Zeltfestival Ruhr: Die Grußworte von Jochen Malmsheimer
BOCHUM Elf Seiten umfasst das Manuskript. Es ist mit "Grußwort" überschrieben. Auch wenn Malmsheimers Texte eigentlich zum Hören und weniger zum Lesen gedacht sind, veröffentlichen wir hier Auszüge seiner Eröffnungsrede beim Zeltfestival.
Gewinner des Deutschen Kabarett-Preises 2009: Jochen Malmsheimer. (Foto: dpa)
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Wie wir alle wissen, leidet die jeweilige Obrigkeit dieser Stadt, wohlgemerkt nur die Obrigkeit, das aber seit Gründung der Gemeinde, also seit über 900 Jahren, unter der Tatsache, dass Bochum nicht Dortmund ist. Oder Essen. Selbst zu Witten hat es nicht gereicht. Und das nagt. Und bohrt. Und frisst. Und ätzt. Und löchert. Und brennt.
Cross-Border-Leasing-Geschäft
Image-Kampagne "Bochum macht jung"
Dies ist die Stadt, die eine Image-Kampagne in Auftrag gab, und die dann, nach Vergabe dieser Schwachsinnsidee ausgerechnet an eine, wie es scheint mental, wie handwerklich erloschene Essener Agentur, dem erbrüteten Slogan „Bochum macht jung!“ in paradigmatischer Gedankenarmut auch noch die Zustimmung erteilte, anstatt diesen als leuchtendes Beispiel für die Generalabsens von Intellekt und Verstand und für die geradezu erschütternde und maßlose Dumpfbichelei und Geschmacklosigkeit der so genannten Werbetreibenden auf die Halde arschdummer Gesichtsfurzereien zu werfen, und die dann die ganze Sache nicht wegen ihrer stupenden Blödigkeit einstellte, sondern weil es bei der Auftragsvergabe auch noch zusätzlich nicht mit rechten Dingen zugegangen war…
Konzerthaus
…dies ist die Stadt, die vollmundig, um nicht zu sagen: großmäulig, die Notwendigkeit zur Installation eines vollkommen unnützen Konzerthauses verkündet, ohne einen Bedarf dafür zu haben und die Kosten des laufenden Betriebes decken zu können, und das alles in einem Kulturraum, der inzwischen über mehr nicht ausgelastete Konzerthäuser verfügt, als er Orchester unterhält, und die das alles dann doch nicht hinkriegt, weil der Regierungspräsident zum Glück solchen und ähnlichen Unfug einer Gemeinde untersagt hat, die ihre Rechnungen in einer Größenordnung im Keller verschlampt, die unsereinen für Jahre in den Knast brächte und die finanziell noch nicht mal in der Lage ist, die Frostschäden des letzten Winters im Straßennetz zu beseitigen…
Platz des europäischen Versprechens
Apropos Kultur: Dies ist auch die Stadt, die einen „Platz des europäischen Versprechens“ für Kunst hält, anstatt sich einzugestehen, dass solcher Unfug nur etwas für die ganz besonders eitlen Idioten ist, denen es nicht schnell genug geht, ihren Namen auf einem Stein lesen zu können.
Neues Gymnasium
Apropos Bildung: Und natürlich ist das auch die Stadt, die, ohne mit der Wimper zu zucken und auf das langjährige Betreiben eines gescheiterten ehemaligen Schülers, ein seit Generationen über die Grenzen der Stadt wirkendes Haus humanistischer Bemühungen, eines jener am Daumen einer Hand abzuzählenden Dinge, die mal wirklich über die Grenzen dieses Weilers hinaus segensreich wirken, die solch ein Gymnasium also einfach weg haut und die Schüler und Lehrer aus den seit 150 Jahren mit Geist, Witz und Verstand imprägnierten ehrwürdigen Mauern in einen PCB-versuchten Bimsbunker sperrt, um dieses Filetgrundstück und das Gebäude anschließend an die Justiz zu verscherbeln!
Zum Zeltfestival
Dass es Heri, Björn und Lukas ausgerechnet in dieser Stadt zu so einer Zeit doch gelungen ist, ein solch schönes, ertragreiches und doch familiäres, mit großen Namen ebenso, wie mit den Abseitigen bestücktes, ein gerade im Detail so liebevoll gestaltetes, sich kulinarisch aus dem Brei erhebendes, fast Vip-Lounge-loses, in der Ladenstraße kaum Schrott, sondern Gutes und Eigenartiges anbietendes, ökologisch energieversorgtes, auf die Landschaft Rücksicht nehmendes und darob hernach fast spurlos verschwindendes, kurz: ein so famoses und spezielles Festival nun schon zum dritten Mal HIER auf die Europaletten zu stellen, muss als einzigartig betrachtet werden, macht mich sehr froh und illustriert das Können, den Willen, die Vorstellungskraft und den Teamgeist der Ideengeber und Organisatoren und ihren vielen Helferinnen und Helfer im Verein der Sparkasse und den Stadtwerken, die sich für diese besondere Sache leichten Herzens von Geld und Strom trennten, auf das Trefflichste!
Und wie man hört, war selbst die Stadtverwaltung mal kaum im Wege, ja hat in Teilen wohl nach ihrem Vermögen gar das eine oder andere sinnvolle Detail beisteuern können.
Eis und Bier
Doch das ist mir wurscht, wir haben es hier, das Fest, die Zelte stehen und bald geht es los. Ich für meinen Teil freue mich riesig und wünsche Ihnen allen die Zeit, mal neben ihren Pflichten einen Rundgang zu machen, sich auf der Piazza ein Eis oder ein Bier oder beides in dieser Reihenfolge zu gönnen und einen italienischen Augenblick im Gründen zu genießen.

























