Fest im Fürstenhaus: Es waren zwei Königskinder - Berichte von 1950
BURGSTEINFURT Fürstin Sylvia zu Bentheim und Steinfurt und der Erbprinz Christian zu Bentheim und Steinfurt heirateten vor 60 Jahren. Am 26. August 1950 schrieb die niederländische Zeitschrift "De Spiegel" über die Hochzeit. Wir dokumentieren den Originalbericht.
Frisch vermählt: Das Brautpaar Fürst Christian und Gemahlin Sylvia zu Bentheim und Steinfurt.
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Es waren zwei Königskinder. Ganz nahe der Grenze lebt die alte Romantik wieder auf. 30 Prinzen und Prinzessinnen, 24 Grafen und Gräfinnen, sechs Freiherren und Freifrauen und fünf Fürsten wohnen der Hochzeit bei von einem Bentheim und einer von Pückler. Bekannte Namen aus unserer Geschichte: Bentheim, Waldeck-Pyrmont, Schaumburg-Lippe usw.
Deutschland bietet bestimmt nicht einen ermunternden Anblick, auch nicht fünf Jahre nach dem Kriege. Wenn man Deutschland lange nicht gesehen hat und nach geraumer Zeit dahin zurückkehrt, bemerkt man, daß sich aus der Verwirrung langsam eine Regulierung entwickelt hat und hofft, daß die Kraft, die sich direkt nach dem Kriege schon bei einigen kund tat, Gemeingut geworden ist. Man macht sich als Mensch seine Gedanken und Erwartungen über das Eine und das Andere.
Und je nach dem man laufenden Kontakt entbehren mußte, drehen diese Erwartungen mehr und mehr von der Wirklichkeit ab. Das gilt ebenso sehr für die Frau, zu der man hält, wie für das Land, das man als interessierter Beobachter einige Zeit beschrieben hat. Das Deutschland von heute ist nicht viel weniger verwirrt und unruhig und unsicher, es beisitzt nicht mehr oder weniger von diesen guten und schlechten Eigenschaften wie vor einem Jahr. Es ist dasselbe geblieben.
- VorbereitungenDer Festtagsbogen hängt schon
- Alle NamenDie Gästeliste der Fürstenhochzeit
- FotostreckeDie Hochzeit im Jahre 1950
- VermählungSo feierlich war es 1950 - ein Rückblick
- Vor der EheSie war auch ein Mädchen im gestreiften Pulli
- Berichte von 1950Es waren zwei Königskinder
- HintergrundHochzeit jährt sich zum 60. Mal
Auch nicht durch einen Überfallwagen in einem Kinderkarussell oder das Spielen von "Die Wacht am Rhein" durch ein kupfer- (Blas-) Orchester auf dem Schützenfest in Bentheim. Man denkt es sich so gestellt, auf einem alten Marktplatz sitzend, an einem kühlen Abend mit einem Glas Hellen vor sich. Das, was man so an Oberflächlichkeiten sieht und hört, ist der Wirklichkeit voraus oder kommt hinterher. Und das gilt sicher für das Deutschland von heute, wo die Verwirrung der Geister hohe Zeit feiert, obwohl es Tatsache ist, daß die Mark den normal hohen Kurs von 85 holländischen Cents ausmacht.
Es waren zwei Königskinder.
Es glänzt eine Augustsonne über Westfalen, die am späten Nachmittag warmrot glüht auf die Getreidestiegen, die auf dem Stoppelacker stehen und die hoch aufgeladenen Ackerwagen, wo ein Bauer mit breiten Schwingen die Getreidestiegen auflädt. Ein Pferd rennt auf der Weide hinter einem Trupp Kälber her. Mädchen in leichter Sommerkleidung radeln lachend vorbei. Es ist ein Tag, an den man alle Probleme von diesem Land verschieben möchte auf morgen oder übermorgen, um nun allein bloß etwas rund zu fahren, rund zu sehen, in einem kleinen Hotel zu übernachten, Butterbrote aus dem Papier zu essen und als ein rüstiger Wanderer von Dorf zu Dorf zu gehen, alte Städtchen zu betrachten wie man selbst will, ohne an ein Zeltschema gebunden zu sein.
