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Medienhaus Lensing
27.01.2012 06:03 Uhr
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Folgen eines Arbeits-Unfalls: 28-Jährige nach Kreuzband-OP an den Rollstuhl gefesselt

BOCHUM. Maja ist 28 Jahre alt und Physiotherapeutin. Doch die Bochumerin kann ihren Beruf nicht mehr ausüben, sie sitzt im Rollstuhl. Ohne ihre Einwilligung dehnten Ärzte eine Knie-Operation auf ihr gesundes Bein aus.Von Tobias Nordmann

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Die Sonne scheint, aber Maja ist an ihre Wohnung gebunden. Ohne Hilfe kommt sie das Treppenhaus nicht runter. (Foto: Tobias Nordmann)

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Maja schaut aus dem Fenster. Die Sonne scheint. Gerne würde sie ein wenig nach draußen gehen. Doch die 28-Jährige kann nicht, denn ihre Beine versagen den Dienst. Ihr linkes ist fast komplett taub und bewegungsunfähig. Einen Schritt zu gehen ist unmöglich. Ihr rechtes ist so gereizt, dass sie im Stehen extreme Schmerzen hat. Beides sind die schlimmen Nachwirkungen einer eigentlich harmlosen Kreuzband-Operation

Arbeitsunfall

Vor knapp einem Jahr, im Februar 2011, verletzte sich die Physiotherapeutin bei einem Arbeitsunfall. Eine Patientin drohte zu fallen, Maja versuchte sie zu heben. Plötzlich ein stechender Schmerz, es macht „knack“ im Knie. Sie ahnte: Irgendwas ist kaputt gegangen. Dass dies der Anfang einer unglaublichen Krankheits- und Krankenhausgeschichte wird – sie konnte es nicht wissen.

Heute, knapp ein Jahr später, kann und will sie über die schwere Zeit sprechen. Von Ende Mai bis Anfang September war ihr Alltag von Krankenbetten und Behandlungszimmern geprägt. Bis heute sind Schmerzen und Ungewissheit ihr täglicher, ihr quälender Begleiter. Immer wieder stellt sich die 28-Jährige die Frage: „Was ist damals schief gelaufen?“

Körpereigene Sehne

Damals, am 25. Mai 2011, bei der Kreuzband-Operation im Martin-Luther-Krankenhaus. Nach mehreren Untersuchungen bei unterschiedlichen Ärzten von Februar bis Mai lautete der Befund Kreuzbandriss. „Die Ärzte sagten mir damals, dass das vordere Kreuzband gerissen ist, beim hinteren waren sie sich nicht sicher.“ Maja willigte in die Operation ein, gab grünes Licht für die Methode, das zerstörte Band durch eine körpereigene Sehne aus dem linken, aus dem verletzten Bein zu ersetzen.

„Alles andere ist völliger Unsinn“, sagt die Physiotherapeutin. „Eine Operation an beiden Beinen gleichzeitig durchzuführen, davon haben wir den Patienten in der Physiotherapiepraxis immer abgeraten, da es wichtig ist, mindestens ein gesundes Standbein zu haben, um die Mobilität so schnell wie möglich wiederherzustellen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Für solch einen Eingriff hätte ich niemals, wirklich niemals, meine Zustimmung gegeben.“ Im Gefühl sich einem Routine-Eingriff zu unterziehen, wurde sie am Morgen des 25. Mai in den OP-Saal geschoben.

