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Medienhaus Lensing
10.03.2010 18:32 Uhr
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Aurubis-Erörterung: Zweiter Tag endete mit Diskussion um Dioxin- und Furanwerte

LÜNEN Messpunkte und Messwerte, Zielwerte und Grenzwerte: Die Diskussion um das Für und Wider einer Erweiterung der Aurubis-Kupferhütte tauchte Mittwochnachmittag tief ein in komplexe Details der Messanalytik. Dabei stand im Hintergrund, vor allem aus Sicht der Kritiker, immer die eine Frage: Gehen von dem Unternehmen, insbesondere wenn es noch erweitert werden sollte, Gefahren für die Gesundheit aus? Die Anhörung wird am Donnerstag fortgesetzt.Von Peter Fiedler

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Im Zentrum der Anhörung auch heute die Erweiterungspläne der Firma Aurubis. (Foto: Goldstein )

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18.11 Uhr

 Werksleiter Dr. Franz-Josef Westhoff buchte das Emissionsminderungsprogramm auf der Habenseite, berief sich auf bereits sinkende Schwermetallwerte im Staubniederschlag für Blei, Cadmium und Arsen zwischen 2006 und 2008. Da Teile des Programms erst im Laufe des Jahres 2009 umgesetzt wurden, geht man bei Aurubis fest davon aus, dass die Werte weiter sinken.
 
Messungen der von Aurubis beauftragten Firma Müller BBM für die Immissionsprognose im Rahmen des Genehmigungsverfahrens ergaben zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 keine Grenzwertüberschreitungen mehr für Schwermetalle im Staubniederschlag. Nur, und daran entzündete sich sofort eine Debatte, lagen diese Messpunkte weiter von der Kupferhütte entfernt als die zehn Messpunkte des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV). Das LANUV hatte noch 2008 Grenzwertüberschreitungen bei Blei, Cadmium, Arsen und Nickel registriert.

Diskussion über Lage der Messpunkte

Die Wahl der zwei Messpunkte begründeten Dr. Jörg Siebert und Dr. Alexander Robertz (beide Müller BBM) damit, dass im Bereich der für die Zukunft, nach einer Erweiterung, zu erwartenden höchsten Gesamtbelastung durch Aurubis gemessen werden müsse. Vertreter der Bezirksregierung versicherten, dass in die Genehmigungsentscheidung auch alle vom LANUV gemessenen Werte einfließen. Von besonderem Interesse sind die Werte aus dem Jahr 2009. Sie könnten eine weiter sinkende Tendenz der Schwermetallbelastung belegen, wie es Aurubis erwartet ­ oder auch nicht.

Die Werte liegen zwar behördenintern vor, sind aber laut LANUV vom zuständigen Ministerium noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Einwender Prof. Dr. Johannes Hofnagel argwöhnte, die Werte sollten möglicherweise angesichts vieler strittiger Industrieprojekte in NRW bis zur Landtagswahl zurück gehalten werden.


Langfristige Ziele der Luftreinhaltung

Versammlungsleiter Karsten Schmidt (Bezirksregierung) sicherte zu, es werde keine Entscheidung über die Aurubis-Erweiterung geben, bevor die LANUV-Messwerte aus 2009 vorliegen. An einem Messpunkt (Viktoriastaße) registrierte die Firma Müller-BBM eine Überschreitung des Zielwertes für Dioxine und Furane im Staubniederschlag. Laut Dr. Alexander Ropertz ist dies aber für das aktuelle Genehmigungsverfahren ohne Bedeutung, da es sich um einen Zielwert handele, der langfristige Ziele der Luftreinhaltung definiere.
 
Das Thema Dioxine/Furane ließ Prof. Dr. Ulrich Ewers, Leiter des Hygieneinstituts für das Ruhrgebiet, ins Visier der Einwender rücken. Sie warfen ihm vor, bei seinem Bodengutachten im Auftrag des Kreises Unna 2008 die Problematik durch Dioxine/Furane verharmlosend dargestellt zu haben. Ewers erklärte, es handele sich um „eine Belastung im oberen Bereich des urbanen Ruhrgebiets“. NRW-weit sei der Zielwert in vielen, auch ländlichen Gegenden, überschritten. Aus Sicht von Einwender Eckhard Kneisel (Grüne) geben erhöhte Dioxin- und Furanwerte generell ein falsches Signal: „Wir sollten die moderne Technik nutzen, um die Werte zu senken und nicht immer noch draufpacken“, forderte er.

