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Initiative „Dein Sternenkind“

Wenn Fotos die Erinnerung an Sternenkinder bewahren

Schwerte „Es geht darum, den Eltern Erinnerungen an ihr Kind zu schenken“, sagt Oliver Felchner. Der Fotograf macht Bilder von Sternenkindern – also Kindern, die während der Schwangerschaft, bei oder kurz nach der Geburt sterben. Welche Bilder sich Eltern in dieser Situation wünschen, erklärt er im Interview über ein hochemotionales Ehrenamt.

Wenn Fotos die Erinnerung an Sternenkinder bewahren

Oft halten die Fotografen von „Dein Sternenkind“ fest, wie sich Eltern von ihren Sternenkindern verabschieden. Detailaufnahmen von Berührungen sollen die Erinnerung wach halten. Foto: www.dein-sternenkind.org

Eltern, die bereits ein totes Baby zur Welt bringen mussten oder denen der Tod eines Neugeborenen bevorsteht – ihnen will die ehrenamtliche Initiative „Dein Sternenkind“ helfen. Wenn sich Eltern an die Initiative wenden, machen Fotografen wie Oliver Felchner (38) aus Garenfeld Fotos, die helfen sollen, Trauer zu verarbeiten und Erinnerungen festzuhalten.

Ostern 2016 sind Sie das erste Mal als Fotograf zu einem Sternenkind gefahren. Erzählen Sie mir doch bitte von diesem Einsatz.

Ich wusste im Vorfeld, dass das Kind die Entwicklungsstörung Trisomie 18 hat, dass es also nach der Geburt ein wenig anders aussehen wird, als andere Kinder (Anm. der Redaktion: Kinder mit Trisomie 18 sind meist stark untergewichtig, es kommt zu Fehlbildungen). Ich hatte im Vorfeld bereits guten Kontakt zu den Eltern aufgebaut, wusste, dass sie noch in einer Spezialklinik Rat einholen wollten, ob sie das Baby austragen oder die Schwangerschaft abbrechen. Dann hat ihnen das Kind die Entscheidung abgenommen. Nachts um eins kam der Anruf, dass das Kind unterwegs ist, da bin ich nach Lüdenscheid gefahren. Es ist in der 16 Schwangerschaftswoche tot zur Welt gekommen.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als sie vor Ort ankamen?

Dieser erste Einsatz war komplett außerhalb der Norm. Die Mama war noch zur Ausschabung im OP, der Papa war Zuhause, weil das Paar noch weitere Kinder hatte, die betreut werden mussten. Ich war also mit dem kleinen Würmchen im Kreißsaal alleine. Ich habe natürlich erst mal geschluckt… und dann meine Kamera genommen und versucht liebevolle Details von dem Kind aufzunehmen. Die kleinen Händchen, die Öhrchen, wirklich so winzig, dass man ein Makroobjektiv brauchte. Je größer die Kinder sind, umso mehr kann man machen, zum Beispiel Stofftiere mit ins Bild nehmen. Wenn die Eltern dabei sind und aufs Foto wollen, kann man dort liebevolle Aufnahmen machen, auch mit den Geschwistern. Aber in diesem Fall war das kleine Würmchen wirklich nur eine Handvoll Kind.

Wie verkraftet man das emotional?

Die Kamera ist eine Art Schutzmauer zwischen uns Fotografen und dem Kind. Aber natürlich kommen die Emotionen irgendwann durch, bei manchen auch während des Einsatzes – dessen muss man sich nicht schämen. Wichtig ist, dass man im Nachhinein darüber reden kann, in einem gefestigten familiären Umfeld. Anders könnte man dieses Ehrenamt nicht machen.

War dieser Einsatz ein Beispiel für den Normalfall? Kennen Sie im Vorfeld immer die Geschichte des Kindes?

