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Fußball

Die Schamlosen: Fußball, Freundschaft und Fassbier

NORDKIRCHEN „Die Schamlosen“ sind der FC Bayern bei den Dorfmeisterschaften in Nordkirchen. Schon sechs Mal haben sie das Hobbyturnier gewonnen. Sie dominieren, sind Favorit. Doch woher kommt diese Vormachtstellung? Unser Autor hat die Mannschaft einen Nachmittag begleitet – und war am Ende vor allem vom Bierkonsum beeindruckt.

Die Schamlosen: Fußball, Freundschaft und Fassbier

Knapp 1500 Kaltgetränke vernichten „Die Schamlosen“ während der Dorfmeisterschaft – dafür zahlt jeder extra 50 Euro pro Tag in eine gemeinsame Teamkasse. „Die Schamlosen“ haben schon sechsmal die Dorfmeisterschaft gewonnen.

Marvin spielte früher in der Westfalenliga, heute ist er nicht mehr aktiv. „Es fing mit dem Alkohol und den Frauen an. Dann kamen die Autos dazu, bei mir war es ein VW Polo. Ich fühlte mich ein bisschen wie die englische Fußball-Legende George Best“, sagt er im Scherz. „Aber dann kamen auch noch ‚Die Schamlosen‘ und die Nordkirchener Dorfmeisterschaft, da habe ich meine Karriere komplett an den Nagel gehängt und mich nur noch auf meine Kumpels konzentriert“, sagt er.

Mittlerweile hat er mit seinem Team sechsmal „Die Dorf“ gewonnen, „Marvin will immer wie Messi sein. Aber der hat einen Körper wie Cristiano Ronaldo“, erklärt sein Bruder Kevin, der in der Vorrunde am Donnerstag als Torwart nicht einen einzigen Ball reingelassen hat.

Sonne, Musik, und jede Menge Bier

Wirklich ernsthaft an Fußball denkt hier aber keiner. Die Stimmung ist gelöst. Die Sonne brennt, aus der Musikbox knallt 90er-Jahre-Musik, es riecht nach Sonnencreme und jeder Satz endet in Gelächter. Auch, weil das Bier in Strömen fließt. 30 Becher Pils á 0,2 Liter wird pro Runde geholt – im eigens angefertigten Bierhalter. Kleine Perlen bilden sich auf den kalten Hartplastikbechern. „Trink aus, bevor der Mist warm wird“, schreit einer. „Alles unter zehn Grad reicht mir noch“, erwidert ein anderer.

Den Bierhalter hat Kevin selbst gebaut, er ist Tischler. „Letztes Jahr habe ich auch schon einen gebaut, aber da gab es einen Anschiss von den anderen, da passten nämlich nur 15 Stück rein“, sagt Kevin. Da war zu wenig für die durstigen „Schamlosen“. „Wir mussten damals viel zu oft laufen, jetzt geht es besser“, sagt er und tauscht den leeren Becher gegen einen vollen aus.

Hervorragende Stimmung

Wie genau der Name zustande kam, wollen die Jungs nicht so recht verraten. „Wir haben früher halt so Sachen gemacht, die vielleicht rechtlich nicht einwandfrei waren – Jugendstreiche, kennt man doch. Wir waren eben schamlos – daher der Name“, erklärt Simon, den einige zuvor als Kapitän bezeichneten. Simon macht die Sonne am meisten zu schaffen. Alle zehn Minuten schmiert er sich dick mit Sonnenmilch ein, die Tube müsste eigentlich längst leer sein. Das ständige Einschmieren hilft nicht wirklich. „Alter, deine Glatze pellt sich schon. Setz‘ mal lieber die Mütze wieder auf“, ruft ein Teamkamerad ihm zu. Die Stimmung ist hervorragend. Kein Wunder, haben die Schamlosen bisher doch wieder alle Spiele gewonnen.

Stehen „Die Schamlosen“ ihren Gegnern auf dem Feld gegenüber, pushen sie sich gegenseitig hoch: „Scham-los! Scham-los! Scham-Los!“ – ein Schlachtruf, den auch die Gegner inzwischen fürchten müssten. „Früher wollten die Leute immer, dass ein heimisches Team gewinnt. Jetzt haben wir sechs Sterne auf der Brust und plötzlich sind alle gegen uns. Das ist der Neid“, erklären „Die Schamlosen“ grinsend.