13.51 Uhr

Bei Aurubis in Lünen gibt es bislang keinen Fall einer Berufskrankheit, die auf Schwermetalle zurück zu führen wäre. Das geht aus einer Erklärung des Unternehmens hervor, die Werksleiter Dr. Franz-Josef Westhoff verlas, bevor es am zweiten Tag des Erörterungstermins in die Mittagspause ging. Hier die Erklärung im Wortlaut:

„Nach telefonischer Rücksprache mit dem Leiter Gesundheitsschutz des Aurubis-Konzerns, Dr. Thomas Schultek, der auch als Werksarzt unsere Mitarbeiter im Werk Lünen betreut, ist uns kein Fall einer Berufskrankheit bezüglich Schwermetalle (Blei, Arsen, Kupfer, Nickel, Cadmium, Quecksilber) oder eine entsprechende Berufskrankheit die Atemwege betreffend, wie z.B. eine chronisch obstruktive Lungenkrankheit (z.B. Asthma) bekannt.
 
Wir weisen im Übrigen darauf hin, dass unsere Mitarbeiter mehrfach jährlich untersucht werden, so dass wir sicher sind, dass keine gefährdenden Expositionen an unseren Arbeitsplätzen auftreten. Dies lässt sich durch entsprechende medizinische Untersuchungsbefunde belegen, deren Ergebnisse vom Amt für Arbeitsschutz oder der zuständigen Berufsgenossenschaft RCI überprüft werden.

Bei Verdacht auf das Vorliegen einer Berufskrankheit wird durch die Berufsgenossenschaft immer ein entsprechendes Verwaltungsverfahren eingeleitet, so dass alle diesbezüglichen Fälle bekannt werden.“

Mit der Erklärung lieferte Aurubis die Antwort auf die Frage eines Einwenders nach dem Ausscheiden von Mitarbeitern aufgrund von Berufskrankheiten. Zunächst war die Frage nicht beantwortet worden.

12.18 Uhr


Erstmals während des Erörterungstermins zur Aurubis-Erweiterung schugen Mittwochvormittag die Wogen so richtig hoch. Streitpunkt waren die von Aurubis beauftragten Gutachter. Drei von ihnen waren auch im Auftrag von Kraftwerksbauer Trianel tätig und beim öffentlichen Erörterungstermin zum Kohlekraftwerk aufgetreten. Jurist Dr. Christoph Riese hatte Trianel ebenso durchs Genehmigungsverfahren begleitet wie jetzt auch Aurubis.

Befangenheitsanträge

„Kein Lerneffekt, keine Maßnahme, die Vertrauen fördert“, konstatierte Prof. Dr. Johannes Hofnagel für die Einwender. Er erinnerte daran, dass die betreffenden Gutachter beim Trainel-Erörterungstermin von den Einwendern „sehr kritisch“ gesehen worden seien, es Befangenheitsanträge gegeben habe. Wenn nun auch Aurubis die gleichen Gutachter beauftragt habe, werde die „stimmungsmäßige Gemengelage“ auf Seiten der Einwender ignoriert.

Generalverdacht

Es ist eine Unverschämtheit, die Gutachter unter Generalverdacht zu stellen“, konterte Dr. Riese für Aurubis. Keinem der Gutachter habe bislang ein Fehler nachgewiesen werden können. Aurubis sei bemüht gewesen, hochqualifizierte Gutachter zu bestellen und dabei offensichtlich auf der gleichen Linie wie Trianel.

Prof. Hofnagel wies den Vorwurf des Generalverdachts zurück. Es sei aber legitim zu fragen, warum die Gutachter ausgewählt worden seien. Er hätte sich Gutachter gewünscht, die einen Vertrauensvorschuss und Akzeptanz bei den Einwendern finden.

11.35 Uhr

Eine aus der Diskussion um das Trianel-Kraftwerk bekannt Debatte flammte auch beim Erörterungstermin zur Erweiterung des Aurubis-Werkes wieder auf: Macht die Umweltbelastung in Lünen Kinder krank? Ja, sagt Kinderarzt Dr. Karl Kluge, der 25 Jahre in Lünen praktizierte.