Was will man? Westfalen liegt voll von alten Städtchen. Sich windende Straßen mit ungleicher Pflasterung steigen und fallen zwischen dicht aneinander gereihten Häusern. Neben Winkeln und Wohnungen, die in dem unpersönlichen Stil der vorigen Jahrhunderte aufgebaut sind, nächst Häusern und Hotels, die in straffer Stromliniennachahmung in das Gesamtbild eingefügt sind, trifft man die meist schattigen Giebel an, durchzogen mit Balken, bemalt in hellen Farben, Erinnerungen wachrufend an Dickens und die Bergdörfer von Bayern. Und gegen den Horizont, der der Wellenbewegung der Landschaft folgt, zeichnen sich zuweilen Burgen ab - schwarze Silhouetten in dem Gegenlicht, mit schwarzen Türmen und breiten Mauern, ausblickend über Stadt und Land.
Fotostrecke Historie zum Fest im Fürstenhaus
Und nicht weniger als der Eintagstourist sucht man nach der Romantik, von der diese Burgen erfüllt sind. Es muss eigentlich möglich sein, so meint man, diese Jahrhunderte alten Burgen einen Tag aus der Baedekersphäre zu holen und gerade sie in diesem zerrütteten Deutschland zum Leben zu erwecken. Nicht das Leben von Harnischen und Soldaten auf den Zinnen, aber das Leben wie es die mittelalterlichen Spielmänner besungen haben auf das Thema „Es waren zwei Königskinder“.Und gerade, wenn die Wunder in dem Leben der Menschen von heute erst dann kommen, wenn man sie nicht erwartet, und gerade, wenn das Leben immer aufs Neue beweist, daß noch alle Zeit Luftschlösser gebaut werden, die wohl bewohnbar scheinen und vielleicht auch wohl, weil dieses Land zu erbärmlich daliegt und weil von der Augustsonne und weil von --- Ach, was tun die Ursachen eigentlich hierbei? Tatsache ist in jedem Fall, daß in Westfalen ein Jahrhunderte altes Schloß liegt, das nicht allein bewohnt ist, aber wo der zufällige Passant Zeuge ist von einer Hochzeit eines Kronprinzen mit einer Gräfin. Und welcher Vorübergehende, wie nüchtern und skeptisch er auch nein mag, sollte nicht berührt werden durch diese Romantik, die ebenso alt ist wie das Herz von dem Menschen selbst?
Ein Schloss.
Alte Chroniken wissen zu erzählen, daß die Burg von Steinfurt, die in dem 12. Jahrhundert gebaut wurde, die älteste Wasserburg von Westfalen ist. Sie liegt da gleich außerhalb der Stadt, umringt von einem breiten Wasser, schmal und in einem halben Zirkel gebaut, in einer Verschmelzung von allen möglichen Stilen, zwischen denen Jahrhunderte vorübergegangen sind. Wenn man auf dem Innenhof steht, sieht man zunächst den Rittersaal, ein Stück in reinem romanischen und gotischen Stil aus 1204.
Die Brücken und Türme kann man unterbringen unter der italienischen Renaissance; sie stammen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Neben Spät-Renaissance findet man einen nicht näher zu bestimmenden Giebel, der Erinnerungen aufweckt an die napoleonische Zeit. Seit Rudolf II. von Stenvorde (später Steinfurt) - Gefährte von Friedrich Barbarossa auf dessen berühmten Kreuzzuge im Jahre 1190 - einen Anfang machte mit dem Bau von dieser Burg, haben sie viele Hände im Laufe der Jahrhunderte verändert. Nicht zuletzt Isabella von Hornes, Nachkömmling von unserem Grafen vom Hoorne, die unter anderem den famosen ovalen Eßsaal bauen ließ, zu dem die verstorbene Königin-Mutter Emma einen in blau und zartrosa ausgeführten ovalen Deventer Teppich schenkte.
