Fahranfänger mit 65: Wenn Oma wieder ans Steuer muss

Bonn/München (dpa/tmn) Die Situation ist ebenso tragisch wie verzwickt: Der Mann, der bis ins hohe Alter Auto fuhr, ist unerwartet gestorben. Und seine Frau, die seit 30 Jahren nicht mehr am Steuer saß, ist auf das Auto angewiesen. Wer kann beim Wiedereinstieg helfen?

  • Zurück auf dem Fahrersitz: Senioren, die seit zig Jahren nicht mehr selbst am Steuer eines Autos saßen, lassen sich beim Wiedereinstieg am besten von Profis helfen. Foto: Mascha Brichta

    Zurück auf dem Fahrersitz: Senioren, die seit zig Jahren nicht mehr selbst am Steuer eines Autos saßen, lassen sich beim Wiedereinstieg am besten von Profis helfen. Foto: Mascha Brichta Foto: dpa

Mehr als drei Viertel der über 65-Jährigen in Deutschland haben einen Führerschein, ein Drittel fährt fast täglich mit dem Auto. Was aber, wenn jemand jahrzehntelang nur auf dem Beifahrersitz saß und plötzlich wieder an Steuer muss? «Suchen Sie einen Fahrlehrer des Vertrauens und sprechen Sie auch mit dem Hausarzt, wie es gesundheitlich aussieht», empfiehlt Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR).

Der ADAC-Verkehrspsychologe Ulrich Chiellino rät, im Freundes- oder Familienkreis zu fragen, ob jemand beim Wiedereinstieg helfen möchte. Wenn Ältere sich aber durch die Anwesenheit ihrer Kinder unter Druck gesetzt fühlten oder diese nicht durch ihre Unsicherheit verängstigen wollen, sei es sinnvoll, Hilfe bei Experten zu suchen.

Neben dem Gang zum Fahrlehrer vor Ort können sich Ratsuchende zum Beispiel auch an Automobilclubs wenden. So bietet etwa der ADAC speziell für diese Gruppe einen Fahr-Fitness-Check an. Dabei komme der Fahrtrainer zu den Wiedereinsteigern, so dass diese sich im eigenen Auto oder dem der Kinder erstmals wieder hinters Steuer setzen können, statt in einem völlig fremden Fahrzeug.

Viele Fahrschulen haben sich inzwischen auf Wiedereinsteiger im Alter eingestellt und bieten neben Fahrstunden zum Beispiel auch Auffrischungskurse zu Verkehrsregeln an, berichtet Dieter Quentin von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF). Gefragt seien auch Kurse zu neuer Technik wie Fahrerassistenzsysteme.

Die Sorge, im Alter von 70 Jahren von 17-jährigen Fahrschülern umringt zu sein, zerstreut Quentin. «In den Fahrschulen sitzen nicht nur ganz junge Leute» - gerade in Großstädten werde der Führerschein von vielen erst später gemacht. Überdies nähmen Führerscheinbesitzer beim Wiedereinstieg nach langer Abstinenz selten Theoriestunden.

Wiedereinsteiger sind übrigens nicht nur Senioren: Aus seiner eigenen Fahrschule kennt Quentin auch den Fall des Anfangdreißigers, der früh den Führerschein gemacht hat, dann aber kaum fuhr, und plötzlich beruflich auf das Auto angewiesen ist.

Was aber, wenn die älteren Autolenker glauben, alles vergessen zu haben, und daher fürchten, dass sie der Fahrschulbesuch den Führerschein kosten könne? «Es gibt keine Handhabe für den Fahrlehrer zu sagen, jetzt ist der Lappen weg», betont DVR-Sprecher Rademacher. Fahrlehrer Quentin sagt, dass man Autofahren ebenso wenig verlerne wie Schwimmen oder Fahrradfahren. «Nach zehn Stunden sind die meisten wieder fit.»

Alle befragten Experten empfehlen Führerscheinbesitzern jedoch, es möglichst gar nicht soweit kommen zu lassen. «Wir raten allen ohne eigenes Auto, zwischendurch immer mal wieder zu fahren, um nicht ganz aus der Übung zu kommen», sagt DVR-Vertreter Rademacher.

Für ältere Verkehrsteilnehmer hat der DVR das Programm «sicher mobil» entwickelt. Es greift Themen auf, die für Pkw-Fahrer, aber auch Radler und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs relevant sind. Das Programm bieten zum Beispiel Verkehrswacht oder Automobilclubs an.

Dieses Angebot kann auch für alle wichtig werden, die nach dem Gang zum Arzt oder Fahrlehrer doch feststellen, dass sie sich nicht mehr fit genug zum Fahren fühlen. Denn auch wenn niemand die Senioren zwingt, ihre - oft noch graue - Lizenz abzugeben, appellieren Verkehrsexperten in diesem Fall an das Verantwortungsbewusstsein der Betroffenen. «Niemand sollte sich ans Steuer setzten, wenn andere gefährdet werden können - obwohl wir wissen, dass gerade auf dem Land individuelle Mobilität eine Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist», sagt DVR-Vertreter Rademacher.

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Autor
Clemens Schöll, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    19. März 2013, 10:29 Uhr
    Aktualisiert:
    19. März 2013, 10:33 Uhr