Interview: Peter Maffay spricht über Bushido, Helmut Schmidt und die Rente

MÜNSTER Seit über 40 Jahren steht Rockmusiker Peter Maffay auf der Bühne, 15 seiner Alben erreichten Platz 1 der Charts. Am 21. Juni spielt er auf dem Schlossplatz in Münster. Im Interview spricht er über Bushido, Helmut Schmidt, Aufrüstung, menschliches Miteinander und die Rente. Am 30. August wird Maffay 64 Jahre alt.

  • Peter Maffay wird am 21. Juni auf dem Schlossplatz spielen, Laith Al-Deen begleitet ihn.

    Peter Maffay wird am 21. Juni auf dem Schlossplatz spielen, Laith Al-Deen begleitet ihn. Foto: Edda Klepp

Herr Maffay, denken Sie an die Rente?
(lacht) Im Rock’n’Roll gibt es diesen Begriff nicht. Die Gesellschaft sagt nicht: „Du musst jetzt raus und jemand anderem Platz machen und du kriegst jetzt deine Rente und verziehst dich hintern Ofen.“ Das ist ohnehin eine brutale Situation für jeden, der Wissen, Erfahrung und Weisheit gesammelt hat, und dann irgendwie, nur weil es Gesetze gibt, aufs Abstellgleis geht. Bei uns ist es anders. 
    
 ir leben in einem Beruf, in dem man sehr oft – und das ist nicht immer angenehm – gefallen muss. Das ist ein Diktat, mit dem nicht jeder klarkommt. Wir werden eigentlich bei jedem Auftritt auf den Prüfstand gestellt. Für mich geht das solange gut, wie ich meinen Popo in einem gewissen Tempo über die Bühne bewegen kann und dazu keinen Krückstock brauche.

Also gar nicht erwachsen zu werden in gewisser Weise?
Wozu auch? Es bringt ja nichts. Abgesehen davon, dass wir das gar nicht schaffen. Also ich nicht.

Sie haben vor anderthalb Jahren bei der Bambi-Verleihung die Laudatio gehalten auf Bushido, weil er sich zunächst distanziert hatte von den gewaltverherrlichenden Inhalten seiner Lieder. Einen Monat danach haben Sie sich von ihm distanziert, weil er keine weiteren Konsequenzen folgen ließ. War das Ganze im Nachhinein betrachtet ein Fehler?
Nein. Nur weil das nicht geklappt hat, war es kein Fehler. Es hätte genauso gut klappen können, und dann wäre er als Protagonist und Multiplikator der lebendige Beweis dafür gewesen, dass man sich auch ändern kann. Es hat zwar in meinem Umfeld eine ganze Reihe von Heuchlern gegeben, die gesagt haben: „Wie kannst du nur so was machen?“ Aber dazu habe ich immer gesagt, wenn man nicht miteinander redet und nur miteinander schweigt, sich nicht wahrnimmt und nicht irgendwie eine Chance auch tatsächlich stattfinden lässt, dann wird es keine Entwicklung geben. Man muss Farbe bekennen.

Heißt: Peter Maffay steht für den Dialog und lässt Konsequenzen folgen, wenn alles andere keinen Erfolg hat?
Alles andere hat doch keinen Sinn. Wenn wir Franz Josef Strauß gefolgt wären, dann hätten wir wahrscheinlich irgendwann mal mit der anderen Seite Krieg geführt. Dass die Mauer gefallen ist, ohne dass es zur Eskalation gekommen ist, ist eine Folge von Dialog. Ich glaube einfach daran. Es ist der einzige Weg. Alles andere ist ja mehrfach bewiesen ins Leere gelaufen oder hat noch mehr Schmerzen und schreckliche Folgen erzeugt.

Sie sollen mal gesagt haben, in diese Welt könne man guten Gewissens keine Kinder setzen. Haben Sie das gesagt?
Hab ich.

Und was hat sich verändert? Denn offenkundig haben Sie es getan.
Das ist jetzt ungefähr so wie die Bushido-Nummer. Man muss sehen, in welchem Zusammenhang ich das gesagt habe. Mal ganz abgesehen davon, dass das, was nachher daraus gemacht wurde, eine völlige Entgleisung war. Ich saß mit meiner damaligen Frau am Frühstückstisch und konnte die Äußerungen und Kommentare von irgendwelchen Gehirnamputierten im Radio hören.

Darf ich das zitieren?
Können Sie gerne. Da gab es einen Pfarrer, der mich damals wirklich vors Gericht zerren wollte. Es war ja so: Die Leute, die sich so geäußert haben, haben den Zusammenhang nicht verstanden, in dem das gesagt wurde. Es gab damals diese grässliche, für alle äußerst bedrohliche Aufrüstung, die natürlich von einer Seite, die sie wollte, permanent verharmlost wurde. Und die von einer anderen Seite, die von Tag zu Tag wuchs, als Teufelszeug verdammt wurde. Dieser wachsende Teil der Bevölkerung war durchaus in der Lage, sich die Folgen einer solchen Aufrüstung zu verdeutlichen. Heute, 20 oder 30 Jahre später, wissen wir, was damals alles geplant war. Und wir wissen, dass wir einer Eskalation um Haaresbreite entgangen sind. Ein falscher Druck auf einen berühmten roten Knopf und ab wäre es gegangen. Kinder in eine Welt zu setzen, in der Erwachsene den Kindern die Lebensperspektive aufgrund solcher Bedrohungspotentiale kaputt machen – das stand hinter dieser Aussage.

