Schauspiel "Das Mündel": Peter Handke redet ohne Text

OSNABRÜCK. Eine karge Bühne. 90 Minuten Schweigen. Dann geht das Licht aus und alles ist vorbei. Kann das Theater sein? Es kann! Das 1969 von Peter Handke geschriebene Stück „Das Mündel will Vormund sein“ kommt zwar ohne Worte aus, aber nicht ohne Text.

  • Das Mündel (Dominik Lindhorst) will aus seiner angestammten Rolle heraus.

    Das Mündel (Dominik Lindhorst) will aus seiner angestammten Rolle heraus. Foto: Theater Osnabrück

Auf mehreren Schreibmaschinenseiten hat das Enfant terrible der deutschsprachigen Literatur den Darstellern in seinem Stück lediglich Regieanweisungen vorgegeben, aber keinen einzigen Dialog.

Und so sitzt nun Dominik Lindhorst in einem grünen Overall und mit rotem Cap auf dem Kopf als Mündel im Osnabrücker Emma-Theater auf einem Stuhl und isst einen Apfel nach dem anderen. Dann schieben er und Jan Schreiber, der den Vormund spielt, gemeinsam die Rückwand des Bühnenzimmers nach hinten und malen mit Kreide einen Durchgang darauf. Der wird für die Dauer des Stücks immer wieder ein Garant für Lacher sein. Denn die Schauspieler scheitern ständig am Durchschreiten der Tür.

Präziser Slapstick

Was nach verbrauchtem Slapstick klingt, ist jedoch dermaßen präzise gespielt und konsequent genutzt, dass die Szene nie langweilig wird. Und so verfolgen die Zuschauer ein stilles, aber fesselndes Spiel um das Mündel. Der liest seinem Vormund jeden Wunsch von den Augen ab, sammelt dessen abgeschnittene Zehennägel auf, bringt ihm die Zeitung und räumt hinter ihm auf. Doch bald wandelt sich das Verhältnis zwischen den beiden, kann der Ältere dem Jüngeren kaum noch folgen.

Auch ohne Sprache versteht man schnell, dass es hier um Abhängigkeiten geht und um die Positionsbestimmung in einer Zweierbeziehung. Regisseur Dominik Schnizer folgt dabei eng den Vorgaben Handkes und findet in den Nuancen zwischen den Anweisungen genug Raum für humorvolle Anekdoten – auch dank zweier hervorragender Darsteller.

Traurig-humorvolles Paar

Hinter jedem ihrer Blicke scheinen sich tiefgründige Gespräche zu verbergen, in jeder Geste steckt die psychologische Tiefe eines traurig humorvollen Paares.

Und so entwickelt sich das Drama mehr im Kopf des Zuschauers als auf der Bühne. Das allein ist schon eine enorme Leistung. Heiko Ostendorf
 
Weitere Aufführungen am 27.10., 6.11. und 21.11. jeweils um 19.30 Uhr im Emma-Theater. Kartentelefon (0541) 7600076.
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Autor
Heiko Ostendorf
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    25. Oktober 2010, 18:19 Uhr
    Aktualisiert:
    25. Oktober 2010, 18:28 Uhr