Theater Dortmund: Sind wir nicht alle Peer Gynt?

DORTMUND "Willkommen in unserem kleinen Theater. Legen Sie ihr Handy beiseite und ihre vorgefertigte Meinung. Sind die beiden hier denn nicht wie du und ich?" Mit dieser Bänkelsang-Moritat beginnt und endet Kay Voges' Meditation über "Peer Gynt".

  • Alle spielen Peer Gynt und viele andere.

    Alle spielen Peer Gynt und viele andere. Foto: Schaper

Salopp gefragt: Sind wir nicht alle bisschen Peer? Wer der andere "der beiden" ist, scheint nicht ganz klar. Meint es Solveig, die selbstlos Liebende, die Reine, die Gute, die ein Leben lang auf den Weltenwanderer Peer wartet?

    
Oder zielt es auf das Janusköpfige in Peer Gynt? Ein Aufschneider und Träumer, getrieben vom narzisstischen Drang nach Selbstverwirklichung und grenzenlosem Ego.

Ich-Suche

Andererseits eine verlorene Seele, die sich in der Einsamkeit ihrer Ich-Suche verrennt und ganz am Ende bei Solveig Erlösung findet, weil kein Mensch nur aus sich selbst leben kann.

Voges' Dortmunder Inszenierung (Premiere war am Samstag) ist ein Destillat von Ibsens märchenhafter Parabel. In schlanken 90 Minuten beschreibt das Stück Peer Gynt als archaisch zeitlosen Jedermann.

    
Ibsens Figur als Prototyp der selbstsüchtigen Ich-Maschinen von heute. Folgerichtig schlüpfen alle sechs Schauspieler, Männer wie Frauen, in Peers Haut.

Das Stück gefällt als poetisches, reduziertes, starkes Bilder-Theater, wenn sich auch manchmal die Form vor den Inhalt drängt. Formal ist das aber kurzweilig und gelungen. Gespielt wird in einem Wasser-Bassin (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch).

Handlung auf Schlaglichter reduziert

Körperbemalung, wie bei den "Wilden" kommt zum Einsatz, sie verstärkt das Sagenhaft-Phantasmagorische der Handlung, die Voges auf Schlaglichter eingedampft hat. Peer schmachtet für Solveig (Bettina Lieder). Peer in der Klapsmühle, wo man ihn mit Elektroschocks foltert und der Irrenarzt (gut: Uwe Rohbeck) den Exitus der Vernunft ausruft.

Wunderbar die Szene, wo es stürmt und regnet und Matrosen auf des toten Muttchens Kiste rudern. Theatermagie liegt in der Luft.

Ein-Mann-Orchester

Voges aktualisiert Peer vom Sklaven- zum Waffenhändler in der Dritten Welt. Angeberei um die "coolste" Mutter lässt er im Jargon moderner Girlie-Zicken sprechen. Verstanden: Peer Gynt ist einer von uns.

Thomas Truax als Ein-Mann-Orchester spielt atmosphärisch schöne Zwischenmusiken. Viel, viel Beifall für Darsteller und Team.

Termine: 4./18.10., 12./17.11.; Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.

 

 

Video zum Stück

 

Autor
Kai-Uwe Brinkmann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    29. September 2013, 16:00 Uhr
    Aktualisiert:
    29. September 2013, 17:46 Uhr
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

?

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar.)
Benutzername
Passwort
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschließen.
Um sich registrieren zu können, müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort und Ihre E-Mail-Adresse mitteilen.

gewünschter Benutzername

gewünschtes Passwort

Wiederholung Passwort

E-Mail

Abonummer

Ich bin damit einverstanden, künftig über Neuigkeiten informiert zu werden

Ich habe die AGB gelesen und stimme diesen zu.

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und stimme dieser zu.

Sicherheitsfrage
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10?