Svenja starb bei der Loveparade: Die Frage einer trauernden Mutter nach der Schuld
CASTROP-RAUXEL Claudia Reißaus steht der schwerste Tag noch bevor: Am kommenden Samstag ist der erste Todestag ihrer Tochter Svenja. Die 22-jährige Jura-Studentin aus unserer Stadt verlor ihr Leben bei der Loveparade. Wurde als letztes der 21 Todesopfer der Tragödie in Duisburg identifiziert.
Claudia Reißaus verlor bei der Loveparade-Tragödie ihre Tochter Svenja. (Foto: Schlehenkamp)
Noch so eine menschlich nicht fassbare Qual in dieser Verkettung von unentschuldbaren Pannen, dass Claudia Reißaus mit ihrem Ex-Mann erst am Sonntagmorgen nach der Katastrophe informiert wird, dass Svenja tot ist. Noch in der Frühe war den Eltern über die Hotline versichert worden, ihre Tochter zähle nicht zu den Schwerverletzten oder Toten.
Andreas, der Freund der jungen Frau, hatte zwar Samstagabend spät angerufen. „Und hat mir sein Beileid gewünscht, aber ich habe das überhaupt nicht realisiert“, sagt die 48-Jährige. „Svenjas Vater und ich, wir waren wirklich im Glauben, wir führen in ein Krankenhaus.“
"Das war so grausam"
Stattdessen erreicht den Vater ein Anruf im Auto mit Fragen nach Narben und Piercings. „Auch das wollte ich alles gar nicht wissen“, fühlt sie die Situation nach. Dann, bei der Polizei, bekamen sie ein Foto. „Da wussten wir, dass Svenja tot ist, das war so grausam“. Ein Psychologe sei da gewesen, „aber ich musste nach Hause und meinem Sohn sagen, dass seine Schwester tot ist“, ringt Claudia Reißaus um Fassung. Und spürt nach, wie’s war.
"Ich habe Hass empfunden"
Eigentlich wollte Svenja gar nicht zur Loveparade, sondern für eine Klausur lernen. Es kam so ganz anders.
„All das Mediengetöse, die Nachrichten, die übermittelt wurden, das hat mich überhaupt nicht interessiert, die Erklärungsversuche, ich habe Hass empfunden und das alles verflucht“, erklärt sie.
Was hat ihr Kraft gegeben in den vergangenen Monaten? „Meine Familie“, sagt sie ganz schnell. Die Sternenkinder, jener junge Verein, in dem sich Menschen finden, die ein Kind verloren haben. „Hier geht’s mir gut, hier fühle ich mich aufgehoben.“ Die Unterstützung von Pfarrer Hans-Jürgen Höppke. „Ich glaube nicht an Gott, aber der Pastor war und ist immer für mich da“, sagt sie.
Abschied am offenen Sarg
Er habe ihr auch den Rat gegeben, sich am offenen Sarg von Svenja zu verabschieden. „Sonst hätte ich immer noch geglaubt, sie käme gleich zur Tür hinein.“ Um bei der Mama Wäsche zu waschen. „Das hat sie bei unserem letzten Telefonat schon angekündigt, ihre Waschmaschine war doch kaputt“, erzählt die 48-Jährige ein bisschen aus dem Alltag der Tochter, die für ihren Lebensunterhalt bei McDonald’s jobbte, total fleißig gewesen sei und einfach eine Liebe.
An Svenjas Geburtstag Anfang des Jahres wollte sie eigentlich alleine sein. Ihre Familie hat sie aus dem Loch rausgeholt, sie gefragt, wie Svenja sich wohl den Tag gewünscht hätte. Gemeinsam haben sie ihr Rosen gebracht. Claudia Reißaus lächelt: „Und plötzlich hat meine Schwester Piccolos hervorgezaubert.“
"Hat sie Mama gerufen?"
Auf eine der vielen Fragen, vielleicht für sie die brennendste, hat sie Antwort bekommen. „Der Pastor hat mir gesagt, sie habe nicht leiden müssen. Und ich weiß ja nicht, ob sie vielleicht noch mal Mama gerufen hat.“ Auf viele andere Fragen wie die, warum ausgerechnet auch ihr Kind unter mehreren hunderttausend Besuchern sterben musste, gibt es keine Antwort. Svenja, die auf eigenen Füßen stand, habe einmal zu ihr gesagt: „Mama, ich mach was aus meinem Leben.“
Sie hätte so gerne erlebt, was aus ihr geworden wäre, sagt Claudia Reißaus gefasst. Jetzt denke sie an das Schöne, an die 22 Jahre, die sie mit Svenja erlebte. Das Dunkle, hat sie sich vorgenommen, soll kleiner werden. Die Trauer, sie wird immer bleiben. Aber die Achterbahn der Gefühle sich vielleicht verlangsamen. Ein einziges Mal war sie im Tunnel. „Unvorstellbar, was sie hier zugelassen haben“, sagt sie. Sonntag wird ein schwarzer Tag. Aber sie wird zur Gedenkfeier nach Duisburg fahren. Mit ihrer Familie – und Svenja im Herzen.















