ist ausgesprochen tricky. Man spielt die Passage nicht zehnmal und hofft, dass es einmal richtig gut ist. Wenn Sie gewinnen wollen, ist Ihre Aufgabe, es nur ein einziges Mal zu spielen, und zwar so perfekt wie möglich.

Das ist auch eine Frage der mentalen Einstellung, oder? Können Sie da helfen?

Na ja, jeder hat seine Persönlichkeit, die kann man schwer ändern. Manche sind schüchterner als andere. Für einen Orchestermusiker ist es aber wichtig, wie er sich im Team verhält. Darauf achten wir auch. Die einen ziehen sich zurück, wenn sie ein Problem mit der Musik haben, das sie lösen wollen. Andere sagen eher: Lasst es uns zusammen versuchen! Und darum geht es schließlich: zusammen Musik zu machen.

Das Mahler Chamber Orchestra besteht aus 45 festen Musikern, die jeweils von 180 Konzerten im Jah mindestens 60 Prozent mitspielen. Für die einzelnen Konzerte engagiert das Orchester zudem Gastmusiker.

Paco Varoch ist seit elf Jahren regelmäßiger Gastmusiker im MCO. Außerdem spielt er bei Les Dissonances mit David Grimmal, Music Aeterna mit Teodor Currentzis, Camerata Bern und weiteren. Als Solist ist er mit vielen weiteren Orchestern aufgetreten, und als Direktor vom Ensemble La Remembranca kombiniert er Werke von Vivaldi mit modernen Kompositionen.

Das Konzert am Freitag (17. 11.) um 20 Uhr umfasst neben Bergs Violinkonzert auch Gustav Mahlers erste Sinfonie D-Dur „Titan“.

Karten kosten 35 bis 88 Euro, erhältlich im Konzerthaus, Brückstraße 21, Tel. 22 69 62 00 und auf www.konzerthaus-dortmund.de

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