Auf leisen Sohlen in die Geschichte der Industriekultur
DORTMUND Auf der Spur der Industriekultur pirschen Dennis Olbrich und Christian Hermann. Stillgelegte Fabriken, leer stehende Kasernen oder ausgediente Bunker ziehen sie an. „Schleichen“ nennen sie ihr Hobby. Fast lautlos und ohne eigene Spuren zu hinterlassen erkunden sie – häufig im Schein ihrer Taschenlampen – Ruinen im Ruhrgebiet.
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„Schleichen“ nennen Christian Hermann (28) und Dennis Olbrich (26) ihr Hobby. Sie gehen dorthin, wo das Leben und die Arbeit fort sind. Die Romantik des Gestrigen zieht sie an. Und die Ästhetik der Industrie, der Ruinen von stillgelegten Zechen, Bunkern, Kasernen.
Es riecht nach Gichtgas, Schlackenresten, altem Öl. Im Halbdunkel ist das alte Phoenix-Werk ein Abenteuer für alle Sinne. Eine Schlauchschelle kullert mit leisem Klirren über den Boden. Sekunden später dröhnt das Echo zigfach zurück von den hohen Wänden. „Ein fantastisches Geräusch, oder?“, wispert Dennis. „Die Dimensionen gehen über alle bekannten Grenzen hinaus“, flüstert Christian. Ihn reizt das Unbekannte, das enorme Ausmaß von Anlagen wie dieser. Ehrfürchtig leuchtet er mit seiner großen Taschenlampe in die Ecken, um die Kurven: „Es gibt so viel zu entdecken.“
Die Freunde widmen ihre Freizeit den Relikten der Vergangenhei
Vor fünf Jahren sind die Freunde zum ersten Mal in einen Bunker eingestiegen. Und widmen seitdem ihre Freizeit den Relikten der Vergangenheit. Sie bewegen sich nicht immer auf legalem Terrain. Das wissen sie. Christian fährt sich mit der rechten Hand durchs kurz geschorene Haar, erklärt: „Aber wir gucken nur.“ Nichts werde zerstört. Keine Spuren sollen zurückbleiben. So, als ob sie nie da gewesen wären. Dabei entdecken sie in Fabriken alte Dokumente, Schaltpläne, Zeichnungen. „Manchmal liegen noch die Zeitung und die Flasche Bier auf dem Werktisch. Als ob gestern noch jemand da gewesen wäre.“
Meist aber können sie still – und heimlich – genießen. Christian holt tief Luft beim Anblick der gigantisch großen Apparaturen der Fabriken. Dennis schwärmt von den versteckten Zugängen zu Bunkern. Diese Atmosphäre könne man nicht durch Bilder oder Erzählungen wiedergeben, glaubt er.
„Wenn man sieht, auf der Bank haben sie beim Luftangriff gesessen und gezittert, dann versteht man plötzlich.“ In dem Moment schreckt sie ein Geräusch auf. Angst? „Manchmal“, sagt Christian, „sträuben sich einem schon die Nackenhaare. Aber man kriegt schnell wieder Oberwasser.“ Schließlich gilt es, durch eine fremde Welt zu stöbern.