Das falsche Bein

Einige Stunden nachdem sie aus der Narkose erwacht war, spürte sie Schmerzen, starke Schmerzen im rechten Bein. Sie wunderte sich, schob vorsichtig die Decke beiseite, dann der Schock: „Oh Gott, die haben das falsche Bein operiert.“ Nein, schnell stellte sie fest, die haben mich an beiden Beinen operiert, ohne Zustimmung. Maja forderte eine Erklärung. „Die Sehne im linken Bein war zu dünn“, antwortete der Operateur. Eigenmächtig, so sagt Maja, habe er dann das rechte Bein geöffnet und dort die Sehne entnommen. „Sie haben jetzt ein „sehr dickes und stabiles Kreuzband“ . Ein Trost war das nicht. Im Gegenteil: „Ich dachte du A…., konnte aber nichts sagen, ich war zu perplex.“ Das linke Bein tat höllisch weh. „Trotz Schmerzkatheder war das kaum auszuhalten“, erinnert sie sich. „Und an vielen Stellen war das Bein taub.“ Die Ärzte erklärten ihr, erzählt sie heute, sie brauche Geduld, es würde sich schon geben. Aber es passierte nichts. Ein zwischenzeitliches Kribbeln in den Zehen, ein kleiner Hoffnungsschimmer, verschwand schnell wieder. Was blieb, waren die Schmerzen, das Gefühl der Taubheit und die Bewegungsunfähigkeit. „Es fühlte sich an wie eine betäubte Backe beim Zahnarzt“, sagt sie, das gelte für große Teile des Beins bis heute.

Neurologische Untersuchung

Eine zufrieden stellende Erklärung hat sie immer noch nicht. Auch externe Untersuchungen brachten kein Licht ins medizinische Dunkel. „Einmal“, sagt Maja, „wurde ich von einer Neurologin untersucht, sie hat mich gefragt, ob ich als Physiotherapeutin eine Erklärung habe. Da dachte ich nur, das kann nicht wahr sein.“ Und so ging der Untersuchungs- und Behandlungsmarathon weiter.

Vom Martin-Luther-Krankenhaus (MLK) wurde sie ins Bergmannsheil verlegt. Aber auch hier immer die gleichen Antworten auf die immer gleichen Fragen. Immer wieder wurde sie vertröstet. Zwischenzeitlich attestierten ihr die Mediziner eine dissoziative Bewegungsstörung. Das bedeutet: Sie hat ein Trauma, eine Kopfblockade.

„Manchmal habe ich mich echt verarscht gefühlt“, sagt Maja und erinnert sich zum Beispiel an den 8. Juni zurück. In ihren Entlassungspapieren aus dem MLK solle sie als „gehfähig“ eingestuft worden sei. Obwohl sie selbstständig noch keinen Schritt getan hatte – und mit einem Rollstuhl versorgt wurde. „Das war völliger Nonsens“, sagt Patientenanwalt Stefan Hermann. Der Jurist vertritt die Bochumerin, fordert Schadensersatz, eine sechsstellige Summe, vom MLK beziehungsweise von deren Versicherer.

Fristen verstrichen

Der hat sich aber bis heute nicht gemeldet, hat Fristen verstreichen lassen. „Das ist menschlich eine Schweinerei“, sagt der Jurist. Er ist dennoch guter Hoffung, dass seine Mandantin Recht – vielleicht sogar ein Stück Gerechtigkeit – bekommt. Er weiß aber: „Gut machen können wir damit nichts.“

Maja ist mittlerweile seit fünf Monaten zuhause, sie sitzt im Rollstuhl, ihren Job hat sie längst verloren. Sie hat sich zurecht gefunden, so gut es eben geht. Im Haushalt unterstützt sie ihr Freund. „Was ich alleine machen kann, das mache ich alleine“, sagt sie. Viel ist es nicht. Denn zuhause fehlen ihr die entsprechenden Möglichkeiten.

Wenig „Freigänge“

Ohne Treppenlift und speziellen Rohlstuhl ist sie an die Wohnung gefesselt – ausreichende Unterstützung von der Berufgenossenschaft bekomme sie nicht, sagt Maja. Das selbst zu finanzieren sei ihr nicht möglich. „Meine einzigen Freigänge sind die Tage, an denen ich von einem Transportdienst abgeholt werde und zum Arzt oder zur Physiotherapie gehen kann.“ Das ist zwei- bis dreimal die Woche, Tendenz fallend.

Mehrmals täglich arbeitet die 28-Jährige daher auch zuhause für ein bisschen mehr Normalität. Für ihre ersten Schritte, gegen den Rollstuhl. Das Schmerzensgeld will sie in ihre Gesundheit stecken. Denn irgendwann „will ich das Scheißding in die Ecke stellen.“ Irgendwann will sie wieder anfangen zu arbeiten, als Physiotherapeutin. „Das ist mein Traumjob“. Und irgendwann will sie wieder nach draußen gehen, in die Sonne, ohne fremde Hilfe.


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