Die Oranier haben das Schloß von Steinfurt übrigens mehrere Male besucht. Der alte Hofkutscher August Burchardt weiß zu erzählen, daß in dem offenen Landauer, der jetzt von dem Brautpaar gebraucht worden ist, drei hintereinander folgende Königinnen von Holland gefahren worden sind, darunter Prinzessin Wilhelmine, Königin Juliana (Patin der Prinzessin Juliane von Steinfurt).
Durch diese Erinnerungen bekommt die Hochzeit für den Passanten noch besondere Bedeutung: Kronprinz. Christian zu Bentheim und Steinfurt und Gräfin Sylvia von Pückler. Und darum ist man allzu gern bereit, für einen Tag, 7. August 1950, die Sorgen des Alltags zu vergessen: die 2 Invaliden mit der Drehorgel, den Überfallwagen auf der Kirmes und die deutsche Hausmutter, die Zucker hamstert wegen Korea.
Journal.
Die Liste der Gäste, die den Hochzeitsfeierlichkeiten beiwohnten, ist in sich selbst ein Kuriosem in unserer Welt, wo jedes Jahr mehr Königshäuser fallen und der Adel aus seinem feudalen Raum immer mehr zurückgedrängt wird in die Vergessenheit. Man notiert 30 Prinzessinnen und Prinzen, 24 Grafen und Gräfinnen, 1 Herzog, 6 Freiherren und Freifrauen und 5 Fürsten. Unter diesen befinden sich Persönlichkeiten wie Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, aus dem dänischen Königshause stammend, der Fürst von Lippe-Detmold, ein Neffe von Prinz Bernhard, Prinz Friedrich Karl von Preußen, die Fürstin von Waldeck und Pyrmont und Personen aus dem berühmten Geschlecht von Richthofen.
Nicht alle befinden sich in denselben Verhältnissen. Nicht alle sind unberührt durch diesen Krieg gegangen. Der Bräutigam verlor seinen Bruder, die Braut wurde mit ihren Eltern aus der russischen Zone ausgewiesen. Nicht viel anders erging es dem Grafen zu Dohna mit seiner Familie. Es ist nicht alles Pracht und Prunk und Glück. Man konnte dies deutlich wahrnehmen, auch an der Kleidung einzelner Gäste, denen man wider Erwarten eine gewisse Ärmlichkeit an- sah. Aber wie kann das auch anders sein?
Die ganze Hochzeitsfeierlichkeit war übrigens ziemlich mäßig. Aber gerade darum vielleicht um so lebensechter. Für Feinschmecker hatte man ein Menü für das Hochzeitsmahl aufgestellt: Königin-Pastete, Sekt, Kraftbrühe mit Einlage, Seezungenfilet in holländischer Soße und ein 1921er Chateau Margaux, verschiedene Gemüse, Kalbsbraten, Pommesfrites, Salate, Essigbirnen, 1929er Schloß Johannisberger, Fürst-Pückler-Eis, Käsegebäck. Diese Einfachheit sah man ebenfalls an den Mitteln der Beförderung, keine Kutschen und reich aufgemachte Kaleschen, aber ein offener Landauer für das Brautpaar, drei Luxuswagen und ein geliehener Autobus, der seine schönste Zeit schon ein Jahrzehnt hinter sich hat, für die Hochzeitsgäste.
Aber doch ist genug übrig geblieben, was in Jahrhunderten Tradition geworden ist. Das ist zum Beispiel die Brauttoilette, ein Kleid in schwerer Seide, ein kurzer Schleier von Seide, so alt, daß er einen sanftgelben goldenen Glanz aufweist. Und als Pastor Engel in der romanischen lutherischen Kirche die Ehe eingesegnet hatte, streute dar Brautpaar aus der Kalesche für die Kinder Bonbons und Geldstücke, nachdem die Kutsche erst angehalten wurde durch ein quer über den Weg gespanntes Tau. In der Mittagsstunde versammelten die Gäste sich auf dem inneren Schloßhofe, ungezwungen, farbig, beweglich.