Die Besten auf dem Platz und an der Theke

Aber warum sind die Amateurfußballer unter den Amateurfußballern so stark? „Im Dorf gibt es den Mythos, dass wir als einzige Mannschaft hier nüchtern bleiben“, erklärt Max. Der BWL-Student hat sein Auslandssemester in Singapur extra so gelegt, dass es kurz vor der Dorfmeisterschaft endet und er pünktlich „nach Hause“ kommt. „Aber ganz ehrlich: Wir sind auch an der Theke einfach die Besten. Da macht uns keiner etwas vor“, sagt er.

Sein Teamkollege Philipp springt ihm zur Seite: „Guck mal, letztes Jahr war einer von uns so voll, der hat seinen Schuh auf dem Weg nach Hause verloren. Meine Mutter hat den am nächsten Tag mitten im Dorf gefunden.“ Mythos zerschlagen, „Die Schamlosen“ müssen einen anderen Vorteil gegenüber den anderen Teams haben.

Die Truppe macht ihr Zusammenhalt aus. 2006 haben sie das erste Mal bei der Dorfmeisterschaft teilgenommen, seitdem jedes Jahr. Es ist eine Sucht. „Das ist unser Event, unser Dorf, hier treffen wir uns jedes wieder“, sagt Jan, der eine Ausbildung zum Polizisten macht. „Der Feiertag passt ganz gut, wir haben auch noch Brückentag und ich kann hier vier Tage Vollgas geben“, sagt er. Er kenne seine Freunde schon teilweise seit dem Kindergarten.

Langjährige Freunde

Der Rest hat sich auf der Schule kennengelernt. „Wir sind alle um die Mitte 20 und sind zusammen zur Schule gegangen“, ergänzt Simon, der dabei seinen Oberarm erneut mit Sonnenmilch einreibt. „Wir sind halt Hobbykicker und spielen auch in der Freizeit mal zusammen. Das ist unser Vorteil – wir kennen uns“, sagt er.

Nur zwei Spieler der Mannschaft spielen wirklich noch aktiv im Verein. Thomas mit der Null auf dem Rücken und Tim mit der Doppel-Null auf dem Rücken. Letzterer muss plötzlich mitten im Spiel runter, eine alte Verletzung am Fuß macht sich bemerkbar. In der Bundesliga käme jetzt ein Schwarm Sanitäter angerannt, auf der Dorfmeisterschaft geht Tim einfach zum Bierhalter, greift sich ein Pils, dessen Schaumkrone den Zenit deutlich überschritten hat, trinkt einen Schluck und steht im nächsten Spiel wieder auf dem Platz. Denn auch das sind „Die Schamlosen“: Feierwütig, leidenschaftlich, stolz.

Schamlos, aber nicht käuflich

Plötzlich Aufruhr vor dem letzten Spiel. „Leute, hört mal zu. Die Mannschaft ‚Niemand‘ hat uns ein unmoralisches Angebot unterbreitet“, unterbricht Thomas sämtliche Gespräche, die sich mittlerweile um Tuchel und den BVB drehen. Bestechungsversuch auf der Dorfmeisterschaft. „Also, Jungs, ‚Niemand‘ bietet uns 90 Gläser Bier, damit wir die gewinnen lassen“, erklärt Thomas seinen Mitspielern. Die schütteln aber nur mit dem Kopf und fangen an zu scherzen. „Wir haben keinen Preis. Bei uns wird Ethik noch großgeschrieben“, sagt Max.

Außerdem können sich „Die Schamlosen“ selbst genug Bier holen. Jeden Tag zahlt nämlich jeder 50 Euro in eine Kasse für die Getränke – das reicht bis tief in die Nacht, vielleicht sogar noch bis zum nächsten Morgen. „Ich schreibe morgen eine Spanisch-Klausur. Gib mir mal ein volles Glas“, sagt Ronaldo-Marvin, dreht sich um und feiert weiter mit seinen Freunden, die er zu Geburtstagen, an Weihnachten, an Silvester – und bei der Dorfmeisterschaft in Nordkirchen – immer um sich hat.

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