Also ein Statement, das die äußeren Umstände beschreibt und weniger die innere Haltung.
Natürlich. Sonst würde ich jetzt nicht einen zehn Jahre alten süßen kleinen Bengel haben, der mein absolutes Lebenszentrum ist. Wir hatten einfach Schiss wie Millionen anderer Menschen.

Am 21. Juni kommen Sie nach Münster. Was erwartet uns dort?
Ich hoffe, gutes Wetter.

Ist notiert. Auch Laith Al-Deen wird mit dabei sein.
Das hat sich, während wir im letzten Jahr mit Tabaluga unterwegs waren, als eine sehr sympathische Verbindung herausgestellt. Das ist ein toller Sänger, ein guter Musiker, ein sehr angenehmer Mensch. Ich glaube, da werden wir viel Spaß haben. Wir haben unseren Rückblick über die ersten 40 Jahre unserer Laufbahn abgeschlossen mit „Tattoos“. Das ist erledigt und das brauchen wir nicht noch einmal zu spielen. Wir haben Tabaluga – im positiven Sinne – auch erledigt (lacht). Und jetzt bleibt nichts mehr übrig als die Zukunft. Und das ist Rock’n’Roll. Das heißt, wir versuchen, den Großteil des Programms aus Songs zu gestalten, die wir zugunsten irgendwelcher Gassenhauer, die die Leute immer gerne hören wollten, nicht gespielt haben.

Vor kurzem ist Ihr Buch „Der 9. Ton“ erschienen. Angekündigt wurde es als Autobiografie. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, es ist zwar autobiografisch motiviert, aber es ist vor allem ein Plädoyer für einen menschlichen Umgang miteinander.
Ich habe gesagt, wir brauchen dieses Buch nicht. Dann kam der Verlag und sagte: „Doch.“ Es ist ein Standpunkt, den ich beziehe, abgeleitet aus einem Spaß, den ich mir manchmal erlaube, wenn ich mit Musikern rede. Wie viele Töne hat die Tonleiter? Jeder kundige Mensch sagt: acht. Und ich sag: Nein, das geht nicht mit acht. Es muss ein Neunter her. Daraus entwickelt sich ein kleiner Disput. Und dann kommt man an des Pudels Kern und erklärt, was der neunte Ton ist. Das habe ich irgendwann mal übertragen auf vieles, was wir machen im täglichen Umgang miteinander. Im Buch steht auch ganz deutlich drin, dass ich den neunten Ton auch noch nicht beherrsche.

Erklärt wird es am Schluss.
Den Schluss hab ich selber geschrieben, weil mir das dann doch zu persönlich war. Das letzte Kapitel ist also von mir. Den Rest, den haben wir erarbeitet durch Gespräche. Ein Freund von mir hat das dann geschrieben. Insofern ist die Feststellung absolut korrekt: Das ist keine Autobiografie. Da sind Elemente drin, die herhalten, diesen neunten Ton in irgendeiner Form zu belegen. Es geht wirklich darum, wie geht man miteinander um, um in einem harmonischen Dialog zu sein.

Wie würden Sie das auf den Punkt bringen?
Wenn wahres Interesse da ist an jemandem, nicht vorgeschützt, dann ist wahrscheinlich die beste Voraussetzung dafür gegeben, dass man sich auf gleicher Augenhöhe begegnet. Wenn ich ein Interesse an jemandem habe, dann bemühe ich mich um ihn. Wenn ich mich um ihn bemühe, dann überlege ich mir, was ich tue, um ihm Platz zu lassen, sich zu entfalten. Auch um etwas von ihm zu lernen, denn das ist ja wahrscheinlich der Anlass. Wir haben neulich eine extrem interessante Begegnung gehabt. Helmut Schmidt hat mir, Laith Al- Deen und dem Team eine halbe Stunde geschenkt. Er hat gesagt: „Rauchen Sie?“ Ich sagte: „Nicht mehr.“ Und dann haben wir uns zwei Stunden unterhalten. Die Zeit ist verflogen wie nichts. Er saß uns gegenüber in einer unfassbaren Geduld. Charmant und lustig im hohen Alter. Er hat sich Mühe gegeben, auf uns einzugehen. Ich kenne kaum Begegnungen dieser Art. Vielleicht ein, zwei in meinem Leben. Wenn man 94 ist, ist Zeit extrem kostbar. Und sie dann in dieser Form einfach zu verschenken, ist allein schon eine Geste. Das betrachte ich als neunten Ton.
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    6. Juni 2013, 20:02 Uhr
    Aktualisiert:
    28. Februar 2014, 12:07 Uhr
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