Nein. Wenn man eine längere Vorlaufzeit hat, also drei Monate vorher eine Nachricht von den Eltern bekommt „Wir erwarten ein Sternenkind“, sie also wissen, dass ihr Baby nicht lebensfähig sein wird, dann kann man Tuchfühlung aufnehmen. Wenn aber eine Anfrage kommt, das Kind ist unerwartet bei der Geburt gestorben, dann packt man direkt seine Sachen und fährt los. Dann kennt man vielleicht die Schwangerschaftswoche. Es gibt auch Einsätze, wo das Kind schon am Tag vorher gestorben ist und wir erst einen Tag später Bescheid bekommen, da müssen wir noch schneller reagieren. Denn je kleiner die Würmchen sind, umso schneller verändern sie sich.

Was für Fotos wünschen sich Eltern von ihren Sternenkindern?

Es ist kein Fotoshooting, wie man es sonst kennt. Wir bauen keine Scheinwerfer, kein Setting auf. Wir arbeiten mit dem Licht, das vorhanden ist, wir wollen so wenig wie möglich stören. In der Regel machen wir Detailaufnahmen von den Kindern, halten den liebevollen Umgang mit den Kindern fest. Fotos, die man sich auch hinstellen kann. Eine kleine Kinderhand, die einen Teddybären umgreift, oder die kleinen Finger, die auf den Fingern der Eltern liegen. Also auch Berührungen, die sich die Eltern später in Erinnerung rufen können. Es geht darum, den Eltern Erinnerungen an ihr Kind zu schenken.

Wenn Fotos die Erinnerung an Sternenkinder bewahren

Wo werden die Aufnahmen gemacht?

Überwiegend im Krankenhaus im Kreißsaal. Nicht ganz so schön: Es gibt auch Shootings in der Pathologie. Wenn das Kind einmal dort hingebracht wurde, darf es nicht mehr zurück in den Kreißsaal, dann müssen die Fotos in der Pathologie gemacht werden. Manchmal wird das Kind auch auf das Zimmer der Mutter gebracht. Es gibt auch Termine bei Bestattern, oder bei den Eltern zuhause. Im Prinzip fotografieren wir aber immer Liebe. Man versucht, das ganze Drumherum auszublenden, spielt in den Fotos viel mit der Schärfe, versucht, technische Apparaturen in den Fotos auszublenden. Den Fokus wirklich so zu legen, dass man nur das kleine Menschlein sieht, nicht die Technik, die da vielleicht noch drumherum steht.

Ich vermute, jeder Einsatz ist anders?

Ja, mein erster Einsatz, das Kind in der 16. Schwangerschaftswoche, das kam schon tot zur Welt. Bei meinem zweiten Einsatz war das Kind eineinhalb Jahre alt. Es hatte einen Gendefekt, hat mehr oder weniger sein ganzes Leben im Krankenhaus verbracht. Das Shooting fand dann auf der Kinderstation statt.

Es gibt aber auch Dinge, die sich wiederholen?

Es ist immer sehr emotional. Man steht auf der Entbindungsstation und hört aus einem Zimmer ein Kind schreien. Und man weiß, man muss jetzt in ein Zimmer, wo das Kind nicht schreit. Das ist schon bedrückend. Man kriegt vieles mit, man sieht, wie Krankenschwestern traurig sind, manche auch weinen, manchmal wird man als Fotograf auch abgekanzelt. Bei den Eltern erleben wir immer eine unheimlich große Dankbarkeit. Weil wir ja wirklich etwas von Herzen schenken. Und unsere Fotos sind einige der ganz wenigen Erinnerungen, die sie von ihren Kindern später noch haben. Die meisten haben ein Ultraschallbild – und dann eben unsere Fotos.

Ist das ein stilles Arbeiten?

Es kann still sein, es kann aber auch tumultartig sein. Im Normalfall ist es sehr ruhig, sehr emotional. Im Kölner Raum gab es das schon mal, dass der Kollege eine FC-Köln-Party miterlebt hat. Man ist eben auf der normalen Geburtsstation. Wenn im Nachbarzimmer oder auf dem Flur die große Freude ausbricht, kriegt man das mit. Es gibt auch Eltern, die während des Shootings mit dem Fotografen sprechen wollen, über ihr Kind, die Schwangerschaft. Das entscheidet dann jeder Kollege für sich, ob er sich darauf einlässt, oder nicht. Wir sind wirklich nur Fotografen, keine Seelsorger. Aber wir wollen alle helfen, deshalb machen wir das ja.