Eine Gruppe schart sich rund um den Teich. Man hat Freude, wenn eine Schwester von der Braut, Gräfin Fee von Pückler, mit ihrem zart-rosa Brautjungfernkleid sich zwischen die Ameisen setzt. Man lacht, wenn Prinz Christian zum Schaumburg-Lippe in einer frohen Aufwallung quer durch den Teich läuft und zwei Stunden später noch nach naß gewordenen Hosenbeinen guckt. Man unterhält sich mit den Honoratioren aus dem Dorf, die gekommen sind das Brautpaar zu beglückwünschen, verteilt seine Aufmerksamkeit auf die Gäste, die unter den Bäumen in ländlicher Ausspannung beieinander sitzen, und wobei die Musikkapelle von der Schule von Steinfurt, deren Schirmherr der Fürst ist, musiziert. Dies alles ist so einfach wie möglich mit allen freudevollen und amüsanten Sachen und Begebenheiten aus dem täglichen Leben. Und vielleicht bekommt dadurch die Umgebung, das Jahrhunderte alte Schloß und die stattliche Eleganz des "Hofes", extra sinnvolle Bedeutung.
Im Vorbeigehen.
Wenn der lichtgraue Mercedes des Kronprinzen, mit Blumen verziert, klar steht, um das Brautpaar nach Gaildorf in Süddeutschland auf Hochzeitsreise zu bringen, dreht eine blutrote Sonne sich langsam unter dem Horizont weg. Die Hitze des Tages schwingt noch nach unter einem blauen Himmel, und wenn man auf der Brücke des Schlosses steht, hört man auf dem Innenplatz noch die Fröhlichkeit und die Bewegung der Gäste. Vor dem Eingang der Burg steht ein Mädchen mit einem Eiskarren.
Passanten stehen am Wege und versuchen, von dem Ereignis im Schlosse etwas wahrzunehmen. Auf der Terrasse eines Cafes sitzt ein alter Mann bei einem Glase Bier. Sein Gesicht ist eine getreue Wiedergabe von von Hindenburg. Zwei Weltkriege scheinen ihn äußerlich unberührt gelassen zu haben. Er ist ein Bild von dem Deutschland von vor 1914. Auf dem alten Marktplatz des Städtchens gehen ein Junge und ein Mädchen. An der Straßenecke stehen einige Männer im Gespräche, eine Frau besieht eine Schaufensterauslage. Man nimmt diese alles wahr, ohne es besonders zu beachten, kleine lose Bruchstücke, die das Leben einer Stadt ausmachen.
Als man auf dem Wege nach Hause das Schloß Bentheim, wo der Kronprinz seine Wohnung nehmen wird, passiert ist es schon weit und breit dunkel, aber die Luft ist noch erfüllt von der Annehmlichkeit des Sommerabends. Man erinnert sich an ein ganz altes Lied: „Es waren zwei Königskinder.“
Und dieser Passant, der zufällig ein Schloß und das Geschehen darin wahrgenommen hat, das nicht allein Baedekermaterial ist, sinnt bei sich selbst, daß das Glück der zwei Königskinder dauern möge, weil die Welt von heute diese Art von Menschenglück wirklich gebrauchen kann.
Bram van Echt
ZUR SACHE
Am 7. August jährt sich der Tag der Eheschließung von Fürst Christian und Fürstin Sylvia zu Bentheim und Steinfurt zum sechzigsten Male. 1950 wurde im engeren Verwandtschafts- und Freundeskreis in der Großen Evangelischen Kirche von Burgsteinfurt der Bund fürs Leben geschlossen. Anschließend wurde im Schloss Burgsteinfurt mit 63 geladenen Gästen die Hochzeit gefeiert. Eine holländische Zeitschrift hat in ihrer Ausgabe vom 26. August 1950 das große Ereignis ausführlich gewürdigt und dabei auch die Zeitumstände im Nachkriegsdeutschland beleuchtet.



















