Premiere Hikikomori: Wenn das Leben zur Qual wird
BOCHUM Ein Zimmer. Vier Quadratmeter klein. Eingesperrt. Kein Kontakt zu Mitmenschen. Für dieses Leben - das sich für uns wie ein Albtraum anhört - haben sich Hikikomori freiwillig entschieden.
- Arbeitsunfall beim Bochumer Verein 24-Jähriger in Transportwagen eingeklemmt
- Steven Sloane machte die Jahrhunderthalle zur doppelten Kathedrale Brücken von Bach nach Israel
- "Cyrano de Bergerac" Rohde hat die Nase vorn
- Bösch inszeniert "Die Ratten" Drama im Fantasie-Milieu
- Street-Artisten-Show Urbanatix trotzt der Schwerkraft
Hikikomori, zu deutsch "sich einschließen", dieser Begriff steht für das japanische Phänomen, und gleichzeitig als Beschreibung für die Menschen, die sich freiwillig vollständig von der Außenwelt abkapseln, in ihrem Zimmer oder in der Wohnung einschließen - und das für Monate oder sogar Jahre.
Hikikomori, so lautet auch der Titel des Bühnenstücks von Holger Schrober, das Regisseurin Martina van Boxen vergangenen Freitag im Melanchthonsaal auf die Bühne gebracht hat. H (Ronny Miersch) ist ein Hikikomori. Seit 8 Jahren verlässt er sein Zimmer nur für die Notdurft, seine Mutter ist krank vor Sorge um und Wut über ihn. Doch er lässt sich nicht beirren. Erfolgsdruck, ein junges Leben ohne Aufmerksamkeit der Mitmenschen und das Gefühl ein gesichtsloser Niemand zu sein, trieben ihn in diese Selbstisolation. Das ewige Müssen des Lebens ist zu viel für ihn.
Das rothaarige Mädchen
In seinem Zimmer hängt er seinen Erinnerungen nach, der Erinnerung an den ersten Kuss mit dem rothaarigen Mädchen - oder war es gar kein Kuss, sondern nur ein heimliches Nachstellen und Bewundern? Er ist sich nicht mehr sicher, wer er war, wer er ist. Er stinkt nach sich selbst, sagt er, kann keinesfalls hinaus.
Lediglich der Chat ist eine kleine Tür zum öffentlichen, wenn auch nur virtuellen Leben. Dort trifft er eine Person mit dem Namen "rosebud", ein rothaariges Mädchen, das ihn versteht, sich um ihn sorgt. Ist es das Mädchen seiner Erinnerungen?
Zuschauer ist Zaungast
Der Zuschauer ist Zaungast an seinem Zimmer, darf hineinblicken in den Kubus aus Reispapierwänden. Alle anderen Menschen bleiben außen vor, seine Mutter und auch rosebud werden nur als Video an eine Wand projiziert. Niemand darf zu H durchdringen, er ist allein.
Es ist unheimlich, wie lebhaft und glaubhaft Ronny Miersch die Rolle des H verkörpert, verloren in der Einsamkeit, doch unfähig sich und sein Zimmer zu öffnen.
Zimmer schließt sich
Hoffnungen keimen hin und wieder auf, drehen sich um das rothaarige Mädchen. Doch rabiat holt H die Wirklichkeit und die Angst vor der Umwelt ein. Sie schmettern ihn nieder und lassen ihn zusammenkauern. Bis er letztendlich die für den Zuschauer geöffnete Wand seines Zimmers schließt, ihn aussperrt - und sich vollends ein.

























