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Frieden nicht selbstverständlich

Lehrer aus Lünen unterrichtete in Afghanistan

LÜNEN Die Eindrücke sind noch frisch: Zwei Wochen lang trainierte der Lüner Tobias Kirschbaum in Kabul afghanische Physiklehrer. Er berichtet gerne von seinen Erfahrungen dort: „Ich glaube, das Erzählen ist Teil meines Jobs. Hier ist ein sehr einseitiges Bild dieses Landes verbreitet.“

Lehrer aus Lünen unterrichtete in Afghanistan

Tobias Kirschbaum und Dolmetscher Faiz beim Teacher Training.

Normalerweise arbeitet er in Lünen und Selm als Lehrercoach. Für ein Aufbauprojekt der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) verlegte er seinen Arbeitsplatz in diesem Jahr dreimal an den Hindukusch. Der Anstoß dazu kam von einer ehemaligen Schülerin und Mitarbeiterin der GIZ, die sich an Kirschbaums Physikunterricht erinnerte, seine Empathie und seine Fähigkeit, zuzuhören.

Viele Lehrer haben nicht genug Erfahrungen für Experimente

Als Physik- und Englischlehrer sowie Lehrercoach mit einer interkulturellen Zusatzqualifizierung war er der perfekte Kandidat. „Ich hatte das Gefühl: Das ist jetzt meine Aufgabe.“

Drei Schulen in der afghanischen Hauptstadt sollen zu Modellschulen ausgebaut werden. „Ich bin überzeugt, dass Wiederaufbau nur durch ein gut funktionierendes Bildungs- und Schulsystem möglich ist“, sagt Kirschbaum. In Afghanistan herrsche akuter Lehrermangel. Er arbeitete mit einem Team aus zwölf Lehrerinnen und drei Lehrern der Amani High School. Der Dolmetscher Faiz, der Juniorprofessor für Physik an der Universität von Kabul ist, übersetzte zwischen Dari und Deutsch. „Es gibt hier Lehrer, die seit den 70er Jahren arbeiten, und ganz neue. In den 25 Jahren dazwischen wurden fast gar keine Lehrer ausgebildet“, erklärt Kirschbaum.

„Man lernt hier aus dem Buch auswendig und dann wird abgefragt. Viele der Lehrer würden mit den Schülern gerne Experimente machen, aber sie haben keine Erfahrung damit. Da setzen wir an.“

Nach der Basisleistung sind langfristige Ansprechpartner gefragt

Die Amani High School wurde von Deutschen gegründet – sie trägt noch immer den Namen „Oberrealschule“ am Eingangsschild. „Was wir hier in sechs Wochen leisten ist natürlich nur eine Basisqualifikation“, sagt der Lüner. „Die Leute bräuchten danach langfristig einen Ansprechpartner vor Ort. Sie beginnen schon, sich untereinander zu vernetzen.“

Vor Antritt des Jobs hatte Kirschbaum sich zwar ein Konzept überlegt, dies aber bewusst offen gehalten, um auf die Bedürfnisse er Teilnehmer eingehen zu können. Er las sich auch in Literatur über das Land ein. Immer wieder taucht die Sicherheitsfrage auf. „Die Hauptgefahr für Zivilisten wie mich ist nicht die Taliban.“ Diese verübe in der Regel keine Anschläge auf Entwicklungshelfer oder Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Privatpersonen seien eher von Entführungen mit dem Ziel einer Lösegeldforderung betroffen. Erst am 20. Mai wurde eine deutsche Mitarbeiterin einer schwedischen NGO in Kabul getötet. Wie alle Mitglieder der GIZ bewegte Tobias Kirschbaum sich in Afghanistan unter extremen Sicherheitsvorkehrungen. „Es herrschte eine absolute ‚no-walking-policy‘: Wir waren in speziell gesicherten Autos unterwegs vom Hotel zur Schule und anderen sicheren Gebäuden. Es ist irritierend, wie schnell man sich an den Anblick von Maschinengewehren und Panzern gewöhnt. In der Stadt gibt es immer wieder Checkpoints – ob man die passieren darf, hängt dann zum Beispiel von der Farbe des Autokennzeichens ab.“

Afghanistan ist kein sicheres Land, sagt der Lehrer

Das Alltagsleben auf der Straße sah Kirschbaum nur durch die Autofenster. Er konnte nicht selbst in einen Laden gehen, um etwas zu kaufen, sondern musste Afghanen bitten, dies für ihn zu tun. „Viele Organisationen erhöhen momentan die Sicherheitsvorkehrungen“, erzählt er. Sein Eindruck, auch im Hinblick auf die aktuelle Abschiebungswelle nach Afghanistan: „Dies ist kein sicheres Land!“ Dennoch habe ihn überrascht, wie normal das Leben der Menschen dort ablief.

Immer wieder sei ihm aufgefallen, dass Respekt ein Schlüssel im Miteinander mit den Afghanen war. „Man muss einfach annehmend zuhören. Ich glaube, viele Menschen hier haben eine Art Trauma, von der Welt als Terroristen wahrgenommen zu werden. Aber 98 Prozent der Menschen dort wollen einfach ein friedliches, sicheres Leben für sich und ihre Familien.“ Tobias Kirschbaum ist selbst Vater von vier Kindern. „Meine Familie hat mir den Rücken freigehalten. Meine Frau hat gesagt: Eigentlich musst du das machen.“

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit - die Bilder bleiben hängen

Um Familie, Freunden und Bekannte zu Hause an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen, schrieb er jeden Tag auf seinem Blog „Just a World Apart“ (Nur eine Welt entfernt). Dort steht auch, wie präsent die Bilder aus Afghanistan für ihn noch sind, ob sie bei Nachrichten von neuen Gewalttaten wieder auftauchen oder beim Besuch eines Balletts, das die aktuellen Flüchtlingsströme thematisiert.

Einer der letzten Einträge lautet: „Frieden ist für wahr alles andere als selbstverständlich.“ Im September und im November geht es wieder für je zwei Wochen nach Kabul. Dann stehen zwei weitere Trainingseinheiten an. Die Lehrer der Amani High School warten schon.

BERLIN Nach dem schweren Terroranschlag in Kabul sollen Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt werden. Auf diese vorläufige Regelung haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am Donnerstag in Berlin verständigt.mehr...

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