Häufung bei Pseudokrupp und Neurodermitis

Er zitierte aus einer Untersuchung an 867 Patienten in seiner Praxis, laut Kluge aus einem Quartal. Danach gab es in den Stadtteilen Alstedde, Nordlünen, Stadtmitte und Lippholthausen eine auffallende Häufung der Krankheiten Asthma Bronchiale, Pseudokrupp und Neurodermitis.

Kleine Patienten in der Hauptwindrichtung des Aurubis-Werkes seien besonders betroffen. Kluge hält den Zusammenhang mit Umweltbelastungen, u.a. durch Schwermetalle, „für einwandfrei bewiesen“. Wie schon bei der Debatte um das Trianel-Kraftwerk forderte er ein Biomonitoring, also Reihenuntersuchungen. „Man kommt bei den Behörden nicht weiter, man lässt das Recht der Kinder auf Gesundheit außen vor“, so Kluges resignierendes Fazit.

Datenbasis unzureichend

Für Aurubis widersprach Dr. Herbert Lichtnecker, Facharzt für Arbeitsmedizin, Allergologie und Umweltmedizin. Die Datenbasis sei unzureichend, um daraus Schlussfolgerungen aus medizinischer Sicht zu ziehen, zudem sei ein Quartal ein zu kleines Zeitsegment. Kluge habe außerdem zu undifferenziert diagnostiziert und Krankheitsbilder vermischt. Zudem sei die Belastung aufgrund der gemessenen Werte laut Lichtnecker so gering, dass ein Biomonitoring keinen Erfolg verspreche. Das Gesamtfazit des Mediziners: Unsicher erhobene Daten ohne wissenschaftliche Grundlage.

Dr. Kluge reagierte mit Sarkasmus: „Haben wir keine Gefahr, nur weil der dumme Kluge sie nicht beweisen kann? Wenn mir jemand das Gegenteil beweisen will, dann muss er hierher nach Lünen kommen, unter den gleichen Bedingungen arbeiten.“ Der Kinderarzt forderte: „Wenn wir wollen, dass die Kinder in Lünen gesund bleiben oder gesünder werden, müssen wir zusammen arbeiten."
 
Thomas Matthee erklärte für die Umweltverbände, ohne dass Dr. Kluge widersprach, die von Kluge erhobenen Daten stammten nicht aus einem Quartal, sondern aus der 25-jährigen Praxis des Kinderarztes. Für Dr. Lichtnecker war das eine Steilvorlage: „Die Zahl von 850 Patienten in einem Zeitraum von 25 Jahren ist als extrem gering anzusehen.“

Berufskrankheiten

Anwalt Dr. Christoph Riese betonte für Aurubis, man sehe das Thema Kindergesundheit durchaus, „aber die Ursache nicht“, also einen möglichen Zusammenhang zwischen Aurubis und gehäuften Erkrankungen. Auf die Frage eines Einwenders nach der Zahl der bei Aurubis aufgrund von Berufskrankheiten vorzeitig ausgeschiedenen Mitarbeitern gab es von Aurubis keine Auskunft.

9.55 Uhr

Zum Auftakt des zweiten Tages des Erörterungstermins zur geplanten Aurubis-Erweiterung bekam das Unternehmen Beifall von seinen Kritikern – für die Zusage, auch weiterhin auf die Verwertung radioaktiven Materials zu verzichten. Eine entsprechende Erklärung zum Verzicht auf die Verwertung von radioaktivem Material gab Werkleiter Dr. Franz-Josef Westhoff ab.

Danach ist Aurubis einverstanden, dass die Bezirksregierung Arnsberg in der vom Unternehmen erhofften Genehmigung für die Werkserweiterung in einer Nebenbestimmung zur Auflage macht, dass die gemäß Strahlenschutzverordnung freigegebenen radioaktiven Stoffe im Lüner Werk nicht verwertet werden dürfen. 

Westhoff erntete dafür Applaus der Einwender.

Am Vortag hatte Aurubis auf Nachfragen erklärt, derartige Stoffe zwar bislang nicht eingesetzt zu haben. Für die Zukunft wollte sich das Unternehmen aber noch nicht festlegen. Diese Festlegung lieferte Aurubis jetzt nach.

Um 18.15 Uhr endete der 2. Erörterungstag. Die Anhörung wird am Donnerstag fortgesetzt. Wir berichten weiter.



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