Hans-Ehrenberg-Preis: Heimkinder erheben ihre Stimme
BOCHUM Bei der Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises am Dienstagabend an die Grünen-Politikerin Antje Vollmer kamen auch ehemalige Heimkinder zu Wort. Sie hatten zuvor vor der Kirche gegen die Preisverleihung protestiert. Vollmer und die Organisatoren stellten sich der Kritik.
Antje Vollmer bei der Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises. (Foto: Benedikt Reichel)
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Sie hatten geduldig zugehört, wie Preisträgerin Antje Vollmer und Margot Käßmann über den Krieg in Afghanistan, über die Revolution in Libyen und über Rechtsextremismus debattierten. Doch als mehrfach das Wort Versöhnung fällt, bricht der Damm. „Unrecht kann man nicht versöhnen“, ruft eine Frau. Ihr schwarzer Pullover mit dem orangefarbenen weinenden Kind darauf outet sie als ein Heimkind der 50er- und 60er-Jahre. Die Preisverleihung an Antje Vollmer ist für sie ein Affront. Der Vorwurf: Zu wenig habe sie sich beim Runden Tisch für die Belange der Heimkinder eingesetzt.
Vollmer scheut den Diskurs nicht. Der Runde Tisch sei der „intensivste Verständigungsprozess“ gewesen, den sie je durchgemacht habe. Doch wenn man einen Dialog führen wolle, müsse man sich für die Sicht aller Beteiligten offen zeigen. Das Neue und Gute an diesem Runden Tisch sei gewesen, „dass Kirchenfunktionäre und Staatssekretäre sich erstmals den Erfahrungen der Heimkinder stellen mussten. An einigen Tagen haben wir 20 Stunden lang Opfer-Berichte angehört“, so Vollmer.
Erschreckende Geschichten
„Hinter verschlossenen Türen“, kritisiert einer der Protestierenden. „Ich möchte ihre Arbeit nicht entwürdigen. Doch die meisten kennen das Schicksal von Heimkindern nicht. Ich war in einem Heim“, sagt eine Frau und tritt nach vorne ans Podium. Auch sie will reden, direkt zu Antje Vollmer, direkt auch zu den Gästen in der Christuskirche. Margot Käßmann reicht ihr ein Mikrofon. „Ich war in einem Heim, weil ich nicht mehr leben wollte. Weil ich die Schläge meines Vaters nicht ertragen habe. Nach dem Suizidversuch kam ich ins Heim“, berichtet die Frau.
Sie erzählt von Schlägen, von harter Arbeit, von Demütigung. „Wenn mir übel war, zwang mich die Erzieherin, mein Erbrochenes zu essen.“ In der Kirche ist es still. Käßmanns Blick ist betroffen. „Dass es so lange gedauert hat, bis die Opfer gehört wurden, das ist an dieser Geschichte das wirklich Fatale“, sagt sie. Weitere ehemalige Heimkinder erheben ihre Stimme. Etwa 50 hatten sich vor der Kirche zum Protest versammelt, einige verfolgten die Preisverleihung.
Die Unversöhnlichkeit muss die Gesellschaft ertragen
„Was hier heute passiert, muss man begrüßen“, sagt Vollmer und erklärt: „Dass die Heimkinder ihre Stimme erheben und sagen: Ich fühle mich unversöhnt. Und die Gesellschaft muss das ertragen.“ Antje Vollmer sitzt zwischen den Stühlen. 120 Millionen Euro hat sie am Runden Tisch für eine Stiftung errungen, die die Entschädigung der Opfer organisieren soll. Den Protestierenden ist das zu wenig. „Es war das, was möglich war. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, endet Vollmer.

