Wenn Fotos die Erinnerung an Sternenkinder bewahren

Oliver Felchner engagiert sich ehrenamtlich für die Initiative Dein Sternenkind. Zuhause bearbeitet er eine Auswahl der Fotos, meist in schwarz-weiß, nach und stellt sie den Eltern dann kostenlos zur Verfügung. Foto: Jessica Will

Wie geht man nach dem Einsatz mit dem Erlebten um?

Mit dem Gefühl etwas Gutes getan zu haben. Das überwiegt. Natürlich kommt auch Trauer durch. Das ist eine Mischung, von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei meinem ersten Einsatz in Lüdenscheid durfte ich, nachdem ich das Kind fotografiert hatte, auf die Aufwachstation, wo die Mütter nach der Narkose langsam zu sich kommen. Da schwappte ein Gefühl der Dankbarkeit rüber, das habe ich mit nach Hause genommen. Ich habe zwar noch eine ganze Weile wach im Bett gelegen, aber die Dankbarkeit hat überwogen. Beim zweiten Einsatz war es auch Dankbarkeit, man hat gewusst, man hat etwas Tolles für die Eltern getan. Aber da war auch dieser Kloß im Hals.

Warum haben sie sich für dieses außergewöhnliche Ehrenamt entschieden?

Ich komme ursprünglich aus der Freiwilligen Feuerwehr. Hab das mit 12 Jahren angefangen, musste dann jetzt aufhören, weil ich es zeitlich nicht mehr geschafft habe. Durch alte Bekannte bin ich dann mit Dein Sternenkind in Berührung gekommen. Im Freundeskreis gab es einen Fall, ein Sternenkind, das plötzlich während der Geburt gestorben ist. Und ich habe später mitbekommen, dass die Mutter selbst Handyfotos gemacht hatte. Und an diesen Fotos hat sie sich festgehalten. Das ist bei mir hängen geblieben. Die Entscheidung, selber für Dein Sternenkind aktiv zu werden, ist bei mir dreieinhalb Jahre gereift, ich habe mich eingelesen. Und dann kam die Entscheidung, ich möchte mich wieder für die Allgemeinheit engagieren.

Hat das Ehrenamt Ihre Sicht auf die Welt verändert?

Ja. Bei jedem Elternpaar, das ich mit Kindern sehe, denke ich, dass die sehr glücklich und stolz sein können. Das sind Familien, wo es geklappt hat. Man sieht vieles nicht mehr als selbstverständlich an. Man erkennt, wie viele Kinder es nicht schaffen. Wir freuen uns über jedes Kind, das den Schritt ins Leben schafft. Wir freuen uns tierisch, wenn wir mitbekommen: Ein Sternenkind lebt nach einem Monat immer noch und wird überleben. Das kommt auch vor. Das ist wirklich etwas ganz besonders: Ein Sternenkind hat es geschafft. Das gibt so viel Auftrieb, so viel Kraft.

Die Initiative „Dein Sternenkind“

Die ehrenamtliche Fotografen-Initiative „Dein Sternenkind“ bietet Eltern von Sternenkindern professionelle Erinnerungsbilder als kostenloses Geschenk an.

Dafür engagieren sich über 600 Fotografen.

Eltern, die ein totes Kind zur Welt gebracht haben, oder denen die Geburt eines Sternenkindes bevorsteht, können über die Internetseite Kontakt aufnehmen – auch kurzfristig. Ebenso können sich Krankenhäuser bei Bedarf darüber melden.

Der Eingang der Online-Anfragen wird rund um die Uhr betreut. Die Initiative koordiniert, welcher Fotograf den Einsatz übernimmt. Er nimmt direkt Kontakt zu den Eltern auf und fährt, wenn nötig, sofort los. Nach dem Einsatz bearbeitet er die Fotos und stellt sie den Eltern kostenfrei zur Verfügung. www.dein-sternenkind.org

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